Die Schweizer Politik und das Kiffen haben etwas gemeinsam: Beiden haftet das Klischee einer gewissen Langsamkeit an. Umso überraschender ist es, wie sehr die politische Cannabis-Debatte unlängst an Geschwindigkeit gewonnen hat. Vor kurzem hat eine Mehrzahl der Basler Grossrätinnen und Grossräte einem Vorstoss von Tanja Soland (SP) zugestimmt, wonach Basel mit Bern, Genf und Zürich bei einem Pilotprojekt zur kontrollierten Cannabis-Abgabe mitmachen soll.

Auch der Basler Stadtentwickler Thomas Kesser, ausserhalb Basel gerne als «Drogenexperte» gehandelt, hat ein Modell zur staatlichen Regulierung von Cannabis entwickelt. Die «Prohibition» ist ihm ein Dorn im Auge. In der gegenwärtigen Situation sei weder ein griffiger Jugendschutz noch eine Prävention oder eine Substanzkontrolle möglich. «Dabei ist Cannabis in seiner Gefährlichkeit etwa vergleichbar mit Likör oder Schnaps und sollte für Erwachsene mit bestimmten Vorbehalten erlaubt sein.» Dass Hanf verboten ist, widerspreche der Vernunftspolitik in der Schweiz und sei ein «Fremdkörper» in unserer Gesetzgebung.

Eine Milliarde für den Staat

Im Detail sieht Kesslers Modell vor, dass in der Schweiz ein staatlich regulierter Cannabis-Anbau mit einem kontrollierten Verkauf erlaubt wird – «vergleichbar mit der Gesetzgebung zu anderen Mitteln wie Bier oder Schnaps», wie Kessler sagt. Den Anbau sollen Bergbauern übernehmen. Für den Verkauf stellt sich Kessler strenge Präventions- und Jugendschutzkriterien vor. Stattfinden darf der Konsum schliesslich nur im privaten Rahmen.

Von dem verkauften Gras, dessen Preis sich je nach THC-Gehalt zwischen 10 und 20 Franken pro Gramm bewegen würde, liessen sich staatliche Mehreinnahmen von rund einer Milliarde Franken generieren. Die Hälfte davon ginge an AHV und IV. Die restlichen knapp 50 Prozent würden zu je zehn Prozent an die Produzenten, die Händler, in die Prävention, die Forschung, und ein kleinerer Teil noch in die Mehrwertsteuer fliessen. Ein Bergbauernbetrieb könnte nach Kesslers Rechnung demnach zwischen 20 000 und 40 000 Franken pro Jahr erwirtschaften.

Cannabis-Forschung fördern

Kesslers Konzept ist nicht neu. Vor genau 30 Jahren hat er es in dem Buch «Cannabis Helvetica» im Solothurner Nachtschattenverlag veröffentlicht – er war damals Mitte 20. Seitdem hat er mit aussergewöhnlichen Ansätzen für Bewegung in der Schweizer Drogenpolitik gesorgt: Als Basels Drogendelegierter hat er in den 1990er-Jahren pragmatische Lösungsansätze für die Heroinproblematik formuliert, die in mehreren anderen Städten übernommen worden sind.

Als zentralen Pfeiler seines Modells bezeichnet Kessler immer wieder die Cannabis-Forschung. Kessler selber ist Mitglied der Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin (SACM), einer Vereinigung, der auch Professoren verschiedener Institutionen und mehrere Ärzte angehören. In der Forschung könnte sich die Schweiz eine «spannende Nische» schaffen, sagt Kessler. Derzeit fristet diese in Basel allerdings noch ein Schattendasein. Die Novartis teilt etwa auf Anfrage mit, dass sie keine Forschung mit der Pflanze oder ihren Wirkstoffen betreibt.

Aber auch in der öffentlichen Forschung treibt der Hanf in Basel offenbar bis anhin keine grossen Blüten. «Wir forschen mit psychoaktiven Substanzen wie LSD oder Ecstasy, aber nicht mit Cannabis», sagt Stephan Krähenbühl, Professor am Departement für pharmazeutische Wissenschaften der Uni Basel. Er sieht vor allem bei den körpereigenen Cannabinoid-Rezeptoren Forschungspotenzial – den «Andockstellen» für den psychoaktiven Hanf-Wirkstoff THC, die aber auch bei normalen Körperprozessen eine Rolle spielen. Die rund 100 Millionen Franken pro Jahr, die gemäss Kesslers Modell der Forschung zukommen würden, schätzt Krähenbühl als «hohen Betrag» ein.

Stolz will Idee nach Bern tragen

Einer, der Kesslers Ideen nach Bundesbern tragen möchte, ist Daniel Stolz, Nationalrat und Präsident der Basler FDP. Er plant, sich mit anderen Vertreterinnen und Vertretern der nationalen Drogenpolitik kurzzuschliessen. Stolz: «Erste unverbindliche Gespräche auf überparteilicher Ebene haben bereits stattgefunden.» Allerdings räumt er ein, dass die Cannabis-Liberalisierung derzeit nicht oberste Priorität habe. Politische Schnellschüsse mit dem Ziel, sich «kurzfristig zu profilieren», seien in der Drogenpolitik ohnehin fehl am Platz: «Weil es keine richtige Lobby gibt, muss man zuerst ein politisches Netzwerk aufbauen – und das braucht Zeit und Ressourcen», sagt Stolz.