Nähkästchen

Basler Singer-Songwriter Baum über Ängste: «Ich möchte mein Bett selbst machen»

Baum hat den Begriff «Angst» aus dem Nähkästchen gezogen, was man ihm zu Beginn auch deutlich ansah.

Baum hat den Begriff «Angst» aus dem Nähkästchen gezogen, was man ihm zu Beginn auch deutlich ansah.

Der Basler Singer-Songwriter Baum spricht im Nähkästchen über Existenzängste, nervige Ratschläge und den Mut, für sich selbst einzustehen.

Du hast das Wort «Angst» gezogen. Was ging dir als Erstes durch den Kopf?

Baum: Dass ich eigentlich kein ängstlicher Mensch bin, ich habe auch keine Bühnenangst. Im laufenden Jahr gab es aber ein paar Momente, in welchen ich gedacht habe «ui, jetzt fliegt uns dann allen der Laden um die Ohren». Das war eine Art Existenzangst über ein, zwei Wochen. Ich finde, man kann scheitern, aber man muss auch etwas probieren. Das habe ich getan und dann ging die Angst auch bald wieder weg.

Und hat sich das gelohnt?

Ja, definitiv. Ich war ein, zwei Wochen komplett blockiert und habe als Freelancer für eine Agentur gearbeitet und gemerkt, dass es das für mich irgendwie nicht ist. Ich habe mir dann selbst die Frage gestellt, was wichtig ist und was nicht. Welche Menschen gut sind für mich und welche nicht. Anfang April habe ich dann meine «idiotenfreie Zone» definiert.

Hast du für diese Selektion Corona auf eine Art auch gebraucht?

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, oder (lacht)? Nein, ich habe mir einfach gedacht, dass wenn die Situation schon so doof ist, es ja noch blöder wäre, wenn ich nichts daraus machen würde. Ich habe mir – wie jeder auf dieser Welt – die Pandemie natürlich nicht herbeigewünscht, habe aber versucht, das Beste daraus zu machen. Das ist eine Grundenergie, die mir sehr wichtig ist.

Begleitet einen als Musiker in der Schweiz immer eine gewisse Existenzangst?

Ja, natürlich. Aber ich glaube nicht mehr und nicht weniger als andere Freischaffende. Wenn du beispielsweise in einem Jahr kein neues Album herausbringst, ist die Chance, dass du im nächsten Sommer Konzerte spielen kannst eher klein. Du musst die Arbeit eigentlich immer so timen, dass du im Folgejahr bereit bist, Festivals zu spielen, sonst klafft da ein riesiges Loch ohne Einnahmen. Wir müssen unser Leben also sehr genau planen.

Wie stehst du zu den Corona-Massnahmen im Eventbereich?

Ich habe zu Beginn der Pandemie mit meiner Mutter telefoniert. Sie hat dann so reagiert, wie die meisten damals, «die spinnen doch beim Bundesrat» und so weiter. Dann habe ich sie gefragt, ob sie Medizin studiert habe oder Virologin sei. Oder, ob sie zumindest früher im Biologieunterricht gut aufgepasst habe. Nein, sie habe den Deutschunterricht bevorzugt, meinte sie. Ich habe ihr dann klargemacht, dass ich das ernst meine und wir uns darauf einigen sollten, dass wir alle relativ wenig Ahnung haben. Ich versuche deshalb, pragmatisch zu sein. Es ist, wie es ist und man kann sich den ganzen Tag darüber aufregen oder es einfach akzeptieren. Ich habe in dieser Zeit aber ein paar Facebookfreunde verloren und ich finde das ok.

Machen dir Leute in deinem Umfeld, die Verschwörungstheorien glauben, Angst?

Ja, schon ein Stück weit. Ich liebe es, mit Menschen zu diskutieren. Thesen, Antithesen, Synthesen. Wenn die Synthese aber fehlt, bringt eine Diskussion irgendwann nichts mehr. Da ist es bei Corona gleich wie im normalen Leben: Menschen haben unterschiedliche Werte und die zeigen sich in solchen Momenten eben. Und entweder sie passen zusammen oder eben nicht. Aber es gibt ja zum Glück einige Milliarden von uns auf dieser Welt, man findet also Leute, mit denen man auskommt.

Glaubst du, dass das Bewusstsein für freischaffende Künstler grösser ist als vorher oder hast du eher das Gefühl, etwas auf der Strecke geblieben zu sein?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass es in sich eine Entwicklung gab. Es kam sehr schnell eine Solidaritätswelle. Die gut gemeinten Ratschläge, die manchmal fast an Schadenfreude grenzten, die sind mir aber teilweise auf die Nerven gegangen. Mir haben Leute gesagt, ich hätte halt in meinem alten Job bleiben sollen oder sei halt selbst schuld. Da hatte ich schon das Gefühl, dass das Verständnis für freischaffende Künstler nicht wirklich grösser geworden ist. Das Bewusstsein dafür, dass die meisten Unternehmen ihren Ursprung darin haben, dass zwei, drei Personen sich selbständig gemacht haben, das fehlt leider sehr oft. Viele Besserwisser vergessen, dass sie in einem gemachten Bett sitzen. Ich habe einfach Lust, mein Bett selbst zu machen.

Was nimmt dir im Hinblick auf die verbleibenden Monate dieses Jahres noch etwas die Angst?

Wir durften am 15. September ja auf dem Floss spielen, das war in diesem Jahr unser einziges Konzert. Ich habe drei Wetten abgeschlossen über die Zuschauerzahl und habe alle hochkant verloren. Aus den von mir erwarteten 17 Leuten sind knapp 600 geworden. Das hat mir schon recht Mut gemacht. Zu sehen, dass Menschen den Mumm hatten, zu sagen, «ok, wir halten uns an die Regeln, aber wir geniessen dieses Konzert». Wir haben uns dafür entschieden, aus diesem einzigen Auftritt des Jahres auch gleich einen Live-Film zu machen. Der Tontechniker hat dann aber tatsächlich vergessen, das Konzert aufzunehmen…

Und jetzt? Habt ihr eine andere Lösung gefunden?

Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. In einer sehr, sehr grossen Halle am Stadtrand von Basel, die normalerweise von einem Tennisnetz in zwei Hälften geteilt wird, bekommen wir Anfang November die Möglichkeit, das Konzert nochmals zu spielen. Wir werden in dieser grossartigen Location vor hundert Leuten spielen können. Mit den Einnahmen finanzieren wir die Film- und Albumproduktion. Darauf freue ich mich sehr, das gibt eine «grosse Kiste» und wird etwas sehr Spezielles werden, da bin ich mir sicher.

Mehr Informationen zu laufenden und vergangenen Projekten von Baum finden Sie auf seiner Webseite.

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