Herr Oberlin, Sie sind Baselbieter. Wie bewerten Sie die Gesamterneuerungswahlen vom vergangenen Wochenende mit Blick auf Ihr künftiges Amt? Sind Sie zufrieden?

Ja. Es ist gut, wenn eine Konkordanz breit abgestützt ist und das Thema Bildung in der Exekutive von allen Parteien abgedeckt wird. Je breiter die Regierung aufgestellt ist, desto besser funktioniert der Dialog. Darüber freue ich mich.

Der jetzige Universitätsratspräsident Ueli Vischer ist Stadtbasler. Werden Sie die Universität im Landkanton anders repräsentieren? Wie sieht Ihre Rolle aus?

Wenn ich gewählt werde, dann als Präsident einer Universität, die in zwei Kantonen verankert ist. Meine Ambition ist es, dass wir Top-Leute ausbilden können und die Universität ihren hohen Stellenwert in der Forschung behält. Das Lokalkolorit spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist, dass die beiden Trägerkantone, welche die Mittel zur Verfügung stellen, in einem guten Dialog stehen. Das sehe ich als eminent wichtigen Teil meiner Funktion an.

Sind Sie dafür in der Stadt gut genug vernetzt?

Das müssten die Städter beurteilen. Aber ich wohne direkt an der Stadtgrenze hier in Münchenstein. Ich habe in Basel-Stadt studiert, habe aber auch zwölf Jahre in Liestal gearbeitet. Meine Wurzeln sind also auf beiden Seiten, und das ist sicher nicht verkehrt.

In Liestal arbeiteten Sie als Präsident der Geschäftsleitung der Basellandschaftlichen Kantonalbank. Ganz kurz: Worin unterscheidet sich in Ihren Augen die Führung einer Universität von derjenigen einer Bank?

Eine auf Profit ausgerichtete Organisation wie eine Bank muss jedes Jahr Resultate liefern. Deren Strategie ist daher kurz- bis mittelfristig orientiert, entsprechend ist die Organisationsform auf dieses Modell ausgerichtet.

Eine Bildungsinstitution dagegen hat eine langfristige Optik: Sie muss exzellente Ausbildung und Forschung ermöglichen und der Gesellschaft dementsprechend einen langfristigen Nutzen bringen. Auch dies hat Auswirkung auf deren Organisationsform. Beiden gemeinsam ist jedoch, dass sie eine gute Governance brauchen – also klare Spielregeln und Kompetenzordnungen.

Der Kanton Baselland hat der Universität Basel in letzter Zeit wenig Liebe entgegengebracht. Wie sehen Sie das?

Das sehe ich ganz anders. Schauen Sie sich die Fasnacht an, da macht man sich auch gelegentlich übereinander lustig, das hat mit einer unterschiedlichen Ausdrucksweise und Humor zu tun. Wichtig ist doch, dass sich beide als Partner verstehen, beide zahlen gleich viel. Deshalb ist es wichtig, dass man sich gegenseitig Respekt zollt. Ich sehe mich als Garant dafür, dass das so bleibt.

Und bleibt es auch bei der paritätischen Beteiligung der beiden Trägerkantone?

Daran zweifle ich überhaupt nicht. Wichtig ist aber auch hier wieder die Sichtbarkeit, nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch auf gesellschaftlicher: Die Steuerzahler müssen uns spüren. Es ist für mich ein wichtiges Asset, dass die Bevölkerung versteht: Die Universität ist nicht elitär, aber sie kann eine Elite produzieren.

Nach den Sparmassnahmen sollte die Uni Basel laut Ihrem Vorgänger in ihrer Grösse «stabilisiert» werden. Das neue Strategiepapier will die Attraktivität wieder steigern. Wird die Uni wachsen?

Schaut man sich die Anzahl Studierender an – im vergangenen Jahr gab es einen leichten Rückgang –, dann sind diese rund 13'000 Personen für das voraussichtliche Investitionsvolumen eine wichtige Grösse. Wachstum ist aber auch im Kontext mit anderen Universitäten zu sehen.

Es gibt einen Wettbewerb, auch um Studierende. Dabei handelt es sich nicht um Mengenwachstum, sondern um ein qualitatives Mithalten. Das bedeutet Investitionen, einen sorgsamen Umgang mit Ressourcen und die Beschaffung von Drittmitteln. Diese fliessen aber nur, wenn die Grundfinanzierung stabil ist.

Sind sinkende Studentenzahlen für das Image einer Uni nicht problematisch?

Es ist sicher nicht ideal. Wir sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen, da folgt notgedrungen eine Phase der Konsolidierung. Das darf nicht zum Trend werden. Deshalb betonen wir die Attraktivität für Forschung und Lehre sowie für Studierende: Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, die Wohnsituation, die Infrastruktur.

Basel ist ein starker Pharma-Standort. Wenn es darum geht, die Privatwirtschaft mit an Bord zu holen: Wo ziehen Sie da die Grenze?

Die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung darf nie zur Disposition stehen. Es gibt natürlich Projekte, die sowohl für die Industrie wie auch für die Universität interessant sind. Es darf dagegen nicht sein, dass ein Geldgeber nach Auftragsforschung verlangt. Die Frage nach den Auswirkungen von privaten Fördergeldern auf die Grundlagenforschung muss immer wieder neu gestellt werden.

Angedacht ist im Strategiepapier ein «Bio-Campus Oberrhein»: Wendet man sich damit Europa zu und von der Schweiz ab?

Nein, das ist keine Abkehr. Wenn man Optionen hat, dann muss man möglichst viele nutzen. Und im Gegensatz zu Bern oder Zürich haben wir den Vorteil der Trinationalität – auch wenn das nicht immer einfach ist mit einer Schweiz, die oft etwas im Abseits steht.

Eine Art Schweizer Brexit wäre für die Universität Basel also Ihrer Meinung nach eine ziemliche Katastrophe?

Ja. Aber das Réduit-Denken hat im universitären Umfeld ohnehin keinen Platz. Wer Grundlagenforschung betreiben will, muss offen sein.

Sie haben die Life Sciences angesprochen. Was ist mit dem zweiten Schwerpunkt, den die Uni bis anhin hatte, den Geisteswissenschaften?

In einer Zeit, die einem so raschen Wandel unterworfen ist hinsichtlich Digitalisierung, Innovationskraft und gesellschaftlichem Umbau, sind die Geisteswissenschaften wichtig: Wie verändert sich die Gesellschaft? Welche sozialen Themen verschieben sich? Diese Fragen werden von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen aufgeworfen, also braucht es für den Dialog beide Seiten. Der Austausch zwischen den Fakultäten muss intensiviert werden.

Werden die Geisteswissenschaften in dieser Rolle nicht zu Sekundärwissenschaften degradiert?

Das glaube ich nicht. Wenn Sie zum Beispiel geschichtliche Daten digital aufbereiten, ergeben sich daraus ganz neue Perspektiven. Das eine ist nicht Grundlage des anderen, es ist eine Interaktion.

Das Strategiepapier ist also ein Bekenntnis zur Volluniversität?

Eindeutig, aber Volluniversität heisst nicht, dass jede Fakultät alles macht. Wir verwenden darum ganz bewusst den Begriff der profilierten Volluniversität. Eine Universität kann nicht funktionieren, wenn sie nur etwas hat. Es braucht die Geisteswissenschaften, Theologie, Life Sciences und die Nähe zur Wirtschaft. Die Universität ist Teil der Gesellschaft, das nützt der Prosperität der Region, das nützt uns allen. Es ist der höchste Auftrag, den die Universität erfüllt.

Trotzdem weicht das neue Strategiepapier von gewissen Schwerpunkten ab. Hat sich die Top-Down-Planung überholt, weil die Dynamik unterschätzt wurde?

Dynamik ist ein guter Begriff. Sie nimmt zu, und wir versuchen uns ihr anzupassen. Gerade weil im universitären und wirtschaftlichen Umfeld sehr viel Bottom-up passiert. Wir können dafür die Rahmenbedingungen definieren, aber nicht alles strategisch festlegen.

Das heisst wiederum, dass wir der Uni zu mehr Flexibilität verhelfen müssen: Das Rektorat muss agil handeln können und mehr Kompetenzen, aber auch mehr Ressourcen haben, um auf Veränderungen reagieren zu können.

Hat das frühere Strategiepapier an der Realität vorbeigezielt?

Nein. Strategien bilden zwar nur den jeweiligen Zeitgeist ab, sorgen aber auch für Berechenbarkeit: Alle, von der Rektorin bis zu den Studierenden, wissen, was die Stossrichtung ist, was die Kantone von uns verlangen und wie die Mittel verteilt werden sollen. Dadurch verändern sich auch die Führungsmodelle und Spielregeln an der Universität: Wer bestimmt was und wie wird es kontrolliert?

Die Uni Basel hat keinen klar definierten Campus, sie ist über die ganze Stadt verstreut. Ist das ein Nachteil?

Es gibt zwei verschiedene Modelle: einmal den historisch gewachsenen Campus wie in Genf oder Zürich. Das hat seinen Reiz. Das andere Modell ist eine Universität, die sich als Teil der Gesellschaft versteht und keine Mauer um ihren Campus hochzieht. Wenn wir das Bild vermitteln können, dass wir in der Gesellschaft stark vernetzt sind, dann haben wir schon viel erreicht.