Demonstration

Basler Schüler schwänzen gegen Klimawandel – und riskieren unentschuldigte Absenzen

Bei der letzten Schülerdemo 2003 waren tausende Jugendliche auf dem Marktplatz – damals protestierten sie gegen die US-Invasion im Irak.

Bei der letzten Schülerdemo 2003 waren tausende Jugendliche auf dem Marktplatz – damals protestierten sie gegen die US-Invasion im Irak.

Basler Schüler demonstrieren am Freitag auf dem Marktplatz gegen den Klimawandel. Das Basler Erziehungsdepartements will für Demo-Teilnahme keine Ausnahme machen.

Die Basler und Baselbieter Schüler wollen ihren Teil zur Rettung des Klimas beitragen und sich an den weltweiten Protesten beteiligen. Heute Freitag findet die Kundgebung auf dem Basler Marktplatz statt – um elf Uhr. Das Problem: Sie müssen dafür die Schule schwänzen. Denn das Erziehungsdepartement (ED) will auch angesichts des hehren Ziels, die Erwachsenen auf ihren verantwortungslosen Lebensstil hinzuweisen, kein Auge zudrücken.

«Das Anliegen ist dem ED sympathisch», sagt Mediensprecher Simon Thiriet zwar. Es sei wünschenswert, dass sich Schülerinnen und Schüler engagierten. Dies könne aber keine Beurteilungsgrundlage für den Umgang mit Absenzen an den Schulen sein. «Ein Streik ist ein Streik und will ja auch ein Streik sein. Ein von den Schulen ermöglichter Streik würde an Wirkung verlieren, das wäre dann sozusagen ein Schulanlass», folgert Thiriet.

21. Dezember 2018: Hunderte Schüler demonstrierten in der Innenstadt.

Die Schüler demonstrierten am Freitag in der Basler Innenstadt.

Die Order an die Schulleitungen lautet: Absenzen, die mit dem Streikanliegen begründet sind, sind als unentschuldigtes Fernbleiben zu taxieren. «Wir sind sicher, dass die Schulleitungen das notwendige Augenmass nicht vermissen lassen werden», sagt der ED-Sprecher. Neben den Schülern, die sich um die Vorgaben des Kantons foutieren, gibt es auch noch Lehrer, welche die Proteste unterstützen. Ein Schüler des Gymnasiums Leonhard sagt: «Einzelne Lehrer haben uns schon zugesichert, dass sie uns keine Absenz eintragen werden – unabhängig davon, was die Schulleitung vorschreibt.»

In der Fachmaturitätsschule beteiligt sich gar die Schulleitung am Aufstand gegen die kantonalen Vorgaben. In einer Mail, welche der bz vorliegt, schreibt sie den Lehrern: «Wir haben beschlossen, dass wir die Teilnahme interessierten Schülerinnen und Schülern genehmigen.» Schüler, die zur Demo gingen, dürften sich um 10.40 Uhr abmelden, müssten aber zur Zeugnisübergabe 12.15 wieder zurück sein.

Zuvor hatten Demonstranten verschiedener Basler Gymnasien sowie dem Gymnasium in Münchenstein und den Fachmaturitätsschulen eine Mail mit dem Status «Wichtigkeit: Hoch» an die Lehrer beziehungsweise die Schulleitungen verschickt. «Uns bleiben nur noch zwölf Jahre Zeit», schreiben sie unter anderem, «um durch Senkung des CO2-Ausstosses die Weltwirtschaft drastisch zu verändern. Wir müssen dringend handeln, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.»

Nicht bewilligte Demonstration

In den anderen Basler und Baselbieter Schulen gilt trotz Sympathien für den jugendlichen Aufstand, der im Nachgang des Klimagipfels in Polen auch in anderen Schweizer Städten organisiert wird, eine strenge Absenzenregelung. Gabriel Hänggi, Rektor des Gymnasiums Münchenstein, sagt: «Wir haben das mit der Schülervertretung besprochen, aber sind zum Schluss gekommen, dass die Angelegenheit zu spät an uns rangetragen wurde.» Auf Skepsis stösst bei einigen Schulleitungen offenbar auch, dass die Demonstration von der Polizei nicht bewilligt worden ist. Dies hat gemäss Polizeisprecher Martin Schütz den schlichten Grund, dass kein Gesuch eingetroffen sei.

Durchaus schuldbewusst stellen die Demonstranten fest, dass ihr Aufruf zur Rettung des Weltklimas auch mit weniger Regelverstössen möglich gewesen wäre. Warum etwa können sie nicht einfach nach der Schule demonstrieren statt zu schwänzen? «Eine berechtigte Frage», räumt Philipp Kramer ein, Mitorganisator der heutigen Kundgebung. «Aber wir haben das Ganze in den Kontext gestellt mit der schwedischen Schülerin Greta Thunberg, welche die Schule immer freitags schwänzt, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.» Denn: «Was bringt das ganze Wissen der Schule, wenn wir es nicht anwenden?»

Unklar ist, wie die Schulen das vom Erziehungsdepartement geforderte Augenmass bei den Schulschwänzern anwenden. Münchensteins Rektor Hänggi sagt, unter diesen Umständen müssten die Streikenden eine unentschuldigte Absenz in Kauf nehmen. Komfortabler ist die Situation von vielen Schülern am Gymnasium Leonhard. Hier sieht das Kontingentsystem vor, dass acht unentschuldigte Absenzen möglich sind. «Aber», sagt Kramer, «wir sind am Ende des Semesters. Einige haben ihr Kontingent schon aufgebraucht.»

Auch in Bern versammelten sich über 1000 Jugendliche auf dem Bahnhofplatz, um für das Klima zu streiken:

Jugendliche streiken schweizweit für das Klima (21. Dezember 2018)

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