Er arbeitet am Deutschen Seminar der Universität Basel und ist am Montag Gast in der Veranstaltungsreihe «Im Gespräch» der Basler Fachstelle Gleichstellung im Ackermannshof. Dass er anders ist, als andere, wurde ihm klar, als es um das Thema Sexualität ging, sagt Birnstiel im Interview mit der bz.

Herr Birnstiel, Sie sitzen in einem schweren Rollstuhl mit Beatmungsgerät und wiegen rund 27 Kilogramm. Die meisten können sich ein solches Dasein kaum vorstellen. Wie leben Sie unter diesen Bedingungen?

Klaus Birnstiel: In meinem Alltag nehme ich mich nicht dauernd als behindert wahr. Es sind meine Begleiter, die wahrnehmen, wie ich von anderen angeschaut werde. Mein Alltag ist nicht so anders als bei anderen Menschen.

Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Sie anders sind? Wie sind Sie mit dieser Erkenntnis umgegangen?

Mir wurde mein Anderssein erst spät bewusst. Ich bin behütet und normal aufgewachsen als Jüngstes von drei Kindern und komme aus einem bürgerlichen Elternhaus. Meine Eltern sorgten dafür, dass ich eine normale Schule besuchen konnte. Wenn ich brutal ehrlich bin, wurde mir der Unterschied zu andern erst bewusst, als es ums Thema Sexualität ging. Mit Behinderteninstitutionen hatte ich nie etwas zu tun, von Spitalaufenthalten abgesehen. Insofern kann ich keine Leidensgeschichte erzählen.

Sie haben einmal geäussert, sie seien «radikaler Materialist». Was verstehen Sie darunter?

In der Kulturwissenschaft gibt es die Tendenz, die Dinge in der Welt als durch Sprache konstruiert zu sehen. Das ist zwar eine philosophische Errungenschaft, aber was die Behinderung betrifft, gibt es dann Plattitüden wie «Behindert ist man nicht, behindert wird man». Die soziale Definition des Behindert-Seins ist mir zu wenig. Meine körperliche Realität und meine Präsenz sind radikal anders als die eines Nicht-Behinderten. Meine Behinderung ist kein sprachliches Konstrukt. Die körperlichen Realitäten wieder in den Blickpunkt zu rücken, ist auch eine politische Position, obgleich man aufpassen muss, dass man sich nicht die falschen Alliierten einhandelt. So kann ich nur warnen vor biologistischen Tendenzen.

Stört es Sie, dass die Medien Sie oft auf das Thema Sexualität ansprechen, oder ist es für Sie eine willkommene Gelegenheit, über die sexuellen Freiheitsrechte der Behinderten zu reden?

Beides. Als ich vor einigen Jahren das Thema erstmals in einem Text ansprach, machte das die Leute neugierig. Ich möchte mich nicht zu sehr auf das Thema festlegen lassen, andererseits sind es Fragen, über die ich sprechen muss. Das Thema «Sexualität und Behinderung» ist in Mode gekommen. Das zeigt ein Problemfeld auf. Die meisten finden etwa Prostitution verwerflich. Wenn aber Behinderte über solche Erfahrungen zu berichten wagen, schlägt ihnen eine Welle der Anerkennung entgegen. Da liegt ein wunder Punkt, auf den ich meinen Finger halte. Es geht um die Frage, was eine entwickelte Zivilisation mit ihrer Körperlichkeit macht. Insofern bin ich froh, mich zu diesem Thema äussern zu können.

Sie lieben Ihre Arbeit als Literaturwissenschaftler, waren ein Jahr in Stanford (USA) und bald wird Ihr Buch über die Geschichte des Poststrukturalismus erscheinen. Woran arbeiten Sie derzeit?

Mein «dienstliches Projekt» ist eine grössere Arbeit im Rahmen der Frühromantik. In einem Feierabendprojekt habe ich begonnen, eine Mappe mit Texten anzulegen, in denen Behinderte eine Rolle spielen. Es könnte daraus eine Anthologie oder eine Studie werden.

Offenbar macht Ihnen das Leben mit zunehmendem Alter immer mehr Spass. Woher nehmen Sie den Humor und die Kraft, Ihr Leben zu meistern?

Ich fühle mich heute wirklich wohler als vor zehn Jahren. Ich hatte im Leben oft Glück. Darum entspreche ich nicht dem Klischee des «zynischen Behinderten». Ich bin kein Kind von Traurigkeit und sehe keinen Anlass, Trübsal zu blasen. Ich liebe eine gewisse Handlungsfreiheit, aber ich weiss nicht, wohin die Reise geht. Ein besonders reflektiertes Verhältnis zu Krankheit und Tod habe ich sicher nicht. Eine gewisse Gelassenheit in diesen Dingen ist Teil meiner Person.

Welche Wünsche an die Gesellschaft haben Sie hinsichtlich des Verständnisses von Menschen mit einer Beeinträchtigung?

Manchmal denke ich, dass der Abbau von architektonischen Barrieren schneller gehen könnte. Und wir sollten etwas weniger befangen sein im Umgang miteinander. In Amerika fiel mir die grosse Unbefangenheit im Kontakt mit Behinderten auf. Ich möchte lieber, dass jemand mir gegenüber einmal etwas falsch macht, als dass er nichts mit mir macht.

«Im Gespräch...»: Martin Hug, Leiter Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, mit Klaus Birnstiel, Literaturwissenschafter, Ackermannshof, Druckerhalle, Montag, 22. September 2014, 18.15–19.30 Uhr.