Seniorenkonferenz
Basler Seniorenkonferenz: Eine Drehscheibe für die Anliegen älterer Menschen

Markus Benz (75) ist Präsident der im September gegründeten Seniorenkonferenz 55+. Im Interview erklärt der Noch-Grossrat, warum sich die Basler Seniorenorganisationen in einem Verein zusammengeschlossen haben und warum Senior sein mit 55 beginnt.

Pascale Hofmeier
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Herr Benz, warum braucht Basel eine Seniorenkonferenz?

Markus Benz: Die Seniorenkonferenz besteht schon seit 2003 und hiess damals Alterskonferenz. Sie wurde als Dachorganisation der Seniorenorganisationen der Region gegründet, seit diesem September sind wir ein Verein mit klaren Strukturen. Wir warten nun auf den politischen Entscheid für das neue Basler Altersleitbild, danach möchten wir zu einer Drehscheibe für die Anliegen der Seniorinnen und Senioren werden. Als Informations- und Zusammensitzgremium können wir aber zur Entwicklung in der Seniorenpolitik wenig beitragen. Um eine Stimme in der Politik, der Verwaltung und der Öffentlichkeit zu haben, braucht es Strukturen.

Altersleitbild überarbeiten

Basel-Stadt ist dabei, seine künftige Alterspolitik auszurichten. Eine Umfrage unter den über 55-jährigen Baslerinnen und Baslern dient als Grundlage. Die Resultate der Umfrage wurden im Mai präsentiert, noch wurden die neuen Leitlinien nicht präsentiert. Das erste Leitbild für eine umfassende Alterspolitik hat Basel-Stadt 2007 geschaffen. Damals wurde die Unterscheidung zwischen der Alterspflegepolitik und der Ausrichtung auf aktive Senioren eingeführt und ein Seniorenforum als Bindeglied zwischen der Verwaltung und den Seniorinnen und Seniorenorganisationen gegründet. Im Seniorenforum hat die Seniorenkonferenz 55+ Einsitz. Der Dachorganisation sind unter anderem die Grauen Panther, der Seniorenverband Nordwestschweiz, die Pensioniertenvereinigungen der Novartis, des VPOD und der Unia sowie die Avivo angeschlossen. (hpa)

Mancher mit 55 würde sich bedanken, als Senior bezeichnet zu werden. Warum setzen Sie dort an?

Das ist eine willkürliche Grenze. Mitte 50 wird die Pensionierung und damit das Älterwerden ein Thema. Ob man das will oder nicht. Und weil die Menschen länger leben, verlängert sich die Zeit nach der Pensionierung. Lange hat das nur die Wirtschaft begriffen und davon profitiert. Sie darf aber nicht die Einzige sein, die aktive Seniorenpolitik betreibt. Für uns ist es auch ein Ziel, beispielsweise die Parteien ins Boot zu holen. Die interessieren sich in der Regel aber nicht für die Alterspolitik, obwohl diese Bevölkerungsgruppe stark wächst.

Woran liegt das?

Es ist bisher zu wenig attraktiv für die Parteien. Es gibt keine seniorenpolitische Lobby, obwohl es immer mehr ältere Menschen gibt. Aber der Kanton Basel-Stadt hat sich schon früh mit den Senioren beschäftigt, bis 2007 aber nur mit der Alterspflegepolitik. Dann kamen die aktiven, selbstständigen und gesunden Senioren hinzu mit ihren Anliegen. Abgesehen davon: nicht nur die Politik, auch die Verwaltung hat Nachholbedarf. Bisher waren die Altenprobleme für die Verwaltung mehrheitlich Gesundheitsprobleme. Die gesunden Senioren waren lange Zeit kein Thema.

Welche Anliegen sprechen Sie an?

Wir wollen vor allem die aktiven älteren Menschen dabei unterstützen, möglichst lange selbstständig zu sein. Im Bereich altersgerechtes Wohnen heisst das nicht nur barrierefrei, sondern auch die Möglichkeit, Serviceleistungen zu nutzen. Wir versuchen zum Beispiel den Investoren gemischte Wohnformen schmackhaft zu machen oder solche, in denen auch gemeinschaftliche Wohnräume eingeplant sind, man also zum Beispiel zusammen kochen kann.

Hat Basel Nachholbedarf bei der Seniorenpolitik?

Das haben alle Kantone. Und wenn Basel seine Leitlinien aktualisierte hat, dann ist die Stadt wieder der Wegbereiter für alle anderen, die es dann nachmachen können, dürfen und sollen.

Wo liegt der Nachholbedarf?

In Sachen Wohnen, aber auch bei den Möglichkeiten zur Selbstversorgung. Und da gibt es über das Internet neue Möglichkeiten, die wir fördern wollen. Zum Beispiel nutzen erst ganz wenige die Möglichkeit, online einzukaufen.

Sie wollen den Senioren das Internet näherbringen?

Ja, da ist noch eine wahnsinnige Schwellenangst vorhanden, die wollen wir abbauen. Aber es gibt noch weitere Themen, zum Beispiel die Unterstützung durch Nachbarnetze, Quartierzentren und Stadtteilsekretariate, aber auch den Einbezug weiterer Organisationen, zum Beispiel von Pro Senectute.

Was müssen die Senioren selber beitragen, um ihre Situation zu verbessern?

Sie müssen versuchen, die Entwicklung mitzumachen. Für die Senioren und ihre Organisationen heisst das: Sie müssen aktiv mitarbeiten.

Pro und Contra zur Frage, ob Senioren wirklich eine Lobby brauchen

Pro: Es braucht eine Seniorenlobby von Remo Gysin «Wir sollten auf keinen Fall die Generationen gegeneinander ausspielen. Es ist deshalb eines der wichtigsten Ziele sowohl der Seniorenkonferenz wie der Grauen Panther, generationenübergreifend zu arbeiten. Ein besonders wichtiges Projekt haben wir mit dem Erziehungsdepartement und mit den Schulen im Kanton Basel-Stadt. Wir suchen die Nähe von Jung und Alt, wir betrachten die Familie insgesamt. Sicher haben die Generationen unterschiedliche Blickwinkel. Ältere Leute hatten alle einmal eine Jugend. Sie wissen, was es heisst, jung zu sein. Für einen Jugendlichen dagegen ist das Alter noch weit weg. Er weiss nicht aus eigener Erfahrung, was es heisst, alt zu sein. Gleichwohl gibt es spezifische Altersfragen, die zeigen, dass die ältere Bevölkerung ihre Interessen vertreten muss. Ich denke etwa an den Abbau von AHV- und Pensionskassenleistung oder an Diskriminierungen durch Altersgrenzen. Etwa die Alterslimite 70 beim Bankrat oder beim Vorstand von Tourismus Basel. Dahinter steht die Annahme, dass man mit über 70 nicht mehr fähig ist, ein Amt auszuführen. Geradezu diffamierend ist es, wenn man wie in der letzten «SonntagsZeitung» von einer «Seniorenfalle» redet und behauptet, es gebe «schlichtweg zu viele Senioren».Günstigere Preise sind nach wie vor für viele ältere Menschen wichtig. Keine andere Altersgruppe hat so ungleiche Einkommen und Vermögen wie die über 60-Jährigen. 12 Prozent der Altersrentner brauchen Ergänzungsleistungen. Es gibt vor allem bei den Frauen eine Altersarmut: Viele Frauen erhalten keine oder nur sehr kleine Pensionskassenbeiträge. Natürlich geht es vielen gut, aber man muss das Ganze sehen und darf die Minderheiten nicht vergessen. Das trifft nicht nur die Alten, sondern Arme generell. Es sollten alle Armen in den Genuss von Vergünstigungen kommen.Wenn man die kantonalen Parlamente ansieht, stellt man fest, dass sich niemand schwerpunktmässig der Alterspolitik widmet. Man setzt sich ein für Bildung, Schule, Jugend, aber nicht für das Alter. Deshalb braucht es eine Seniorenlobby.» Remo Gysin ist Co-Präsident Graue Panther BS. Aufgezeichnet von Matthias Zehnder

Pro: Es braucht eine Seniorenlobby von Remo Gysin «Wir sollten auf keinen Fall die Generationen gegeneinander ausspielen. Es ist deshalb eines der wichtigsten Ziele sowohl der Seniorenkonferenz wie der Grauen Panther, generationenübergreifend zu arbeiten. Ein besonders wichtiges Projekt haben wir mit dem Erziehungsdepartement und mit den Schulen im Kanton Basel-Stadt. Wir suchen die Nähe von Jung und Alt, wir betrachten die Familie insgesamt. Sicher haben die Generationen unterschiedliche Blickwinkel. Ältere Leute hatten alle einmal eine Jugend. Sie wissen, was es heisst, jung zu sein. Für einen Jugendlichen dagegen ist das Alter noch weit weg. Er weiss nicht aus eigener Erfahrung, was es heisst, alt zu sein. Gleichwohl gibt es spezifische Altersfragen, die zeigen, dass die ältere Bevölkerung ihre Interessen vertreten muss. Ich denke etwa an den Abbau von AHV- und Pensionskassenleistung oder an Diskriminierungen durch Altersgrenzen. Etwa die Alterslimite 70 beim Bankrat oder beim Vorstand von Tourismus Basel. Dahinter steht die Annahme, dass man mit über 70 nicht mehr fähig ist, ein Amt auszuführen. Geradezu diffamierend ist es, wenn man wie in der letzten «SonntagsZeitung» von einer «Seniorenfalle» redet und behauptet, es gebe «schlichtweg zu viele Senioren».Günstigere Preise sind nach wie vor für viele ältere Menschen wichtig. Keine andere Altersgruppe hat so ungleiche Einkommen und Vermögen wie die über 60-Jährigen. 12 Prozent der Altersrentner brauchen Ergänzungsleistungen. Es gibt vor allem bei den Frauen eine Altersarmut: Viele Frauen erhalten keine oder nur sehr kleine Pensionskassenbeiträge. Natürlich geht es vielen gut, aber man muss das Ganze sehen und darf die Minderheiten nicht vergessen. Das trifft nicht nur die Alten, sondern Arme generell. Es sollten alle Armen in den Genuss von Vergünstigungen kommen.Wenn man die kantonalen Parlamente ansieht, stellt man fest, dass sich niemand schwerpunktmässig der Alterspolitik widmet. Man setzt sich ein für Bildung, Schule, Jugend, aber nicht für das Alter. Deshalb braucht es eine Seniorenlobby.» Remo Gysin ist Co-Präsident Graue Panther BS. Aufgezeichnet von Matthias Zehnder

Kenneth Nars
Contra: Familien kommen zu kurz von Claude Janiak «Ob es eine Lobby für Senioren braucht, muss jeder selbst entscheiden. Es ist aber sicher nicht so, dass die Senioren in der politischen Realität zu kurz kommen. Es beginnt damit, dass das Stimm- und Wahlvolk immer älter wird und gut und gern um einen Altersdurchschnitt von 70 Jahren herumkreist. Das kann man den Senioren natürlich nicht zum Vorwurf machen. Es liegt an den Jungen, sich einzumischen und mitzuarbeiten. Es bedeutet aber, dass die Senioren zu Wort kommen und gehört werden.Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass es der Generation, die heute in Rente ist, gut geht. Es ist noch keiner Rentengeneration so gut gegangen wie der heutigen. Es geht nur wenigen Senioren wirklich schlecht. Generell günstigere Preise für Senioren sind deshalb überholt.Im Gegensatz zu den Senioren kommen die Menschen, die in der Schweiz Erziehungsaufgaben wahrnehmen, zu kurz. Sie bräuchten eine Lobby, nicht die Alten. Unsere Gesellschaft mag einen Jugendkult pflegen. Dass alle jung und schön bleiben wollen, bedeutet aber nicht, dass die Gesellschaft kinderfreundlicher geworden ist. Die Jugendlichen haben heute sicher weniger Freiraum als früher und sind in einem engeren Korsett, als wir es einmal waren. Die Jugend ist auch nicht schlechter, als sie es früher war. Die Jugend widerspiegelt das, was ihr von uns Erwachsenen und Älteren vorgelebt wird. Ich habe nichts dagegen, dass Senioren ihre Interessen wahrnehmen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass diese Generation zu kurz kommt in den politischen Beschlüssen. Die Leute werden immer älter, es geht ihnen besser. Es ist ja auch schön, dass sich die älteren Menschen aktiv einmischen wollen. Es sagt aber nichts über die Bedürfnisse und Probleme aus. Die Erwerbstätigen und erst recht die Menschen, die sich daneben noch um Kinder kümmern müssen, haben leider selten die Zeit, sich politisch einzumischen. Sie müssten in der Politik mehr Beachtung finden.» Claude Janiak ist Ständerat BL für die SP, aufgezeichnet von Matthias Zehnder

Contra: Familien kommen zu kurz von Claude Janiak «Ob es eine Lobby für Senioren braucht, muss jeder selbst entscheiden. Es ist aber sicher nicht so, dass die Senioren in der politischen Realität zu kurz kommen. Es beginnt damit, dass das Stimm- und Wahlvolk immer älter wird und gut und gern um einen Altersdurchschnitt von 70 Jahren herumkreist. Das kann man den Senioren natürlich nicht zum Vorwurf machen. Es liegt an den Jungen, sich einzumischen und mitzuarbeiten. Es bedeutet aber, dass die Senioren zu Wort kommen und gehört werden.Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass es der Generation, die heute in Rente ist, gut geht. Es ist noch keiner Rentengeneration so gut gegangen wie der heutigen. Es geht nur wenigen Senioren wirklich schlecht. Generell günstigere Preise für Senioren sind deshalb überholt.Im Gegensatz zu den Senioren kommen die Menschen, die in der Schweiz Erziehungsaufgaben wahrnehmen, zu kurz. Sie bräuchten eine Lobby, nicht die Alten. Unsere Gesellschaft mag einen Jugendkult pflegen. Dass alle jung und schön bleiben wollen, bedeutet aber nicht, dass die Gesellschaft kinderfreundlicher geworden ist. Die Jugendlichen haben heute sicher weniger Freiraum als früher und sind in einem engeren Korsett, als wir es einmal waren. Die Jugend ist auch nicht schlechter, als sie es früher war. Die Jugend widerspiegelt das, was ihr von uns Erwachsenen und Älteren vorgelebt wird. Ich habe nichts dagegen, dass Senioren ihre Interessen wahrnehmen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass diese Generation zu kurz kommt in den politischen Beschlüssen. Die Leute werden immer älter, es geht ihnen besser. Es ist ja auch schön, dass sich die älteren Menschen aktiv einmischen wollen. Es sagt aber nichts über die Bedürfnisse und Probleme aus. Die Erwerbstätigen und erst recht die Menschen, die sich daneben noch um Kinder kümmern müssen, haben leider selten die Zeit, sich politisch einzumischen. Sie müssten in der Politik mehr Beachtung finden.» Claude Janiak ist Ständerat BL für die SP, aufgezeichnet von Matthias Zehnder

Emanuel Freudiger