Banken

Basler Strafprozess zeigt: Credit Suisse hat losen Umgang mit ihrer Sorgfaltspflicht

Ein Berater der Credit Suisse will nicht gewusst haben, dass er Gelder einer Versicherung als Pfand nahm.

Vor den Schranken des Basler Strafgerichts standen diese Woche Pablo A., ein südspanischer Immobilienanwalt, der Feriendomizile an Engländer verkitschte, bis er selbst in Zahlungsnot geriet. Und Richard G., ein grossspuriger Franzose, der angibt, Arbeitgeber für 18'000 Mitarbeiter zu sein, keine Steuern zu bezahlen, und der auch sonst um keinen Bluff verlegen ist.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen ungetreue Geschäftsbesorgung sowie Geldwäscherei vor und fordert Haftstrafen von drei beziehungsweise fünf Jahren plus zehn Jahre Landesverweis.

Richard versprach Pablo nicht nur die Lösung seiner Geldsorgen. Er lockte mit Luxus und Privatjet. Richard hatte vor allem Grosses vor mit Pablos britischer Gesellschaft Hestiun Ltd. Er versprach, aus ihr den nächsten «Weltkonzern» zu zimmern. Doch um an Geld zu gelangen, brauchte Richard zunächst Geld – und damit kommt die Credit Suisse ins Spiel.

Gefälschte Vollmacht aus Ghana

Im Januar 2009 eröffnete Pablo bei der Basler CS-Filiale für die Hestiun ein Konto samt Kreditantrag. Der Basler CS-Kundenberater Ronald G., ein Golfer von regionaler Bedeutung, war hingerissen vom weltmännisch auftretenden Richard.

Schon mit der ersten Bürgschaft, die Richard und Pablo brachten, hätten bei der Bank aber die Warnleuchten angehen können: Die Garantie einer ghanaischen Investmentbank über 100 Millionen Euro war eine Fälschung. Die UBS, die bis zu diesem Zeitpunkt ebenfalls im Rennen lag, brach darauf die Verbindung mit Hestiun ab. Bei der CS fing diese erst richtig an.

Im April schien Richard die richtige Bürgschaft für die Hestiun gefunden zu haben. Er war mit anderen CS-Kunden, griechischen Unternehmern, in Kontakt gekommen. Diese hatten mit der Aspis-Gruppe einen internationalen Versicherungskonzern aufgebaut und sich dabei gemäss Anklageschrift mit rund 450 Millionen Euro persönlich bereichert. Der Firma fehlten aber dringend 150 Millionen Euro, um aufgeschreckte Aufsichtsbehörden zu beruhigen.

Richard versprach auch hier Abhilfe. Schliesslich habe er ein Business an der Hand, das eine Investition von 150 Millionen Euro in 1,9 Milliarden Euro verwandeln würde.

Als Vorleistung transferierten die Griechen im April 2009 das Vermögen zweier Aspis-Töchter, der schwedischen Aspis Liv und der griechischen Commercial Value, zur CS Zürich. Am Prozess wurde aufgezeigt: Der schwedische Manager der Aspis Liv teilte der CS unmissverständlich mit, dass die Versicherungsgelder nicht verpfändet werden dürften. Einen Monat später wurde ein Grossteil der Gelder zur CS Basel umgebucht, als wirtschaftlich Berechtigter nun die Hestiun aufgeführt – und gepfändet.

Mit dieser Sicherheit erhielt die Hestiun von der CS Basel nun einen Kredit über 45 Millionen Schweizer Franken. Dass dieses Geld in Gewinngeschäfte investiert worden sei, wurde im Prozess nicht ersichtlich. Dafür listet die Anklageschrift auf, wie sich Richard und Pablo selbst bedienten.

Unter Druck der Schweden

Ronald war mehr als nur Berater der Kunden. Seine Schwester kam in den Genuss von 300'000 Franken, angeblich um eine Kunstsammlung für die Hestiun aufzubauen. Mit seinem Schwager, einem Anwalt mit erfolgversprechenden Karriereaussichten, flog er nach Griechenland, um eine Buchprüfung der Aspis-Gruppe zu machen, die nun Richard angeblich erwerben wollte. Kurze Zeit später, im September 2009, war die Versicherung allerdings pleite.

Für die Credit Suisse wurde die Konstellation nun ungemütlich. Denn die schwedische Versicherungsaufsicht forderte, die Konten der Aspis Liv in der Schweiz seien unverzüglich zu schliessen. Der Schlussbericht der Aufsichtsbehörde zeigt, wie die Credit Suisse auf Zeit spielte. Am 6. November räumte sie erstmals ein: Die Gelder seien verpfändet und die Hestiun als «Broker» dazwischengeschaltet.

Am Basler Prozess sagten die Angeklagten wie der als Zeuge geladene Ronald sie hätten nicht gewusst, dass die Versicherungsgelder nicht hätten belehnt werden dürfen. Sicher gewusst hatten dies die Zürcher Kundenberater. Doch diese – dies zeigt eine ebenfalls am Prozess ausgebreitete Korrespondenz – sorgten sich eher darum, dass der Kunde bei der Boni-Berechnung weiterhin ihrer Abteilung zugeschrieben werde.

Die Grossbank trennte sich von ihrem Basler Mitarbeiter Ronald, und da nicht mehr alles Geld vorhanden war, zahlte die Credit Suisse gemäss dem Basler Staatsanwalt der schwedischen Versicherung einen Ausgleich von rund 11 Millionen Franken. Ob auch die griechische Firma entschädigt wurde, ist nicht aktenkundig.

Dass der Fall, dessen Akteure in Spanien, Griechenland, Schweden und England wirkten, überhaupt vor einem Basler Gericht verhandelt wird, beruht einzig auf dem Umstand, dass die CS Basel die Deals ermöglichte. Doch die Bank ist am Prozess nicht vertreten; weder auf der Seite der Beklagten noch auf der Seite der Klagenden, noch als Zeugin. Auf die Bitte zum gesamten Verlauf Stellung zu nehmen, erklärt die Grossbank: «Es hat in der Schweiz nie eine Untersuchung gegen Credit Suisse gegeben, nachdem die Bank im Jahr 2010 Verdachtsmeldung an die Behörden gemacht hatte.»

Die Klingen in Spanien gekreuzt

In Spanien hat die Credit Suisse geklagt. Sie zeigte Pablo wegen Geldwäscherei an, dieser kam in Haft. Am Basler Prozess sagte der Anwalt, das spanische Verfahren gegen seinen Mandanten sei eingestellt und der Staat habe eine Haftentschädigung über 12'000 Euro bezahlt. Pablo habe seinerseits die CS wegen übler Nachrede angezeigt, was hängig sei. Die CS meint, die Anzeige sei vom Gericht als unbegründet zurückgewiesen worden.

In gut zwei Wochen wollen die Basler Richter ein Urteil sprechen. Ob es zu einer Verurteilung kommt, ist unsicher. Die Prozess- und Ermittlungskosten zulasten der Stadt in Millionenhöhe wären dann verloren. Bei etwas mehr Bankensorgfalt wären sie erst gar nicht angefallen.

Autor

Christian Mensch

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