Basler Strafgericht
Weil sie Hausverbot hatte: Drogensüchtige schüttet Mitarbeiter der Anlaufstelle Ammoniakwasser ins Gesicht

Eine 29-jährige Frau wurde am Mittwoch vom Strafgericht Basel-Stadt zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Eine stationäre Massnahme gibt es aber nicht – das Gericht sah darin keinerlei Erfolgschancen.

Patrick Rudin
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Die 29-Jährige musste sich am Mittwoch vor dem Basler Strafgericht verantworten.

Die 29-Jährige musste sich am Mittwoch vor dem Basler Strafgericht verantworten.

Nicole Nars-Zimmer

«Was heisst unbedingt?», fragte die 29-jährige Frau am Mittwochabend etwas verwirrt. «Das heisst, das müssen Sie absitzen», erklärte Gerichtspräsident Dominik Kiener. Richtig begeistert war die Frau nicht, obwohl ihr schlimmster Alptraum nicht wahr geworden ist: Die drei Richter verzichteten bei ihr auf eine stationäre Massnahme von unbekannter Dauer, weil sie darin keinerlei Erfolgschancen sahen.

Erst im Januar 2021 war die Frau aus dem Gefängnis entlassen worden, doch bereits im Februar sorgte sie in ihrem Wohnheim am Basler Claragraben für neue Probleme: Offenbar war sie über einen Diebstahl verärgert und ging deshalb über Mittag mit einem aufgeklappten Sackmesser ins Sekretariat. Dort bedrohte sie einen Angestellten, weil sie an das Bargeld und an das Methadon wollte. Die Geschichte endete mit einer Rauferei, andere Angestellte kamen dem Mann zu Hilfe, die Bezugsperson der Frau konnte sie schliesslich beruhigen. Der Vorfall führte am Mittwoch im Basler Strafgericht zu einer Verurteilung wegen versuchten Raubes.

Hausverbot in der Anlaufstelle

Gravierender war die Gewalt im März: Weil sie an der Kontakt- und Anlaufstelle für Drogensüchtige am Riehenring bereits Hausverbot hatte, wollte sie der Sicherheitsangestellte nicht hereinlassen. Zuerst gab es ein Wortgefecht, dann schüttete die Frau dem Mann plötzlich Ammoniakwasser ins Gesicht. Der Mann hatte erhebliche Atemprobleme und erlitt eine Bindehautverätzung, hatte aber offenbar grosses Glück. Seit jenem Tag sitzt die Frau in Haft. «Er hätte auch auf dem Auge erblinden können», kommentierte der Gerichtspräsident die Gefahr. Die drei Richter fällten einen Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung.

Eine Woche zuvor hatte die Frau spätabends beim Claraplatz einen Taxifahrer übers Ohr gehauen: Sie fragte, ob er ihr eine 50 Franken Note in Kleingeld wechseln könne. Schliesslich drückte sie ihm eine dunkelgrüne marokkanische 50 Dirham-Banknote in die Hand, deren Gegenwert ungefähr fünf Schweizer Franken entspricht. Der Taxifahrer erkannte die Täuschung erst, als er ihr das Wechselgeld schon gegeben hatte und die Note im Portemonnaie versorgen wollte. Für das Gericht ein klarer Fall von Betrug.

Offenbar war ihr der Schein zuvor von einem Freier untergejubelt worden. Die Frau ist später aufgefallen, weil sie beim Claragraben Passanten angesprochen hatte und Sex anbot. Weil sie dabei auch an Zivilpolizisten geriet, kassierte sie auch noch eine Busse wegen des Anwerbens von Freiern ausserhalb der Toleranzzone.

Heroin- und Kokainkonsum wird zur Randnotiz

Ansonsten ging es am Mittwoch auch noch um Ladendiebstähle: Etwas zum Essen in der Migros, ein paar Sneakers beim Ochnser Sport, einen Büstenhalter im Damenmodegeschäft. Dazu kamen diverse Schuldsprüche wegen Hausfriedensbruchs, weil sie beinahe überall bereits Hausverbot hat und sich nicht daran hält. Dass sie nebenbei noch immer Kokain und Heroin konsumiert, war am Mittwoch fast schon eine Randnotiz.

Insgesamt wäre ein Strafmass von 35 Monaten angemessen gewesen, doch wegen der verminderten Schuldfähigkeit der Frau reduzierte das Gericht das Strafmass um die Hälfte. Wegen der massiven Vorstrafen gab es wiederum noch einen «Zuschlag», sodass am Ende eine unbedingte Freiheitsstrafe von 22 Monaten resultierte.

Dem Sicherheitsangestellten muss sie ausserdem eine Genugtuung von 5000 Franken bezahlen. «Kann ich das absitzen?», fragte sie schliesslich.

Das Gericht erklärte ihr, dass das nicht gehe. «Ich habe kein Geld», meinte sie daraufhin schulterzuckend. Durch das Gutachten sind auch die Verfahrenskosten hoch, zusammen mit den Gerichtskosten auferlegte das Gericht ihr beinahe 20'000 Franken. Das Urteil kann sie noch weiterziehen.

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