Gastkommentar
Begehrte Orangen aus Israel

Gastkommentar: Wie die Begeisterung nach dem Sechstagekrieg umschlug. Roger Blum ist gebürtiger Baselbieter und war Publizistikprofessor an der Uni Bern. Seit April 2016 ist er Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz.

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Am Sonntag vor 50 Jahren begann der Sechstagekrieg. (Symbolbild)

Am Sonntag vor 50 Jahren begann der Sechstagekrieg. (Symbolbild)

KEYSTONE/FR170079 AP/CLIFF OWEN

Gestern vor 50 Jahren begann der Sechstagekrieg. Wochenlang hatten die Araber dem Staat Israel mit Krieg gedroht. «Werft sie ins Meer!», soll der ägyptische Präsident Gamal Abd-el Nasser gesagt haben. Da schlug Israel überraschend zu: In wenigen Tagen standen die israelischen Truppen am Suezkanal und waren auf dem Weg nach Damaskus. Die Golanhöhen, das Westjordanland, der Gazastreifen und der Sinai kamen unter israelische Kontrolle. Der Kleinstaat hatte die kraftstrotzenden arabischen Nachbarn schachmatt gesetzt.

An der Universität Basel erschien der 66-jährige Geschichtsprofessor Werner Kaegi in seiner Vorlesung und sagte: «Ich bin glücklich, dass ich diesen Krieg noch erlebt habe.» In der Schweiz war die Begeisterung über den israelischen Sieg geradezu überschwänglich. Orangen aus Israel, die im Rahmen einer Spendenaktion in der Liestaler Allee verkauft wurden, fanden reissenden Absatz.

Es war die Solidarität des Kleinstaates mit dem Kleinstaat: Man war stolz, dass David es geschafft hatte, Goliath niederzuringen. Die Bezüge waren stark: Nur acht Jahre zuvor hatte der «Weltwoche»-Chefredaktor Lorenz Stucki unter dem Titel «Davids Chancen gegen Goliath» ein Buch veröffentlicht, das aber nicht Israel, sondern die Schweizer Armee zum Thema hatte.

Die Begeisterung hielt indes nicht lange an. Die Enttäuschung über die israelische Politik der folgenden Jahrzehnte führte zu einem Stimmungsumschwung, von dem vor allem die Palästinenser profitierten. Weil Israel die UNO-Resolutionen nicht vollzog, jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten errichtete, die Probleme militärisch statt diplomatisch anging und die palästinensische Bevölkerung schikanierte, wurde auch die Medienberichterstattung in der Schweiz zunehmend kritischer.

Man vergass, dass sich die Palästinenser durch Terror in die Weltöffentlichkeit gebombt hatten und dass zahlreiche Staaten Israel das Existenzrecht verweigern, darunter Syrien, Libanon, Irak, Iran, Saudi-Arabien, Jemen, Algerien, Indonesien, Pakistan, Kuba und Nordkorea.

Und man vergass gerade auch im Nahen Osten, dass Kriege nie Probleme lösen, sondern den Menschen nur Leid und Elend bringen, Hass und Rachegelüste schüren und neue Probleme schaffen. Darum kann, nein, darf man eigentlich nie sagen, dass man glücklich ist, einen Krieg erlebt zu haben. Dem Sechstagekrieg von 1967 waren bereits zwei israelisch-arabische Kriege vorausgegangen – jene von 1948 und von 1956.

Nur sechs Jahre nach dem Sechstagekrieg kam es zum Wüstenkrieg (Jom Kippur-Krieg), danach folgten Israels Libanon-Feldzug (1982), die erste Intifada (1987 bis 1991), die zweite Intifada (ab 2000), der zweite Libanonkrieg (2006) und mehrere Gazakriege (2008, 2012, 2014). Und das ist ja nicht einmal alles: Diese Region wurde auch überzogen mit dem Krieg zwischen Irak und Iran (erster Golfkrieg, 1980 bis 1988) sowie den internationalen Kriegen gegen Irak (zweiter und dritter Golfkrieg, 1991 und 2003), ferner mit den Kriegen in Jemen, in Libyen, in Afghanistan und jetzt in Syrien. Es ist nur noch schrecklich!

Kriegsjubiläen sollten dazu beitragen, den Krieg zu ächten. Es wird Zeit, in Nahost wieder an Lösungsvorschläge wie das Osloer Abkommen von 1993 und die Genfer Initiative von 2003 anzuknüpfen.

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