Rücktritt
Basler SP-Präsident Martin Lüchinger vor dem Abgang

Die Kandidatensuche für einen neuen SP-Chef wird schwierig: Top-Favoriten sagen bereits vorsorglich ab. Man erwägt in der SP, das Jobsharing-Modell der Basler Grünen nachzuahmen und ein Co-Präsidium zu schaffen.

Andreas Maurer und Valentin Kressler
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Er hat sich entschieden. Wie angekündigt hat der Basler SP-Präsident Martin Lüchinger (56) die Altjahrswoche genutzt, um die Weichen für seine politische Zukunft zu stellen. Hätte seine Partei die Basler Wahlen von Ende Oktober verloren, wäre er sofort zurückgetreten. Doch nach dem Sitzverlust von Rot-Grün bei den Nationalratswahlen 2011 hat sich der viel kritisierte Lüchinger rehabilitiert. Er hat die Basler SP wieder auf Kurs gebracht. Mehr noch: Unter ihm haben die Sozialdemokraten im Stadtkanton Ende Oktober eine historische Stärke erreicht.

Bis Ende Jahr sonnt sich der Parteichef in diesem Erfolg. Seinen soeben gefällten Entscheid werde er nach dem Jahreswechsel kommunizieren, sagt Lüchinger zum «Sonntag».

Alles deutet auf einen Rücktritt auf die SP-Jahresversammlung im Frühling hin. Unter der Kritik hat der vor vier Jahren als Nachfolger von Thomas Baerlocher gewählte Parteichef sichtlich gelitten. Nach dem Basler Wahlerfolg kann der gebürtige Aargauer nun erhobenen Hauptes abtreten, um wieder dort tätig zu werden, wo es ihm am meisten behagt: im Hintergrund.

Ein Machtgerangel um die Nachfolge entsteht nicht. Parteiintern steht ein Quartett für die Nachfolge im Fokus: Fraktionspräsidentin Tanja Soland, die Grossrätinnen Dominique König und Kerstin Wenk sowie Vizepräsident Pascal Pfister. Auf Nachfrage des «Sonntag» sind vor allem Absagen zu hören: Wenk, die vor zwei Jahren als Kritikerin von Lüchinger auf sich aufmerksam machte und schon damals als künftige Präsidentin gehandelt wurde, nennt «primär zeitliche Gründe». In einer ähnlichen Situation befindet sich Pfister, der den Sprung in den Grossen Rat nicht geschafft hat, im Kleinbasel als Erstnachrückender aber kurz davor steht: Er möchte voll auf seine Arbeit als Gewerkschaftssekretär der Unia Aargau setzen und sein Engagement bei der Basler SP reduzieren: «Ich ziehe einen Rücktritt als Vizepräsident in Erwägung.»

Für die bereits als künftige Regierungsratskandidatin gehandelte Soland wäre das Parteipräsidium ein Sprungbrett. Für den «Sonntag» war sie nicht erreichbar. König nimmt sich mit ihren Ambitionen selber aus dem Rennen: Sie aspiriert auf einen Sitz im Grossratsbüro und damit auf das Parlamentspräsidium. Auch die Grossräte Tobit Schäfer und Beatriz Greuter sehen ihre nahe Zukunft in einflussreichen Kommissionspräsidien.

Da das Kandidatenfeld schwindet, erwägt man in der SP, das Jobsharing-Modell der Basler Grünen nachzuahmen und ein Co-Präsidium zu schaffen. Dafür infrage kommt Neo-Grossrat Christian von Wartburg, der Ambitionen gegenüber der «Tageswoche» angedeutet hat, sich inzwischen aber bedeckt hält. Sein Manko: Der renommierte Strafverteidiger hat sich bisher in der Partei wenig engagiert. Deshalb wurde er 2011 nicht wie von ihm gewünscht als Nationalratskandidat aufgestellt. Die ebenfalls frisch gewählte Grossrätin Danielle Kaufmann ist zwar weniger bekannt, amtet dafür in der SP-Geschäftsleitung. «Eine Anfrage würde mich überraschen, aber sehr ehren», sagt die Fraktionschefin im Bürgergemeinderat. Ebenfalls mit den Parteistrukturen vertraut ist die Juso-Chefin und angehende jüngste Basler Grossrätin Sarah Wyss. Wegen ihres jugendlichen Übermuts kommt sie für viele etablierte Sozialdemokraten aber noch nicht als Präsidentin infrage.

Die geringe Zahl an Bewerbern für den Chefposten der grössten Basler Partei verdeutlicht eine paradoxe Situation: Viele SPler forderten von Lüchinger einen offensiveren Stil. Sich das undankbare Amt selber antun, wollen hingegen nur wenige.