Ist es für die Kooperation im European Campus wichtig, dass Basel eine Volluniversität ist?

Andrea Schenker-Wicki (58): Ja, die Volluniversität ist in dieser Konstellation eine gute Ausgangslage, denn auch Freiburg und Strassburg setzen auf die Volluniversität. Mulhouse hat ein etwas kleineres Angebot, und Karlsruhe ist eine technische Hochschule und damit eine gute Ergänzung.

In Basel drohen aber Einschränkungen. Die FDP Baselland stellt die Volluniversität infrage. Wie stehen sie dazu?

Die Meinungen, was eine Volluniversität ist, gehen auseinander. Ich denke, dass eine Life-Sciences-Universität ohne Sozial- und Geisteswissenschaften nicht funktionieren kann. Die besten Universitäten der USA – Harvard, das MIT oder Stanford – setzen auf eine Universität, die Life Sciences und Naturwissenschaften sowie die Medizin mit den Sozial- und Geisteswissenschaften kombiniert. Auch die ETH baut ihre Sozial- und Geisteswissenschaften aus.

Aber ist das für die Uni Basel nicht zu viel?

Wie gross diese Einheiten sein sollen, darüber kann man selbstverständlich diskutieren. Die Universität Basel hat bereits einen starken Fokus auf die Life Sciences sowie die Medizin und ist in den Sozial- und Geisteswissenschaften nicht so breit aufgestellt, dass mir spontan ein Bereich einfiele, den man ohne Probleme einfach streichen könnte. Leider konzentrieren sich diese Diskussionen nicht auf Inhalte, sondern sind meistens von einem Sparwillen getrieben.

Wenn man sparen will, müsste man bei den kostenintensiven Wissenschaften ansetzen wie den Life Sciences, der Medizin und den Naturwissenschaften. Wenn man allerdings dort ansetzt, dann schneidet man sich ins eigene Fleisch, denn Life Sciences und Medizin sind wesentliche Treiber für die Entwicklung des Wohlstandes und die Wertschöpfung in unserer Region.

Sie setzen sich sehr für den European Campus ein. Gibt es auch Schwierigkeiten?

Wenn wir Probleme haben, dann in den administrativen Abläufen. Die Bürokratie ist in den drei beteiligten Ländern sehr unterschiedlich. Wir Schweizer sind in dieser Beziehung sehr viel pragmatischer als unsere Nachbarn. Das ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig. Aber das persönliche Einvernehmen ist so gut, dass wir diese Schwierigkeiten immer überwinden konnten und auch in Zukunft überwinden werden.

Wo möchten Sie mit dem Projekt in fünf oder zehn Jahren stehen?

Mein Wunsch wäre es, dass wir in einigen Bereichen mit unserer gemeinsamen Forschung eine Ausstrahlung erreichen, die über die Grenzen strahlt und Bestand hat. Dies bedeutet zum Beispiel, dass wir uns in denjenigen Fächern, wo wir selbst keine kritische Grösse haben, zusammentun und gemeinsame Projekte realisieren. Es wäre schön, wenn unsere Zusammenarbeit eine europaweite Ausstrahlung hätte und damit ein Vorbild für andere Regionen sein könnte. Auch hoffe ich, dass unsere Studentinnen und Studenten zwischen den Universitäten vermehrt zwischen unseren drei Ländern zirkulieren und sich dabei eine gewisse kulturelle Vielfalt aneignen, die weltweit einmalig ist.

Wie schätzen Sie die Chancen für das Projekt ein?

Für uns ist es eine grosse Chance, dass Deutschland und Frankreich dieses Projekt mit der «kleinen» Schweiz durchführen. Dass Präsident Macron derart gut auf unsere Zusammenarbeit reagiert hat, freut mich natürlich sehr. Die politische Ausgangslage ist im Moment ausgezeichnet. Dazu kommt, dass der langjährige Rektor der Universität Strassburg, Alain Beretz, heute als Direktor der Abteilung Forschung und Innovation im Pariser Ministerium für Wissenschaft und Bildung eine wichtige Position einnimmt und unsere
Bemühungen ebenfalls unterstützt.