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Beat Aeberhard über die Zukunft des Klybeck-Areals: «Mit Visionen allein würde man scheitern»

Beat Aeberhard skizziert am grossen Stadtmodell seine Idee der Klybeck-Zukunft.

Beat Aeberhard skizziert am grossen Stadtmodell seine Idee der Klybeck-Zukunft.

Der Basler Kantonsbaumeister Beat Aeberhard äussert sich zur Zukunft des Klybeck-Areals.

Es ist Sommer, alle reden vom Rheinufer. Skizzieren Sie uns Ihre Vision des Rheinufers unterhalb der Dreirosenbrücke auf der Kleinbasler Seite. Was wird uns in 20 Jahren erwarten?

Beat Aeberhard: Beim Brückenkopf Dreirosen wird die ökonomische Nutzung weiter dominieren. Sie wird aber durchlässiger zum Rhein und in den Erdgeschossen vielleicht mit Gastronomie besetzt. Am Klybeckquai wird es in meiner Vorstellung ähnlich aussehen wie heute zwischen Johanniter- und Dreirosenbrücke: Es wird gewohnt und zum Rhein hin wird es interessante gastronomische Angebote geben. Auf dem Westquai schliesslich werden Freizeiteinrichtungen statt der heutigen Hafennutzung dominieren: zum Beispiel ein Hallenbad, Clubs oder auch bestimmte Formen der Kreativwirtschaft.

Bis dahin ist noch ein langer Weg. Zum Beispiel gibt es die Hafenbahn, die das Quartier vom Rhein abschneidet.

Derzeit liegt ein Kreditbegehren von 115 Millionen Franken beim Grossen Rat, das ist der Kantonsanteil zum Bau des Hafenbeckens 3. Zusätzlich beantragt die Regierung vier Millionen Franken zur Optimierung der Hafenbahn. Es gibt die Minimalvariante, die eine Einkürzung der Bahn beinhaltet, oder die Maximalvariante, nämlich die Verlagerung des Hafenbahnhofs auf das Areal des Badischen Rangierbahnhofs. Mit beiden Varianten sollen die heute vom Rhein abgeschnittenen Wohnquartiere Zugang zum Wasser hin erhalten.

Erste Schritte zu einer weiteren Veränderung dieser Gegend sind im Gang. So soll das Partyschiff hin zum Hafenkran bei der Dreirosenbrücke verlegt werden.

Das ist richtig. Derzeit laufen Abklärungen mit den Schweizerischen Rheinhäfen, die Schiffsliegeplätze so zu rochieren, dass das Rheinufer beim Hafenkran für Freizeit- und Gastronomienutzungen frei wird.

Können Sie ausschliessen, dass das Rheinufer im Klybeck dereinst für Wohlhabende privatisiert wird?

Ja. Auch wenn die Wohnlage direkt am Wasser attraktiver und damit vermutlich teurer sein wird als an anderen Wohnlagen.

Bis Ihre Vision dereinst Realität wird, gilt es, viele Widerstände zu überwinden. Der öffentliche Streit um das Projekt «Rheinhattan» mit einer dichten und hohen Überbauung einer neuen Klybeckinsel hat schon vor ein paar Jahren einen Vorgeschmack geliefert. Sie äussern sich nun sehr zurückhaltend und vorsichtig zu künftigen Veränderungen.

Vorsicht ist nicht der richtige Begriff. Wir haben Respekt vor dem, was im Norden Basels kommen wird.

Hat dieser Respekt beim Projekt «Rheinhattan» gefehlt?

Nein. Die heutige Ausgangslage ist ganz anders. Damals lag die verführerische Idee einer Klybeckinsel quasi auf dem Präsentierteller für die Stadtplaner. Man hat den grossen Wurf gesucht. Heute denken wir in einem grösseren Kontext und beziehen auch die eben von Novartis und BASF veräusserten Areale von «Klybeckplus» ein. Man muss sich die Dimension der Veränderung vor Augen führen: Wir reden, im Idealfall, von 15 000 neuen Bewohnern und 10'000 neuen Arbeitsplätzen alleine für Basel Nord.

In grossen Würfen denken Sie also nicht mehr.

Die Frage ist doch, was ein grosser Wurf ist. Meine Vision für die weitere Entwicklung der Quartiere Klybeck und Kleinhüningen ist ein Städtebau, der Barrieren abschafft und Brüche möglichst vermeidet. Es sollen alle an der Entwicklung, die viel Zeit in Anspruch nehmen wird, und an deren Ergebnis teilhaben können.

Das klingt nach gutschweizerischem Kompromiss statt grossem Wurf.

Es ist kein Entweder-oder. Wir müssen für die spezifischen Orte die richtigen Antworten haben. Die Nordspitze des Dreispitz beispielsweise ist mit den Plänen von Herzog & de Meuron punkto neuen Grünräumen, gestapelten Nutzungen und verdichtetem Wohnen in die Höhe visionär unterwegs.

Wieso funktioniert so etwas am Rhein nicht?

Es fehlt dem Klybeck wie auch Kleinhüningen schlicht an der kritischen Masse. Mir scheint es legitim, das Quartier auf eine innovative Art an den Rhein zu erweitern. Dabei wird das Neue aus dem existierenden Ort heraus generiert, ohne langweilig oder bieder zu sein. In Basel Nord geht es somit um länger dauernde, schrittweise Entwicklungen, die an bestehende Quartiere anschliessen und diese stärken. Da ist nicht der grosse Wurf gefragt, sondern eine intelligente Strategie. Allerdings ist für mich in Anbetracht der Herausforderungen an diesem Ort die Überwindung der durch die Hafenbahn existierenden Blockade schon eine Vision.

Oder anders gesagt: Ein realistisches und pragmatisches Konzept.

Ich würde es als visionären Pragmatismus bezeichnen.

Sind Sie ein visionärer Pragmatiker?

In meiner Position und in einem derart hart umkämpften Umfeld wie der Stadtplanung wäre es absolut fahrlässig, nur auf Pragmatismus oder nur auf Vision zu setzen. Mit Visionen allein würde man in der Schweiz steil scheitern. Anderseits ist es auch nicht mein Job, in billigen Pragmatismus zu verfallen.

Das klingt doch nach einem passablen Konzept für eine Stadt: Vision und Pragmatismus.

Ja. Eine interessante und lebenswerte Stadt entsteht nur, wenn beides Platz hat. Bei allen sechs grossen Transformationsarealen in Basel achten wir auf eine differenzierte, kontextbasierte Strategie.

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