Literatur

Beatrice Schmid erzählt eine Familiengeschichte aus dem «roten» Basel

Beatrice Schmid: «Ein faszinierenden Spiegel meiner selbst und der Gegenwart.»

Beatrice Schmid: «Ein faszinierenden Spiegel meiner selbst und der Gegenwart.»

Beatrice Schmids umfangreich recherchiertes Buch würdigt ihre Grossmutter und Grosstante, die ganz gewöhnliche Alltagsheldinnen in einer äusserst turbulenten Zeit waren.

Wann reift der Entschluss für eine Mammut-Recherche zur eigenen Familiengeschichte? Was hat Beatrice Schmid, Autorin der essayistischen Dokumentation «Du weisst mich jetzt in Raum und Zeit zu finden – Zwei Frauen zwischen Basel und Moskau» dazu bewogen, dem «Sog» nachzugeben und während mehr als vier Jahren in die «Linie» ihrer Grossmutter Marie Schmid (1906–1985) und ihrer Grosstante Paula (1902–1973) «einzutauchen»? Welche Geschichte will uns die Autorin damit erzählen?

Den Impuls für das umfangreiche Buchprojekt, für das die 1973 geborene, in Basel aufgewachsene und seit einigen Jahren in Lausanne lebende Autorin zahlreiche Quellen in Text und Bild studiert und Gespräche geführt hat, gab eine Überraschung zu Weihnachten 2015: Beatrice Schmid stösst auf dem Dachboden ihres Elternhauses in Basel auf Schachteln, in denen ein Sammelsurium von Briefen, Familienfotos, Zeitungsartikeln und allerlei offiziellen Dokumenten von und zu Paula und Marie vor sich hin dämmert.

Die beiden miteinander verschwägerten Frauen und ihr Schicksal lassen sie nicht mehr los. Kein Wunder: Paula und Marie lebten nicht nur mitten im Strudel einer Übergangszeit zwischen zwei Weltkriegen, die Kopf stand und von der praktisch jede Familie von West bis Ost in irgendeiner Weise direkt betroffen war. Sie glaubten auch je auf ihre Weise an das Gute, das sie im Kommunismus sahen, und gingen unbeirrt ihren Weg.

Mit und ohne die Partei

Marie wurde in «Kolmar» geboren, diente nach dem frühen Tod ihrer Mutter mit 11 Jahren als Magd anstatt zur Schule zu gehen und arbeitete anschliessend während 16 Jahren als Bäckerin beim Allgemeinen Consumverein (ACV) in Oberwil. Nach ihrer Heirat mit Hans Schmid, der im damaligen Baudepartement  in Basel angestellt war, schrieb sie wohlformulierte, kluge und engagierte Artikel zu Frauenstimmrecht, Familienfragen und Kindererziehung in «Welt der Frau», die monatliche Beilage der Zeitung «Vorwärts». «Nach langem Ringen verliess sie 1956 die Partei und zog sich zurück», schreibt Beatrice Schmid, die ihre Grossmutter noch gekannt hatte.

Hans’ ältere Schwester Paula Schmid wanderte mit 19 Jahren zusammen mit ihrem Jugendfreund und späteren ersten Mann Waldemar Brubacher nach Moskau aus, «um am Aufbau der Sowjetunion teilzunehmen». Sie verbrachte unverschuldet acht Jahre im Gulag, während ihre zweijährige Tochter ins Heim kam. Nach weiteren zehn Jahren in der Verbannung lebte sie mit ihrer Familie wieder in Moskau, wo sie eine Woche nach Beatrice Schmids Geburt starb. Paula blieb zeitlebens eine stramme Parteigenossin. Sie erhielt einen Lenin-Ordnen und «verlor ihre Zuversicht nicht», so die Autorin.

Von Schicht zu Schicht

«Wie Sedimentgestein haben sich die Papiere langsam, aber sicher zu einer geologischen Schicht gefügt», beschreibt die Autorin ihr allmähliches Vordringen, Aufdecken und Erfassen der zwei sehr unterschiedlichen und doch so eng miteinander verbandelten Lebensstränge von Paula und Marie. Beatrice Schmid, die Geschichte und Literaturwissenschaft studiert hat, stellt die Stränge nicht nur in den Kontext der damaligen Zeit; sie tritt auch in einen gedanklich-emotionalen Austausch mit ihren beiden Vorfahrinnen, indem sie ihr eigenes zivilgesellschaftliches Engagement einbringt, zum Beispiel, wenn sie nach der Bombardierung von Aleppo an einem Lichter-Umzug teilnimmt. «Durch die Frage, was von ihrem Wirken in mir und auf der Welt geblieben ist, wurden sie zu einem faszinierenden Spiegel meiner selbst und der Gegenwart», protokolliert die Erzählerin.

Beatrices Schmids persönlicher Bericht ist ein berührendes Dankeschön an die immateriellen Werte, die ihr als Nachkommin eines Familiengeschlechts aus bescheidenen Verhältnissen und mit einem grossen Sinn für Gerechtigkeit mit auf den Weg gegeben worden sind. Sie huldigt dabei zwei «gewöhnlichen Frauen», die auf ihre Weise «die Geschichte mitgestalten», so die Autorin. Frauen, «deren eigenständiges Denken ihr Handeln bestimmte und deren Kraft und Entschlossenheit sich aus dem Glauben und Festhalten an Werten wie Würde, Gerechtigkeit und Gleichheit speiste».

Beatrice Schmid: «Du weisst mich jetzt in Raum und Zeit zu finden – Zwei Frauen zwischen Basel und Moskau». 375 Seiten. Rotpunktverlag

Buchpremiere: Mittwoch, 23. September, 19 Uhr, Volkshaus Basel, Unionsaal

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