Er kam noch nie im Fernsehen und keine Zeitung hat je über ihn geschrieben. Trotzdem kennt jeder in Basel sein Gesicht. Alle haben Legenden über sein Leben gehört oder sich selber welche ausgedacht. Aber kaum jemand weiss, wie er heisst und warum Zweidrittel seiner Haut verbrannt ist.

Es ist kühl. Trotzdem möchte Fritz Rudin draussen sitzen. Er verbringt viel Zeit im Garten des Alterszentrums zum Lamm, wo er lebt. Seit einigen Jahren trägt er keine Militäruniformen mehr, inzwischen geben ihm Wollpullover und –socken warm. «Heute würde ich nur die Leute provozieren. Mit grauen Haaren kann man doch keine Uniform mehr tragen!», sagt er lachend, während er das Béret hebt.

Die Zeit des Stänkerns ist vorbei

Früher hat er mit Uniformhüten salutiert, die Polizei hat stets zurück gegrüsst. Doch nicht allen ist Fritz Rudin als freundlicher Mann in Erinnerung. Oft hat er Passanten angemotzt, einfach so – oder weil sie zu aufdringlich gegafft haben. Inzwischen stänkert Rudin nicht mehr.

Er ist gut gelaunt und witzig. Es scheint, als wüsste er nicht so recht, dass die Stänkerei den Baslern in Erinnerung blieb. Viel mag er nicht erzählen über die Zeit, als er noch «Restauranthocker» vor dem Stadtcasino und anderswo war, Coca-Cola trank und nie «in Rammeleien verwickelt» war. Lieber spricht er über seine Leidenschaft.

«Die Eisenbahntechnik fasziniert mich am meisten», sagt er. Seit dem Unfall kann er nicht mehr deutlich sprechen. Hört man genau hin, versteht man ihn. «Ich habe ein Halbtax-Abo, hier.» Er tätschelt sein Portemonnaie. Nach der Trennung von seiner Freundin lernte er keine neue Frau kennen. «Ich wurde Einzelgänger und interessierte mich mehr für Eisenbahnen.»

Traum von Zugfahrt nach Zürich

Seine längste Reise führte ihn 1969 nach Peking. Der heute 66-Jährige arbeitete bei der Securitas. Dort gefiel es ihm besser als in seinem angelernten Beruf als Rohrschweisser. «Ich habe gut verdient, man muss ja etwas im Sack haben.» Für die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn hat er ein Vermögen ausgegeben. «Ich konnte nie mit Geld umgehen.»

Inzwischen ist er gezwungen, sparsam zu sein: Seine Rente reicht nicht, um ständig auswärts Cola zu trinken. Er sitzt ohnehin lieber im Garten. «Der Claraplatz ist ja gleich da drüben.»

Auch für Tabak braucht er kein Geld mehr, die Pfeife hat er längst zur Seite gelegt. Aber gern würde er wieder einmal nach Zürich fahren und alte Arbeitskollegen treffen. «Das Billett kostet aber auch mit dem Halbtax 34 Franken», sagt er, ohne empört zu wirken. Sowieso gibt es kaum etwas, das ihn aufregt.

Was ihn jedoch beschäftigt, ist die Meinungsfreiheit. Täglich hört er über Kopfhörer Nachrichten und schätzt, «dass die Journalisten sagen dürfen, was sie denken». Bei Gesprächen mit amerikanischen Alliierten und anderen Leuten im Osten habe er realisiert, wie wichtig Meinungsfreiheit sei. «Deshalb habe ich die amerikanische Uniform am liebsten getragen.» Weil die USA für Freiheit stehe, jedenfalls sei das so gewesen, als er sich mit Uniformen aus dem «Salathé»-Jeansladen eingedeckt hatte. «Ich wollte gut gekleidet sein», sagt er. Sein Grinsen ist schwer zu deuten.

1989 war Fritz Rudins Schicksalsjahr. Der Vater starb, die Freundin verliess ihn, «Nervenmittel» brachten ihn in «Zustände». «Ich wollte mir das Leben nehmen.»

© Nicole Nars-Zimmer niz

Legende von der Fremdenlegion

An Ostern besuchte er seine Mutter in Bonfol. Im Garten begoss er sich mit Petrol. Der Nachbar eilte mit einem Teppich herbei und löschte das Feuer. Seit diesem Tag ist Fritz Rudin entstellt, hat keine Ohren mehr und ist auf dem linken Auge blind. Mit dem rechten Auge kann er mit Hilfe eines Vergrösserungsglases lesen. «Brillen stehen mir nicht», sagt er.

Eine Legende um den «Legionär» besagt, er sei in der Fremdenlegion so hergerichtet worden.

Die Uniform trug er aber nur, weil sie ihm gefiel. «Mich hätten sie dort nicht genommen, ich bin ja krank.» Als Kind haben die Eltern ihn als einziges von den drei Geschwistern in eine Erziehungsanstalt gesteckt. Später kam er in die Psychiatrie.

Nach etlichen Operationen lag Rudin 1989 monatelang in Verbände gehüllt im Spital. «Als ich in den Spiegel schaute, fand ich mich natürlich nicht mehr schön. Doch ich musste mich damit abfinden.» Manchmal ärgere ihn, dass die Leute auf der Strasse ihn kennen, er sie aber nicht.

Doch er weiss, dass das zum Schicksal eines Stadtoriginals gehört.