Er ist der schnellste Schweizer der Geschichte, und dennoch hat Alex Wilson die Olympischen Spiele in Rio verpasst. Sowohl über 100 als auch über 200 Meter erfüllte der Sprinter von den Old Boys Basel die Limite nicht, die Swiss Olympic gefordert hatte. Über 100 Meter fehlte im nur eine Hundertstelsekunde: Wilson lief 10,17 statt 10,16. Und auch sonst war es sportlich für ihn kein einfaches Jahr, hatte der 25-Jährige doch immer wieder mit Blessuren zu kämpfen. Ein paar Highlights gab es aber dennoch: Wilson verteidigte seine Schweizer-Meister-Titel über 100 und 200 Meter sowie jenen in der 4x100-Meter-Staffel – und wurde siebter an der Europameisterschaft in Amsterdam. Nach seinem letzten Rennen des Jahres an der gestrigen «Weltklasse Zürich» ist die Saison nun zu Ende – und Wilson kann Bilanz ziehen.

Herr Wilson, die eben zu Ende gegangene Saison war bei Ihnen geprägt von Verletzungen. War es das bisher schwerste Jahr in Ihrer Karriere?

Alex Wilson: Ja, das muss ich schon sagen, dass es eines der schwierigsten, wenn nicht das schwierigste Jahr war. Drei Verletzungen in einem Jahr zu haben ist schon sehr hart. Man muss sich jedes Mal wieder zurückkämpfen.

Wie sind Sie mit diesen wiederholten Rückschlägen klar gekommen?

Ich musste das irgendwie verdauen, wie jeder Sportler das tun muss, wenn er verletzt ist. Aber dann muss man einfach auch einsehen, dass das die Realität ist und es zum Sport dazu gehört.

Sie hatten nicht nur mit Verletzungen zu kämpfen, sondern verpassten auch noch Ihr – wie Sie es nannten – «Megaziel»: die Olympischen Spiele in Rio.

Die Spiele habe ich aber auch nur verpasst, weil ich verletzt war. Wäre ich nicht verletzt gewesen, hätte ich die vorgegebene Limite erfüllt. Das kann ich ganz klar so sagen. Aber ja, es war mein ganz grosses Ziel. Das ich das nicht realisieren konnte, habe ich aber bereits abgehakt. Man kann nicht auf diesem Frust sitzen bleiben. Und so bin ich ohnehin nicht.

Haben Sie die Spiele am Fernsehen verfolgt? Oder hat das zu sehr weh getan?

Ich habe ganz wenig von den Spielen im Fernsehen verfolgt. Es war hart, dass Leute, die ich auch schon geschlagen habe, in den Halbfinal oder gar den Final eingezogen sind, und ich nicht mitmachen konnte. Aber ganz darum herum gekommen bin ich nicht. Immer wenn ich Facebook gestartet habe, waren da gleich zehn Videos von den Läufen in meiner Timeline.

Ein Highlight gab es aber doch noch: Sie haben an der EM in Amsterdam über die 200 Meter den siebten Rang geholt. Eine Leistung, die in dieser schwierigen Saison nicht unbedingt zu erwarten war.

Das ist so. Ich bin, ohne nach meiner Verletzung auch nur einen Wettkampf bestritten zu haben, an die EM gefahren. Zuvor wusste ich nicht, ob ich pünktlich fit werden würde und laufen könnte. Und dann bin ich das Rennen gelaufen und bin Siebter geworden. Ich glaube, ab jetzt mache ich das immer so (lacht).

Die «Weltklasse Zürich» von gestern Abend war der Schlusspunkt der Saison. Was steht jetzt an?

Zuerst einmal acht Wochen Ferien, auf die ich mich wirklich sehr, sehr freue. Und dann geht es im Oktober wieder los mit der Vorbereitung auf die nächste Saison.

Welche Ziele haben Sie sich dafür bereits gesetzt?

Ich wünsche mir vor allem eine verletzungsfreie Saison. Die letzten drei Jahre hatte ich immer mindestens eine Verletzung – und ganz ohne bin ich sowieso noch nie durch eine Saison gekommen. Wie ich es ohne schaffe, weiss ich noch nicht. Neben diesem Ziel versuche ich mich natürlich bereits jetzt für die nächsten Olympischen Spiele in vier Jahren vorzubereiten. Das ist und bleibt mein grosses Ziel.