SP-Grossrätin Kerstin Wenk hat die Hoffnung beinahe schon aufgegeben. 2014 war es, als sie ihre Motion zur Wiedereinführung der abgeschafften Einführungsklassen (EK) eingereicht hatte. «Eine Zeit lang hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass die Regierung jemals von ihrem strikt integrativen Ansatz abkehren und die Einführungsklassen wieder erlauben wird», sagt sie.

Bildungsdirektor Conradin Cramer will auf Anfrage nicht Stellung nehmen zum Prozess und lässt lediglich schriftlich mitteilen, dass es ihm wichtig sei, die Anliegen der Lehr- und Fachpersonen aus der Praxis ernst zu nehmen. Gleichzeitig hält er fest: «Es gibt nicht nur eine einzige sinnvolle Massnahme in der Schuleingangsphase. Einführungsklassen sind eine von mehreren Möglichkeiten.»

Deutlichere Worte findet Dieter Baur, Leiter Volksschulen. Er sagt: «Das EK-Verbot war nicht haltbar, das haben die Rückmeldungen sehr vieler Lehrpersonen gezeigt. Wir sehen die EK zwar weiterhin als eine von mehreren Möglichkeiten, aber wir wollen die Entscheidung den Schulleitungen überlassen.» Wichtig sei, dass der Grosse Rat nicht nur der Möglichkeit der Wiedereinführung der EK zustimme, sondern auch den dafür nötigen zusätzlichen Mitteln. «Ohne zusätzliches Geld müsste auf viele kollektive Fördermassnahmen verzichtet werden, was es unbedingt zu verhindern gilt. Die Abschaffung der EK war keine Sparmassnahme, sondern eine Verlagerung der Ressourcen, damit mehr Kinder davon profitieren können.»

Die Kosten für die Wiedereinführung werden vom Erziehungsdepartement auf zwei Millionen Franken pro Jahr geschätzt. Dafür sollen rund zehn Einführungsklassen entstehen, die Platz bieten für 140 Schülerinnen und Schüler. Grosse Schulen könnten eine eigene EK führen, kleinere Standorte müssten sich mit Nachbarschulen zusammenschliessen.

Jean-Michel Héritier, Präsident der freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt, ist froh, dass die Regierung die ersten Primarklassen entlastet. Er sagt: «Die erste und zweite Primarklasse steht derzeit enorm unter Druck, weil es die Lehrerinnen und Lehrer mit Kindern zu tun haben, die es so früher nicht gegeben hat. Wir haben immer wieder Fälle von Lehrpersonen, die von Erst- oder Zweitklässlern gebissen werden – das ist das Verhalten von Zweijährigen. Die Einführungsklasse ist zwar nicht für diese Art von Kindern, aber sie nimmt Druck weg von der Stufe, weil sie entwicklungsverzögerte Kinder gezielt fördert.»

Comeback von Kleinklassen?

Die Einführungsklassen, in denen Kinder mit Entwicklungsverzögerungen das erste Primarjahr in zwei Jahren absolvieren, war nur eine Sonderklassenform, die bei der letzten Basler Schulreform abgeschafft wurden. Ebenfalls gestrichen wurden die Kleinklassen. Im Baselbiet werden diese beiden Formen spezieller Förderung weiterhin angeboten, und es gibt auch im Stadtkanton Stimmen, die sich ebenfalls für ein Comeback der Kleinklassen starkmachen.

Volksschulleiter Baur glaubt jedoch nicht, dass der EK-Entscheid nun auch Begehrlichkeiten bezüglich Kleinklassen wecken wird. «Kleinklassen wären eine 180-Grad-Wendung des ganzen integrativen Prinzips; die EK hingegen sind zwar auch separativ, aber nur zeitlich begrenzt, mit der ganz klaren Vorgabe, dass die Kinder zurück in die Regelklasse kommen.»

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Warum es die Wiedereinführung der Einführungsklassen nicht zum Nulltarif gibt und was der Entscheid der Regierung auslösen könnte, lesen Sie im Kommentar von Samuel Hufschmid in der heutigen bz.