Felix Platter Spital
Basler Studie zur Sturzprävention zeigt: Beweglichkeit hilft, gerade in Zeiten einer Pandemie

Eine Studie zur Sturzprävention am Felix Platter Spital bindet Wissenschaft, Tanz, Musik und Taiji ein.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Das Felix Platter Spital geht neue Wege in der Sturzprävention mit Taiji. Rechts im Bild Ursula Goldfarb de Almeida.

Das Felix Platter Spital geht neue Wege in der Sturzprävention mit Taiji. Rechts im Bild Ursula Goldfarb de Almeida.

Zur Verfügung gestellt

Experten schlagen Alarm: Die Einschränkungen durch die Pandemie hätten tiefgreifende Folgen für die Mobilität von Senioren. Am Mobility Center der Universitären Altersmedizin Felix Platter geht inmitten der ansteigenden Infektionszahlen eine Studie zur Sturzprävention in die entscheidende Phase: Gemeinsam mit den Initianten, der Stiftung «Legacy of Wisdom», rekrutiert das Team um Reto W. Kressig trittschwache Probanden ab 70.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Zehn Jahre Forschung, Harvard-Fördergelder in fünfstelliger Höhe und ihre Vision von selbstbestimmtem Altern seien vergangenen März auf dem Spiel gestanden, betont der Initiant der Studie, Jay Goldfarb. Kurz nachdem die ersten Basler Testpersonen mit dem 12-wöchigen Bewegungstraining begonnen hätten, seien die Messungen gestoppt worden: «Der Lockdown hat uns ausgebremst», seufzt er.

Für den gebürtigen New Yorker Coach und Taiji-Lehrer sei dies einer der herbsten Rückschläge gewesen, betont Goldfarb, der mit seiner Frau Ursula seit über 20 Jahren das TAO- ART-Institut an der Freien Strasse führt. Doch er habe auf die Unterstützung seiner Studienpartner setzen können, betont er. Die langjährige Erfahrung des ärztlichen Direktors für Altersmedizin, Reto Kressig, und der Leiterin des Mobility Centers, Stephanie Bridenbaugh, in den Auswirkungen von Bewegung auf den Hirncortex, schaffe den wissenschaftlichen Hintergrund, welcher der Studie zum Durchbruch verhelfen dürfte. Trotz Corona: «Gerade in dieser Pandemie setzen wir uns damit für die vulnerabelste Bevölkerungsgruppe ein», betont Kressig.

Immobilisierung im Lockdown

Er habe gesehen, welche tiefgreifenden Folgen es habe, wenn man Senioren immobilisiere, erinnert sich Kressig und spielt auf den Schweizer Lockdown an, der Angehörige der Risikogruppe wochenlang isolierte. Wir treffen den Geriatrie-Lehrstuhlinhaber inmitten der zweiten Infektionswelle. «Wir mussten wie in der ersten Welle ein Besuchsverbot aussprechen, haben aber die Möglichkeit zur unkomplizierten Videotelefonie geschaffen», betont Kressig, der mit dem Basler Café Bâlance vor Jahren eine Anlaufstelle für Senioren, eine Mischung von Seniorenrhythmikkursen und Kaffeetrinken mitinitiiert hat.

Kressig sagt, er habe schon zu Beginn seiner Karriere realisiert, wie positiv sich Tanz, Bewegung und Musik auf die Gedächtnisleistung auswirken: «Wenn Sie ständig Kreuzworträtsel lösen, werden Sie besser im Kreuzworträtsellösen – und nur darin», betont der passionierte Pianist. Im Netz gebe es ein Überangebot diverser Apps und Kurse, die als Lernerfolg bessere Gedächtnisleistung versprechen – ohne wissenschaftlichen Hintergrund.

«Ihre Begeisterung, ihr Biss war bewundernswert»

Die positiven Auswirkungen auf sämtliche Hirnareale würden jedoch vor allem auch bei der fernöstlichen medizinischen Bewegungs- und Kampfkunst Taiji beobachtet, schwärmt Kressig. Damals, als junger Post-Doc-Forscher in Atlanta, habe er erlebt, wie sich die motorischen und kognitiven Fähigkeiten von Senioren in einer 300-köpfigen Taiji-Schülerschaft markant verbessert hätten. Denn Stürze seien oft der Anfang vom Ende, weiss der erfahrene Arzt. «Ihre Begeisterung, ihr Biss war bewundernswert», sagt Kressig und schwärmt von Hirnstrommessungen, die den Effekt auf sämtliche Hirnbereiche bewiesen.

Solche Ergebnisse erhoffe er sich auch vom Studienkonzept von «Legacy of Wisdom», in das er vor zwölf Jahren einstieg. Dieses nahm seine Anfänge im Big Apple. «Wir Babyboomer dachten nicht ans Altern», erinnert sich Goldfarb. Als 68er- Hippie habe der Psychologiestudent nach einem Zugang zur menschlichen Psyche fern der Verhaltensforschung gesucht. Mit einem engen Zirkel Gleichgesinnter habe er nach den Ursprüngen seiner inneren Balance geforscht, und sei in der fernöstlichen Kampfkunst Taiji fündig geworden.

«Von der Studie können alle Probanden profitieren»

In einem Jahrzehnt hat Goldfarb mit einem Team aus Berufstänzerinnen und einer Physiotherapeutin ein Trainingsprogramm entwickelt, das medizinische, meditative Qi-Gong- und Taiji-Elemente, sowie westliche Weight-Resis tance-Übungen und kognitive Ansätze kombiniere. «Von der Studie können alle Probanden profitieren, auch diejenige der Kontrollgruppe», betont Kressig.

Gesucht werden Interessierte ab 70, deren es «Mühe bereite, den Zebrastreifen in gegebener Zeit zu überqueren», beschreibt Kressig, der sich von der Studie auch Repräsentatives erhofft. «Wir wollen uns ins moderne Westfeld-Quartier mit offenen, frischen Konzepten integrieren», sagt Kressig, der sich vorstellen kann, das Training nach Beendigung der Studie in die Universitäre Altersmedizin Felix Platter selbst aufzunehmen.