Zum 80. Mal jährte sich im März der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich. Vor 250'000 jubelnden Menschen verkündete Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Sofort danach begannen Ausgrenzung und Verfolgung der Wiener Juden, die mit rund 176'000 Personen über neun Prozent der Bevölkerung Wiens ausmachten.

Schon im Frühjahr 1938 setzte die Massenflucht in Richtung Schweiz ein. Dort aber waren die Flüchtlinge nicht willkommen. Die Behörden sperrten die Grenze und führten den Visumzwang ein. Die Schweizer Abwehrpolitik gipfelte schliesslich in jenen Verhandlungen mit Berlin, welche im Herbst 1938 zur Einführung des verhängnisvollen J-Stempels in den Pässen deutscher und österreichischer Juden führen sollten.

Trotzdem schafften es fast zehntausend Flüchtlinge, in die Schweiz zu gelangen. Einmal angekommen, durften sie dank Toleranzbewilligungen der Kantone bleiben. Sie wurden nicht als Flüchtlinge mit Recht auf Asyl anerkannt, sondern bloss als «Emigranten» geduldet. Aufenthalt war nur vorübergehend gestattet, zwecks Organisation der Weiterreise in ein Drittland.

Strenge Regeln für Flüchtlinge

Der Flüchtlingsstrom brachte in Basel die Institutionen, welche sich bis anhin um Flüchtlinge aus Nazideutschland gekümmert hatten, schnell an ihre Grenzen. Hatte zum Beispiel die zuständige Israelitische Flüchtlingshilfe Basel seit 1933 durchschnittlich gleichzeitig 30 bis 40 Flüchtlinge betreut, waren es nun ständig zwischen 500 und 600 Personen. Eine private Einquartierung der Flüchtlinge wurde immer schwieriger. Massenhafte Unterbringung war die Lösung.

Dafür stellte der Kanton Anfang 1938 am Schützengraben 34 eine staatliche Liegenschaft zur Verfügung. Diese erwies sich aber schnell als zu klein und schon Ende August übernahm die Flüchtlingshilfe von den Behörden das damals leerstehende Sommercasino. Es wurde als Auffanglager eingerichtet, unter Ägide des Polizeidepartments. Im Dezember 1938 wurde ein separates Heim für Frauen eingerichtet, das «Emigrantenheim Hammerstrasse». Sowohl das Sommercasino als auch das Heim «Hammerstrasse» wurden sehr streng geführt. Die meiste Zeit hatten die Internierten der Organisation der vorgeschriebenen Weiterreise zu widmen. Es galt ein striktes Arbeitsverbot.

Zu erlaubten Aktivitäten gehörten: «Gänge auf die Fremdenpolizei und den Behörden, Konsulaten, Vertretungen, zu Gönnern und Fördern ihrer Sache, Verkehr mit dem Fürsorgebüro Kornhausgasse, Reisen nach Zürich, Bern, Genf ...» All dies diente dem Zweck der Organisation der Weiterreise. Jegliche Integration sollte verhindert werden. Der Kontakt zur Bevölkerung wurde deshalb soweit als möglich unterbunden. So war den Flüchtlingen das Ansprechen fremder Personen ebenso verboten wie sogenannt «auffallendes Benehmen». Der Besuch von Theater-und Kinovorstellungen war eingeschränkt, das Frequentieren von Restaurants und Cafés in weiten Teilen Basels untersagt.

Ausschaffung als Todesurteil

Seit Sommer 1938 wurden im Sommercasino Sprachkurse durchgeführt, sowie Werkstätten, eine Schneiderei und eine Grossküche eingerichtet. Nebst der Beschäftigung der Emigranten diente es der Umschulung auf handwerkliche oder landwirtschaftliche Berufe. Diese fielen bei der Vergabe von Visen in Drittländer bevorzugt ins Gewicht. Um der täglichen Langeweile entgegen zu wirken, entwickelten die Emigranten im Sommercasino auch ein Kulturleben, samt Theatervorstellungen, «bunten Abenden», Vorträgen und Konzerten.

Mit «Der Ausweg» wurde sogar eine Lagerzeitung gedruckt, welche der Stimmung der in Basel Gestrandeten Ausdruck verlieh: «Dieses so gedrückte Persönlichkeitsgefühl, das Gefühl hilfloser zu sein als ein Kind, ist ein wunder Punkt. Und wie jede andere Wunde gegen Berührung empfindlich und jede leise Berührung fordert unsere schärfste Abwehrbereitschaft heraus. (...) Haben wir nicht unser Wissen, unseren Beruf, unsere Verantwortung wie jeder andere auch? Haben wir denn unser Schicksal verschuldet?» Kritik kam von den Emigranten aber meist nur indirekt. Denn bei unstatthaftem Verhalten drohte die Ausschaffung, was einem Todesurteil gleichkam.

Ab 1940 wurde die Flüchtlingspolitik beim Bund zentralisiert. Dieser errichtete insgesamt 106 Arbeitslager für die arbeitsfähigen Männer und Heime für die Frauen und Kinder. Ab 1942 diente das Basler Sommercasino aber nicht mehr als volles Lager, sondern beherbergte nur noch Werkstätten und Gemeinschaftsküche. Während die Werkstätten den Arbeitslagern in der Region zudienten, war die Küche für die in Basel privat untergebrachten, älteren und kranken Menschen da. So funktionierte das System noch bis ein Jahr nach Kriegsende. Erst 1946 wurde das Lager Sommercasino endgültig geschlossen.