Basler Strafgericht
Angeklagt wegen Schändung: Nackter Mann begrapschte im Tram schlafende Fahrgäste

Ein 47-jähriger Mann muss sich vor dem Strafgericht in Basel verantworten, weil er betrunken schlafende Männer befummelt hat und mit einem ungewollten Oralsex hatte.

Patrick Rudin
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Von der Station Münchensteinerstrasse fuhr der Mann im 11er Tram bis zur Station St. Louis Grenze.

Von der Station Münchensteinerstrasse fuhr der Mann im 11er Tram bis zur Station St. Louis Grenze.

Archivbild: Kenneth Nars

«Ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, was passiert ist», sagte der 47-jährige Mann am Mittwoch im Basler Strafgericht immer wieder. Dem Dirigenten und Orchesterleiter war die Sache sichtlich peinlich, doch betonte er auch mehrmals, er sei in jener Nacht betrunken gewesen.

Im Dezember 2019 rief eine Tramführerin kurz vor acht Uhr morgens die Polizei, weil ihr ein seltsamer Passagier aufgefallen war: Abgesehen von einer Jacke war der 47-Jährige nackt, und von der Haltestelle Münchensteinerstrasse fuhr er im 11er Tram bis zur Station St. Louis Grenze mit und danach wieder zurück in die Stadt. Was er in dieser Dreiviertelstunde genau trieb, offenbarten später die Bilder der Überwachungskameras: Er befummelte schlafende Fahrgäste, setzte sich teilweise zu ihnen oder auf deren Schoss und nahm auch immer wieder den Penis eines Fahrgastes in den Mund.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der 47-Jährige bewusst schlafende Männer ausgesucht hat, und sich jeweils kurz zurückgezogen hat, wenn die Männer aufwachten. Sexuelle Handlungen mit einer zum Widerstand unfähigen Person gelten juristisch als Schändung, das Strafmass liegt im ähnlichen Rahmen wie bei einer Vergewaltigung oder einer sexuellen Nötigung. Nachdem die Polizei den Mann bei der Schifflände aus dem Tram geholt hatte, sass er einen Tag lang in Untersuchungshaft.

Zeuge tauchte nicht auf: Verhandlung neu angesetzt

Am Mittwoch im Strafgericht beteuerte er, der junge Mann im Tram habe ihm signalisiert, es sei gut, er solle weitermachen. Es sei ein Spiel gewesen, er habe versucht, Kontakt mit einer anderen Person aufzunehmen. Und das Gegenüber habe ihn auch angesehen. «Das ist so, wie wir Homosexuellen das halt machen», meinte er. «Aber der Andere war doch am Schlafen», entgegnete die Gerichtspräsidentin. «Er hat nie Zeichen der Abwehr gemacht. Er hätte mich ja auch wegstossen oder Schreien können», so der Angeklagte. Direkt nach der Festnahme äusserte er sich noch anders: «Er schien zu schlafen. Ich denke, er wollte es nicht. Ich habe es gemacht, weil ich betrunken war», so die Aussage des 47-Jährigen im damaligen Polizeirapport.

Doch wie so oft vor Gericht wird auch hier über den Beweiswert der Polizeiprotokolle gestritten, massgebend sind in erster Linie die späteren formellen Einvernahmen bei der Staatsanwaltschaft sowie die Aussagen vor Gericht. Dazu kommt das Konfrontationsrecht des Beschuldigten: Zumindest einmal im Verfahren muss er die Belastungszeugen befragen können, dies hätte eigentlich am Mittwoch geschehen sollen. Wie bei Sexualdelikten üblich hätte der Angeklagte dabei im Nebenraum Platz nehmen und die Verhandlung per Video verfolgen müssen, weil das Opfer keine direkte Konfrontation wünschte. Doch der Hauptbelastungszeuge tauchte am Mittwoch im Gericht nicht auf.

Nach kurzer Beratung entschied das Dreiergericht, die Verhandlung demnächst neu anzusetzen und dem Zeugen eine zweite Vorladung zu schicken. Taucht er auch dann nicht auf, bleiben dem Gericht lediglich die Videoaufnahmen als Beweismittel. Der neue Verhandlungstermin ist noch nicht bekannt. Unklar ist auch noch, welches Strafmass die Staatsanwaltschaft beantragen wird.

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