Begegnungen mit Bob Dylan sind schwierig. Vor allem, wenn es erstmalige sind. Die Bewunderung für das umfangreiche Werk – Dylan hat seit 1962 alleine 36 Studioalben veröffentlicht - ist riesig, ebenso gross ist die Projektionsfläche der Erwartungen an den vermutlich einflussreichsten lebenden Künstler in der Rockmusik. Das Wichtigste zum ausverkauften Konzert bei «Stimmen», dem letzten der aktuellen Sommer-Tour durch Europa, gleich vorweg: Robert Allen Zimmerman, dieser lebende Mythos, verweigert sich sämtlichen Erwartungshaltungen, die im Publikum allenfalls vorhanden sind. Im Gegensatz zu vielen anderen Grossen seiner Generationen will er nicht im Rahmen einer Endlos-Best-of-Show die längst vergangene Jugend und Glorie zelebrieren. Und das ist ganz gut so.

Stimmlich in guter Form

Auf der Bühne sehen wir einen etwas knorrigen 74-Jährigen in einem Western-Anzug und mit breitkrempigem Sommerhut; einen, der ganz bei sich selbst ist. Dylanologen, die am Vortag in Locarno einen missmutigen Meister gesehen haben, schwärmen von der hervorragenden Laune, die er an diesem herrlichen Sommerabend auf dem Lörracher Marktplatz versprüht. Für Nicht-Eingeweihte ist dies nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Aber doch: Vor allem stimmlich zeigt sich Dylan - und das ist durchaus eine Überraschung - in bemerkenswerter Form. Mit zunehmender Dauer des Konzerts sitzen die Phrasierungen immer besser, Dylans Organ, das im Laufe der Jahrzehnte von einem Nuscheln zu einem Kratzen übergegangen ist, wirkt erstaunlich vordergründig. Der rhythmisierte Sprechgesang in «Ballad of a Thin Man» vom 1965er-Album «Highway 61 Revisited» unterstreicht eindrücklich, dass die Folk-Ikone zu den Vorläufern der Rapper gezählt werden muss.

Seine stimmliche Bandbreite mag begrenzt sein, doch die Ausdrucksformen variieren stark: In «Full Moon and Empty Arms» vom aktuellen Album «Shadows in the Night» hören wir den melancholisch-warmen Dylan auf den Spuren der Crooner. Wunderschön. Im Klassiker «Don’t Think Twice It’s All Right» den charmant zwischen den Tönen hin und her springenden Dylan.

Der Songwriter wirkt in Lörrach milde, legt in einigen Stücken gar luftige Lässigkeit an den Tag. Hin und wieder wünscht man sich allerdings den arrogant-schnösligen Protestbarden aus den frühen Jahren zurück. In einem Dylan-Konzert 2015 wirkt vieles unverbindlich und beliebig, was auch mit der Band zusammenhängt: Dylan musiziert mit einer hervorragend eingespielten, allerdings etwas gar zu gesetzten Altherren-Kapelle. Perfektes Handwerk ohne jegliche Überraschungen, gemacht für einen Sommer-Hochzeitsapéro. Vor allem am Anfang des Konzerts hören wir ausufernde Arrangements zwischen Country und Blues, die einlullend wirken.

Wie widerwillig hingeschmissen

Der Meister erntet vom ehrfürchtig zuhörenden Publikum lauten und höflichen, allerdings kaum je frenetischen Applaus. Dies liegt gewiss auch daran, dass Dylan sein aktuelles Set zwar sorgfältig und stilsicher aus beinahe sämtlichen Schaffensperioden zusammengestellt hat, er dabei aber auf die wirklich bekannten Klassiker fast ausnahmslos verzichtet: Es gibt kein «Like a Rolling Stone», kein «Blowin in the Wind», kein «The Times They Are a-Changin’», kein «Subterranean Homesick Blues.»

Ganz zum Schluss spielt Dylan dann doch noch einen: «All Along the Watchtower» – als einzige Zugabe notabene. Es wirkt wie ein widerwillig hingeschmissenes Zückerli für das nach Hits lechzende Publikum. Ein unmissverständliches Statement. Dann verlässt Dylan ohne eine Miene zu verziehen die Marktplatz-Bühne. Er hat während des ganzen, rund hundert Minuten langen Konzerts kein einziges Wort gesagt.