Basel
Basler Verwaltung wegen Wiesesanierung in der Kritik

Seit Jahren wird über eine Sanierung der «Schliessi» diskutiert – passiert ist bisher wenig. Handeln müsste der Kanton spätestens seit der Wiesen-Initiative, die 2005 eingereicht und 2006 vom Volk angenommen wurde. Sie verlangte eine Renaturierung.

Michael Heim
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Umstrittene Stauung: Bei der Schliessi zweigt in den Langen Erlen der Riehenteich von der Wiese ab. Für Fische ein zu grosses Hindernis. Kenneth Nars

Umstrittene Stauung: Bei der Schliessi zweigt in den Langen Erlen der Riehenteich von der Wiese ab. Für Fische ein zu grosses Hindernis. Kenneth Nars

Schnurgerade fliesst die Wiese durch die Langen Erlen bei Basel. Bis zum Stauwehr am Riehenteich, der «Schliessi». Dort wälzt sich ein Teil des Wassers über die Schwelle, und danach weiter durch sein Bett aus Beton. Ein anderer Teil wird in den Riehenteich abgeleitet. Und folgt dem Kanal bis zum alten Kraftwerk der Industriellen Werke Basel (IWB). Nach der 1923 gebauten Turbine verschwindet das Wasser im Boden.

Schon lange müsste der Kanton Basel-Stadt aufzeigen, wie er den Lauf der Wiese auf Stadtbasler Boden naturnaher gestalten werde. Keiner bestreitet: Die Kanalisierung und Stauung des Flusses haben mit Ökologie wenig zu tun. Doch wirklich passiert ist wenig.

Seit Wiesen-Initiative müsste Kanton handeln

Handeln müsste der Kanton spätestens seit der Wiesen-Initiative, die 2005 eingereicht und 2006 vom Volk angenommen wurde. Sie verlangte eine Renaturierung. 2008 verpflichtete das Parlament die Regierung, bis Ende 2010 einen Bericht zum Konzept «Wiese Vital» vorzulegen. Vor einem Jahr vertröstete die Regierung auf Ende 2011, doch das Konzept liegt noch immer nicht vor.

Nun verlangt der Basler Grossrat Heiner Vischer (LDP) von der Regierung in einer Interpellation, die dem «Sonntag» vorliegt, Antworten. Hinter dem Vorstoss steht die Basler Sektion des WWF, die schon seit langem für eine Umgestaltung der Wiese kämpft. Unter anderem will Vischer auch wissen, weshalb der Otterbach in den Langen Erlen noch immer nicht saniert wurde, obwohl der Grosse Rat für 2010 und 2011 rund eine Million Franken dafür bewilligt hatte.

Bund macht auch Druck

Doch auch der Bund macht Druck. Er hat den Kantonen Vorschriften zum Umgang mit Stauwehren gemacht. Es gilt zu verhindern, dass – vor allem bei Kraftwerken – zu viel Wasser abgeleitet wird und der Fluss verkümmert. Bis Ende Jahr müssen die Kantone diese «Restwasservorschriften» erfüllen. Eine Mehrheit der Kantone wird die Frist nicht einhalten, wie ein Bericht der «NZZ am Sonntag» unlängst aufzeigte. Aus dem Kanton Basel-Stadt hat das Bundesamt für Umwelt noch nicht einmal einen Zwischenbericht erhalten, wie aus Unterlagen des Amtes hervorgeht. Dabei gibt es in Basel nur ein umstrittenes Wehr: die «Schliessi». Für Jost Müller vom WWF ist klar, dass der Kanton die Frist des Bundes nicht einhalten werde.

Dabei geht es in den Langen Erlen weniger um das Restwasser. «In der Wiese wird es immer genug Wasser geben», sagt Jürg Hofer, Leiter des Basler Amts für Umwelt und Energie (AUE). «Der Riehenteich könnte gar nicht so viel Wasser fassen.» Dem stimmt auch Müller vom WWF zu. Das Problem – und auch da besteht Einigkeit – seien die Fische. Flussaufwärts sei für diese an der «Schliessi» Endstation, moniert Müller. Das mache auch eine Wiederansiedelung des Lachses unmöglich.

Das Problem wird schon lange diskutiert. Bereits 2004 schrieb das damalige Bundesamt für Wald und Landwirtschaft: Es «besteht ein vorrangiger Handlungsbedarf darin, das noch unüberwindliche Riehenteichwehr uneingeschränkt durchgängig zu machen.»

IWB kennt Sachlage

Bei den IWB, die von der Stauung profitieren, ist die Sachlage bekannt. Eigentlich wäre man so weit, eine Fischtreppe zu bauen, sagt Pressesprecher Erik Rummer. Eine Studie sei abgeschlossen, AUE und Bund würden sich finanziell beteiligen. Dem AUE geht das Projekt offenbar aber zu wenig weit. Denn die «finanzierbare» Lösung regle nur den Fischaufstieg, sagt Rummer. Flussabwärts bestehe noch immer die Gefahr, dass Fische in die Turbinen des Kraftwerks gerieten. «Das AUE will nun eine weitere vertiefte Prüfung.»

Die IWB machen jedoch bereits klar, dass sie nicht unbeschränkt Geld ausgeben wollen. «Dieses Kraftwerk ist in erster Linie ein funktionierendes Museum», sagt Rummer. Da müsse man genau hinsehen, wie viel Geld man investieren wolle. 2011 produzierten die IWB in den Langen Erlen 455 000 Kilowattstunden Strom. Damit lassen sich etwa hundert Haushalte mit Strom versorgen.

Skeptisch stehen die IWB auch einer Renaturierung der Wiese gegenüber. Denn diese könnte die Qualität des Basler Trinkwassers gefährden, das in den Langen Erlen gewonnen wird. Dies, weil die Wiese bei Hochwasser wegen überlaufender Kanalisationen in Deutschland oft mit Bakterien belastet sei. Reisse man nun die Kanalisierung auf, riskiere man, dass dieses Wasser in die Langen Erlen fliesse, sagt AUE-Leiter Hofer. Und so fehlt dem Kanton sechs Jahre nach Annahme der Wiese-Initiative noch immer eine bezahlbare Lösung der von den Initianten aufgestellten Forderungen. Es sei eine weitere Variantenprüfung im Gange, sagt Hofer. «Im Moment wage ich aber keine Aussage dazu, wann wir dem Grossen Rat darüber berichten können.»

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