Der Regierungsrat hat diese Woche den Bebauungsplan für das Roche-Areal zu Handen des Grossen Rats verabschiedet. Er beantragt, die gegen die Pläne eingegangenen 89 Einsprachen abzuweisen. Zu reden gibt in der Stadt das geplante Bürohochhaus, das mit einer Höhe von 205 Metern den bestehenden Bau 1 um 27 Meter überragen wird. Umstritten sind im Quartier aber auch die anderen geplanten Bauten, vier Einzelgebäude mit 18, 28, 72 und 132 Metern Höhe. Wie geht Roche mit dem Widerstand im Quartier und in der Stadt um? Die bz hat Jürg Erismann, Leiter des Roche-Standortes Basel, in seinem Büro besucht.

Jürg Erismann, der Regierungsrat hat den Bebauungsplan Roche Nordareal bewilligt. Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt wird das Dossier in den Grossen Rat gehen, dann wird der Grosse Rat darüber befinden und einen Beschluss fassen, das dürfte im zweiten Quartal 2016 der Fall sein. Damit dürfte der Bebauungsplan etwa im dritten Quartal des 2016 Rechtskraft erhalten.

Wie schätzen Sie die Stimmung in der Stadt und im Quartier ein?

Wir haben nach der Fertigstellung von Bau 1 sehr viel positives Echo bekommen. Zusätzlich wurde ja auch die Grenzacherstrasse neu gestaltet, dies ist eine Aufwertung der ganzen Umgebung. Unsere weiteren Pläne zur Arealentwicklung haben wir frühzeitig kommuniziert. Wir haben auch die Nachbarn zu Dialogveranstaltungen eingeladen. Im Rahmen dieses Prozesses konnten wir uns auch um die Anliegen der Nachbarschaft kümmern, sodass wir auch von den Nachbarn sehr viel positives Echo erhalten haben. Selbstverständlich gibt es Sorgen darüber, was die Ausführung des neuen Bauprojekts für sie bedeuten könnte. In den letzten Wochen konnten wir jedoch weitere konkrete Entlastungsmassnahmen kommunizieren.

Sie sprechen die Beiträge an, die Sie für Lärmschutzfenster und Mietzinsreduktionen in der Nachbarschaft gesprochen haben.

Genau. Wir haben einen Perimeter festgelegt, in dem man während der Bauarbeiten über einen längeren Zeitraum mit einer höheren Lärmbelastung rechnen muss. Deshalb haben wir uns entschieden, proaktiv auf die Hauseigentümer zuzugehen, und in einem definierten Perimeter Schallschutzfenster einzubauen und eine Mietzinsreduktion anzubieten. Diese kann bis zu 30% der Miete oder des Eigenmietwerts betragen.

Das Roche-Gelände wird sich auf Jahre hinaus in eine Baustelle verwandeln. Was heisst das für die Anwohner?

Wir rechnen konkret mit einer Bauzeit bis etwa im Jahr 2022. Die Bautätigkeit wird aber nicht immer am gleichen Ort stattfinden, sondern immer wieder andere Bereiche unseres Geländes betreffen. Deshalb werden die Immissionen auch nicht immer dieselben Leute betreffen. Neben den angekündigten Massnahmen werden wir zusätzlich umfangreiche Schallschutzmassnahmen vornehmen und die Baulogistik noch weiter optimieren, sodass wir den Verkehr so weit wie möglich aus dem Areal heraushalten können.

Und was bedeutet die Bautätigkeit für die Mitarbeiter?

Da ist die Situation ähnlich wie bei den Anwohnern. Wir haben auch im Areal Bauten, die den Baustellen näher sind, auch da werden wir zum Beispiel Schallschutzmassnahmen treffen. Viele Roche Bauten haben bereits heute Fassaden mit schallisolierender Wirkung. Die Mitarbeiter haben jedoch auch Möglichkeiten, ihren Arbeitsalltag so zu gestalten, dass sie den Störungen nicht immer ausgesetzt sind. Sie können flexible Arbeitszeiten wählen oder zum Beispiel für Sitzungen in andere Gebäude ausweichen.

Die Hochhäuser führen zu einer weiteren Verdichtung im Quartier. Schon heute klagen Anwohner, dass man kaum mehr Parkplätze findet. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben ein striktes Mobilitätskonzept: nur wer länger als 45 Minuten mit öffentlichem Verkehr zur Arbeit benötigt, hat Anrecht auf einen Parkplatz auf dem Areal und diese sind dann auch noch gebührenpflichtig. Im Gegenzug unterstützen wir Mitarbeitende, die mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit kommen, oder auch mit dem Velo und zu Fuss. Die Handwerker und Bauarbeiter werden übrigens nicht im Quartier parkieren. Wir haben für sie Parkplätze im Messe-Parking angemietet und verpflichten sie vertraglich, dort auch zu parkieren. Mit umfangreichen Kontrollen stellen wir sicher, dass die Massnahme eingehalten wird. Von Nachbarn haben wir die Rückmeldung erhalten, dass sich die Situation verbessert habe. Wir werden unsere Bemühungen weiterführen.

Roche zahlt den Anwohnern viel Geld an Lärmschutzmassnahmen. Ist der Widerstand im Quartier damit überwunden?

Es geht nicht darum, Widerstand zu überwinden. Es gibt klare Kriterien, die wir anlegen. Die Immissionen können über einen Zeitraum substanziell sein. Dieser Situation möchten wir gerecht werden und leisten deshalb freiwillig Beiträge an Lärmschutzmassnahmen und Mitzinsreduktionen . Die Beiträge haben nichts damit zu tun, ob jemand Einspruch erhoben hat oder nicht.

Es hat gegen die neuen Türme deutlich mehr Einsprachen gegeben als gegen den ersten Turm. Es sind über 80 Einsprachen.

Die grosse Anzahl der Einnsprachen hat auch damit zu tun, dass der Verein Hauseigentümer und Anwohner Wettsteinquartier (HEAW) ein Formular vorbereitet hat und die Anwohner mit wenig Aufwand eine Einsprache einlegen konnten. Wir sind mit dem HEAW, den Quartiervereinen und mit den Anwohnern in Kontakt und haben mit ihnen die Punkte durchgesprochen. Ein Resultat sind die Beiträge an Schallschutzfenster und die Massnahmen, die wir angesprochen haben. Andere Themen wie die Verkehrserschliessung sind bereits in den Bebauungsplan eingeflossen. Offene Fragen und Anliegen gehen wir kontinuierlich an, wenn sie sich stellen.

Glauben Sie, dass der Widerstand sich legen wird?

Wir gehen davon aus, dass wir auf eine hohe Akzeptanz stossen. Man sieht, dass Roche ein grosses Engagement für das Projekt an den Tag legt. Und das Bauprojekt ist ein klares Bekenntnis zum Standort Basel und zum Forschungsstandort Schweiz. Wir sind schon 120 Jahren in der Stadt, sind gerne hier im Quartier Wir sind fest davon überzeugt, dass es ein gutes Projekt für die Stadt, den Kanton und die ganze Region ist.

Die Stadt reagiert aber zwiespältig auf die Türme: Die einen finden die Idee eines Ensembles gut, die anderen schrecken vor einem noch höheren Turm zurück. Wie wollen Sie die Stadt überzeugen?

Die Ausgangssituation für die Stadt Basel ist doch die: Wir haben nur eine eng limitierte Fläche zur Verfügung. Der Kanton hat 37 Quadratkilometer, auf dieser begrenzten Fläche kann man nicht anders, als in die Höhe zu bauen. Wir verdichten auf einem Areal, das heute bereits dicht bebaut ist, wir verbrauchen also nicht neue grüne Fläche. So gesehen ist das Hochhaus etwas sehr ökologisches. Es ist sicher auch sinnvoll, dass mehrere Hochhäuser als Gruppe konzentriert sind, wie das jetzt der Fall sein wird. Wir haben schon viel positive Rückmeldung bekommen, dass nun ein zweites Gebäude dazukommt, sodass die Häuser als Ensemble wirken können.

Roche ist derzeit auf viele Bürogebäude in der ganzen Stadt verteilt. Wie viele dieser Gebäude können Sie aufgeben, wenn die neuen Türme stehen?

Wenn wir das zweite Bürohochhaus fertig gestellt haben, dann können wir etwa 2000 Büroarbeitsplätze hier an der Grenzacherstrasse zusammenführen und entsprechende Mietkapazitäten in der Stadt zurückfahren. Wir haben derzeit in der Stadt Basel 13 verschiedene Standorte und beschäftigen über 3000 Mitarbeitende ausserhalb des eigentlichen Roche-Areals. Wir werden also auch nachher noch substanziell Flächen in der Stadt benötigen.

Die Bauprojekte berühren das Verhältnis von Roche zur Stadt grundsätzlich. Einerseits ist Roche in Basel und eine Basler Firma, andererseits ein Weltkonzern mit entsprechenden Ansprüchen. Wie viel Bodenhaftung in Basel haben Sie noch?

Roche ist schon sehr lange in der Stadt, hier ist die Heimat von Roche und mit unseren Plänen bekunden wir: Wir wollen an diesem Standort auch unsere Zukunft planen. Das ist gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein starkes Bekenntnis zum Standort Basel, zum Standort Schweiz. Wir sind der Stadt auch mit anderen Engagements in Kunst und Kultur eng verbunden, denken sie nur an das Tinguely Museum, und fühlen uns entsprechend heimisch.

Wie sorgen Sie dafür, dass die Basler Roche weiterhin als Gewinn für die Stadt begreifen und als Basler Angelegenheit?

Wir haben eine starke Ausstrahlung. Das merken wir bei den Lieferanten, die unsere Bauprojekte als herausragende Referenz sehen oder auch bei der Rekrutierung von Mitarbeitenden. Roche gilt in der Region als hervorragender Arbeitgeber, dies sehen wir täglich an den vielen Bewerbungen, die wir erhalten. Das Aussenbild ist sehr positiv. Basel erkennt sicher gerade mit unseren Bauvorhaben den Wert, den wir für die Region darstellen. Wir sind ein Unternehmen, das in der Region Basel über 10 000 Arbeitsplätze generiert und jetzt weitere drei Milliarden Franken hier in Basel investiert und dies in einem Industriezweig, dessen Ziel es ist, das Leben von Patienten zu verbessern. Das sind alles Faktoren, die von der Bevölkerung gesehen und geschätzt werden.

Trotzdem: Viele Basler sehen mittlerweile in einem Baukran etwas Negatives.

Es gibt durchaus viele Leute, die sehen, dass ein Kran etwas Positives ist. Gerade in einer Zeit, in der andere eher zurückhaltend investieren. Es ist nicht so, dass die Basler das Bauen nur als eine Lästigkeit ansehen. Man muss ja auch sehen, dass die Bauzeit vielleicht drei Jahre beträgt und die Nutzungszeit danach dreissig oder mehr Jahre.

Für die Anwohner können drei Jahre aber lang sein.

Für die Anliegen der Nachbarn haben wir Verständnis. Wir hatten schon immer einen engen Austausch mit den Nachbarn, nicht erst seit der Ankündigung unserer Bauvorhaben. Roche ist eine offene Firma, wir verstehen uns als Teil der Stadt. Wir sind mit dem Quartier vernetzt, so öffnen wir unter anderem unser Schwimmbad auch für die Nachbarn im Quartier, dies ist kein geschlossenes Fabrikareal. Und das soll auch so bleiben.