Wahlen Basel-Stadt
Beatrice Alder will nicht einfach Däumchen drehen

Als Beatrice Alder 1976 zum ersten mal im Grossen Rat sass, gab es dort noch kein Frauen-WC. Da sie von dem, was in der Zwischenzeit erreicht wurde, heute vieles gefährdet sieht, tritt sie nun wieder an.

Jonas Hoskyn
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76 Jahre und kein bisschen müde: Basta-Kandidatin Beatrice Alder.

76 Jahre und kein bisschen müde: Basta-Kandidatin Beatrice Alder.

Juri Junkov

Insgesamt 763 Personen kandidieren bei den Wahlen vom 23. Oktober für einen der hundert Sitze im Basler Parlament. Aber keine von ihnen hat schon so viele Stunden dort verbracht wie Beatrice Alder. Zum ersten Mal im Grossen Rat sass sie im Frühling 1976. Noch 40 Jahre später kann sie sich gut an ihren ersten Tag im Rathaus erinnern: «Es gab damals noch nicht einmal ein WC für die Frauen.» Ausserdem sei noch sehr viel geraucht worden – vor allem in der Garderobe. Die nummerierten Ablagestellen für die Zigaretten der Gross- und Regierungsräte sind noch immer zu sehen. «Und wenn man am Abend nach Hause gegangen ist, haben die Kleider vom Rauch gestunken.»

Zur Linksaussenpartei wechselte die langjährige Sozialdemokratin 2004 während der laufenden Legislatur. «Mit dem Alter wird man ungeduldiger und radikaler. Man hat halt auch nicht mehr so viel Zeit», sagt sie. Dabei ist Alder schon früh aus dem Rahmen gefallen. «Meine Eltern sind schlicht an mir verzweifelt und haben mich am Ende sogar zum Kinderpsychiater geschleppt.» Dieser habe aber nur die Arme verworfen: «Ich kann nichts machen. Es will einfach nicht.» Die 76-Jährige lächelt beinahe stolz, wenn sie diese Anekdote erzählt.

Die Füsse im 19. Jahrhundert

Alder ist in bürgerlichen Kreisen aufgewachsen. Sie habe nie begriffen, warum es frech war zu hinterfragen, dass das Dienstmädchen alleine in der Küche essen musste und später, warum die Geschichtslehrerin für das Frauenstimmrecht streiken musste. «Ich hatte die Füsse im 19. Jahrhundert und den Kopf im 21.», umschreibt sie rückblickend ihre Lage. Ihr Vater war Buchhändler, ihre Mutter Hausfrau. Beide Berufe sollte die Tochter später auch ausüben. Denn obwohl ihr Mann ebenfalls überzeugter Sozialdemokrat war, gab es nach der Geburt der ersten Tochter über die Rollenverteilung nichts zu diskutieren. Alder musste den geliebten Buchladen gegen Heim und Herd eintauschen: «Ich war zerrissen zwischen Unterforderung und Überforderung», erinnert sie sich. «Irgendwann hat’s dann geknallt.» Als Alleinerziehende mit drei Kindern sei es für sie danach fast einfacher gewesen.

Als das jüngste Kind drei Jahre alt war, gründete sie mit anderen Eltern die erste private Spielgruppe der Stadt und begann, wieder ausser Haus zu arbeiten. Für das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos durchforschte sie Zeitungen nach relevanten Themen. «Bezahlt Zeitungen zu lesen, das war mein absoluter Traumjob», schwärmt sie. Lesen und Politik sind seit jeher ihre zwei Leidenschaften, «ohne könnte ich nicht leben». Auch politisch blieb sich Alder treu: Ihre Kernthemen sind noch immer Soziales und Stadtentwicklung. «Das sind oft noch die gleichen Fragen und Probleme wie vor 40 Jahren.» Gerade aktuell sei vieles gefährdet, was früher erreicht worden ist. «Da kann ich doch nicht einfach Däumchen drehen und zuschauen. Da will ich mich engagieren.»