Dass vor Gericht jeweils zwei Seiten einer Geschichte verhandelt werden, dürfte kaum jemanden überraschen. Eher selten jedoch tauchen bereits im Vorfeld eines Gerichtstermins in den Medien zwei Versionen eines Falles auf. Der Saubannerzug vom 24. Juni 2016 ist so einer.

Mit der Veröffentlichung der Anklageschrift geriet jener Freitagabend – erneut – in den Fokus der Medien. «20 Minuten» und auch die bz schrieben darüber, wie Linksextreme durch die Stadt wüteten und eine Spur der Zerstörung hinterliessen. Rund fünfzig Vermummte hatten sich damals auf dem Schulhausplatz des Gymnasium Leonhard getroffen, um anschliessend entlang der 30er-Linie bis zum Unispital zu ziehen. Unterwegs demolierten sie Scheiben von Liegenschaften ihrer Gegner und BVB-Haltestellen, sodass ein Sachschaden von über 160'000 Franken entstand. Die Polizei konnte mehrere mutmasslich beteiligte Personen festnehmen.

Die Anklageschrift bot schliesslich einen Einblick, wer unter den Vermummungen gesteckt haben könnte. Unter den Verhafteten befanden sich offenbar mehrere Krawalltouristen. Eine Recherche der bz ergab, dass eine der Angeklagten die Tochter eines amtierenden Sicherheitsdirektors ist, allerdings nicht aus den Kantonen Basel-Stadt oder Baselland.

«Prime News» beisst sich rein

Auch «Prime News», ein neues Basler Online-Medium um den ehemaligen Baz-Lokalchef Christian Keller nahm sich der Sache an. Für seinen ersten Artikel auf dem Portal übernahm Keller ungefiltert die Sicht der Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift.

Welche Gesinnung ihm die Feder führte, verbirgt Keller kaum: Nicht nur outet er die Identitäten der Beschuldigten, auch lässt er keine Zweifel an der Schuld der Angeklagten, deren Position keinen Eingang in seinen Bericht fand. Bereits in der «Basler Zeitung» fast ein Jahr vor der Gerichtsverhandlung hatte Keller «lange Haftstrafen» für die Verantwortlichen gefordert.

Zürcher Aufmerksamkeit

Mit seinem Auftritt hat sich Keller seinerseits den Zorn der «Republik» gesichert, einem Zürcher Onlinemedium. Dieses spart nicht mit Kritik an der Berichterstattung von «Prime News» und schlägt auf die andere Seite aus: Die «Republik» übernimmt die Darstellung von Anwältin Manuela Schiller. Sie vertritt eine Mandantin, die an besagtem Abend gar nicht in Basel gewesen sei und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Basler Justiz: «Die Polizei hat ihren Job nicht gemacht.» Und: «Grundsätzlich frage ich mich, wie eine derartige Anklageschrift überhaupt möglich ist?»

Grund für die Beschuldigung ihrer Mandantin sei einzig eine SMS an einen der Beteiligten am Vorabend zu den Krawallen gewesen. Dieses, gemäss Schiller eine Aufforderung zu einer Theaterprobe, habe die Polizei als Mobilisierung zum Vandalenakt missinterpretiert. «Juhuuu hüt ab uf strass.. händer scho euäs zügs? kostüm? requesitä? freu mi uf eu!», schrieb die Beschuldigte gemäss «Republik» ihrem Bekannten. Die Zürcherin sei aber Mitglied einer Gruppe für Theater im öffentlichen Raum. Auch eine bereitwillig abgegebene DNA-Probe habe keine Verbindung zu den Vorfällen in Basel ergeben.

Weil die Staatsanwaltschaft sich nicht zu laufenden Verfahren äussern darf, muss letzten Endes auch diese Version der Geschichte unkontrolliert bleiben. Zumindest bis zum 26. Oktober: Dann verhandelt das Gericht den Fall.