Gekratzt, getreten und geschimpft soll sie haben, die junge Frau, die im Januar 2012 betrunken beim Barfüsserplatz unterwegs war. Ihre Wut richtete sich gegen Polizisten, nun ist sie angeklagt. Am 17. April um 14 Uhr steht sie vor dem Strafgericht.

Es wird eine Gerichtsverhandlung wie viele andere

Mit einem Unterschied: Im Gerichtssaal wird der Regisseur Milo Rau mit Zuschauern sitzen, die das Geschehen im Saal betrachten, als wären sie in einer Theatervorstellung. Denn die Verhandlung ist zwar real, steht zugleich aber als Programmpunkt auf dem Spielplan der Basler Dokumentartage. Unter dem Titel «It’s the real thing» macht dieses Theaterfestival vom 17. bis zum 21 April die Grenzen zwischen Echtheit und Fiktion zum Thema.

Wie reagieren die Akteure am Strafgericht darauf, dass sie durch das Interesse der Theaterbesucher ganz plötzlich und ungefragt zu Schauspielern werden? Felicitas Lenzinger, vorsitzende Strafgerichtspräsidentin, erfährt durch eine Anfrage des «Sonntags» von den besonderen Gästen. Sie kann deren Absichten nachvollziehen. «Eine Gerichtsverhandlung hat etwas von einem Ritual und auch von einer Inszenierung», sagt sie. «Ihre Abläufe einmal unter diesem Blickwinkel zu betrachten, macht Sinn.» Die Würde des Gerichts sieht sie nicht verletzt, sofern die Gruppe angemeldet ist und niemand eingreift oder stört.

Weniger locker reagiert der Anwalt

Felix Moppert vertritt die Angeklagte als Verteidiger. «Eine Strafgerichtsverhandlung ist nicht mit einem Schauspiel vergleichbar», sagt er, «dafür ist die Angelegenheit viel zu ernst». Da die Verhandlung öffentlich sei, könne er keine Einwände machen. Er wolle jedoch keinesfalls wie ein Schauspieler betrachtet werden. Gerichtspräsidentin Lenzinger hingegen scheint der Gedanke zu gefallen, als Hauptdarstellerin einer Inszenierung gesehen zu werden. «Wir alle spielen in einer Verhandlung jedes Mal die uns zugewiesene Rolle», sagt sie. Dass die Zuschauer den Veranstaltern der Dokumentartage zehn Franken Eintritt für den Besuch am Gericht bezahlen, sieht sie nicht als Problem, da vermutlich Vor- oder Nachbereitung durch den Regisseur vorgesehen sei.

Wer ist der Regisseur?

Den Namen Milo Rau kennen weder Lenzinger noch Moppert. Dabei war dieser Regisseur in jüngster Zeit so sehr im Gespräch wie kaum ein anderer Schweizer Theatermacher. Sein Stück «Breiviks Erklärung», das während der Basler Dokumentartage im Stadthaus gezeigt wird, sorgt für Aufsehen und Kontroversen. Eine Schauspielerin liest darin die Rede vor, die der 77-fache Mörder vor dem Osloer Amtsgericht hielt und die für die Öffentlichkeit gesperrt wurde.

Gerichtserfahrung hat Rau ausreichend, nachdem er soeben in Moskau Prozesse mit realen Akteuren nachstellte, unter anderem den Prozess gegen die Sängerinnen der Punkband Pussy Riot. Dabei kam es zu einer Razzia durch die russischen Behörden. Die Basler Verhandlung dürfte im Vergleich reichlich unspektakulär ablaufen. Eine «Exkursion» ans Basler Gericht hält Rau dennoch für «hochinteressant».

Eine Gerichtsverhandlung als Theaterstück zu sehen, ist kein ganz neuer Ansatz. Im Fernsehen werden Gerichtsfälle quotentauglich inszeniert, Theatergruppen wie Rimini Protokoll haben schon vor Jahren «Ortstermine» an Gerichten organisiert.

Gericht als Bühne

Laut den Organisatoren der Dokumentartage dienen Orte wie das Gericht «unserer Gesellschaft als Bühne, auf der unsere Lebensfragen immer wieder neu gestellt und aufgeführt werden». Doch ist es fair, Menschen in einer realen und womöglich tragischen Situation dem Blick von Beobachtern auszusetzen, die dem Ganzen wie einem Schauspiel beiwohnen? Für Boris Nikitin, künstlerischer Leiter der Dokumentartage, ist diese Frage «vielschichtig und nicht leicht zu beantworten». Es müsse klar sein, dass die Verhandlung reale Ursachen und Konsequenzen hat, obwohl ihre Abläufe einstudiert wirken, sagt Nikitin. «Wir wollen die gesellschaftlichen Vereinbarungen reflektieren, die einer Gerichtsverhandlung zugrunde liegen».

Nikitin weist darauf hin, dass die «Exkursionen» nur einen kleinen Teil der Dokumentartage ausmachen und ihre Themen in einem Symposium vertieft behandelt werden. Geplant sind auch Ausflüge in eine Schule und eine Kirche sowie Inszenierungen in der Kaserne Basel und im Theater Roxy, Birsfelden.

Wie auch immer die Verhandlung im Strafgericht am 17. April abläuft, auf eines können Milo Rau und seine Gruppe sich verlassen: In diesem Stück Wirklichkeit wird es um grosse Themen gehen, um Schuld und um menschliche Urteile. Doch den Schlussapplaus dürften sich die Zuschauer wohl besser verkneifen.