Straftäter
«Bei hoffnungslosen Fällen gibt es keinen Therapie-Optimismus»

Vor anderthalb Jahren flüchtet ein schizophrener Mann aus der Psychiatrie, raubt ein Auto und rast durch Basel. Seine Opfer nimmt er bewusst ins Visier. Eine Frau stirbt. Marc Graf, Direktor der forensisch-psychiatrischen Klinik Basel über psychisch kranke Täter, Strafe und Therapien.

Matthias Zehnder
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Marc Graf, Chefarzt Forensische Klinik, vor der Türe der Abteilung R4, durch die der Tätter flüchtete

Marc Graf, Chefarzt Forensische Klinik, vor der Türe der Abteilung R4, durch die der Tätter flüchtete

Kenneth Nars

Der Mann, der 2012 auf einer Todesfahrt im Basler Stadtzentrum ein Blutbad mit einer Toten und sieben Verletzten angerichtet hatte, steht seit Dienstag vor dem Basler Strafgericht. Gemäss der Staatsanwaltschaft ist der psychisch kranke Täter nicht zurechnungsfähig. Beantragt wird eine Massnahme.

Der damals 27-jährige Mann war am 13. März 2012 gewaltsam aus einer geschlossenen Abteilung für Straftäter der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel (UPK) ausgebrochen und hatte auf der Strasse ein Auto geraubt. Auf der darauf folgenden Fahrt durch die Innerstadt zur Mittleren Brücke überfuhr er acht Personen. Eine Frau starb, sieben Personen wurden verletzt.

Seit der Tat sitzt der in der Schweiz geborene Mazedonier in Basel in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hatte im Zuge ihrer Ermittlungen auch ein psychiatrisches Gutachten erstellen lassen, das den Mann als unzurechnungsfähig beurteilte. Das Gericht muss somit zunächst die Schuldfähigkeit des Mannes beurteilen. Der Prozess ist auf zwei bis drei Tage angesetzt. (sda)

Fabrice A. in der Staatsanwaltschaft Stettin, Polen. Der mutmassliche Mörder der Sozialtherapeutin Adeline beim Verlassen der polnischen Staatsanwaltschaft in Stettin.

Fabrice A. in der Staatsanwaltschaft Stettin, Polen. Der mutmassliche Mörder der Sozialtherapeutin Adeline beim Verlassen der polnischen Staatsanwaltschaft in Stettin.

Keystone

Herr Graf, Straftäter, die aus der Therapie ausbrechen wie im Fall des Amoklaufs von Basel oder auf einem Freigang mutmasslich die Therapeutin ermorden wie in Genf – hat die Schweiz Psychopathen nicht im Griff?

Marc Graf: Beim Vergewaltiger in Genf handelt es sich vielleicht um einen Psychopathen. Der Basler Täter war jedoch kein Psychopath, sondern ein an einer Schizophrenie Erkrankter. Das sind sehr unterschiedliche Risiken. Wenn man die Kriminalitätsraten und vor allem die Rückfallquoten anschaut, steht die Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut da. Wir haben im Moment spektakuläre Fälle, aber kein systematisches Problem.

Ab heute steht der Amokläufer von Basel vor Gericht. Besteht die Gefahr, dass er da ausrastet?

Nein, das ist ein psychisch kranker Mensch, der eigentlich niemandem Schaden zufügen wollte. Der Fall ist weniger gefährlich als tragisch.

Die Öffentlichkeit sieht, wie im Fall Carlos, die Täter im Fokus der Therapie und fürchtet, dass die Opfer vergessen werden. Es wird der Ruf nach Strafe, nach Vergeltung statt Therapie laut.

Strafe als Vergeltung muss auch stattfinden. Es muss eine Wiedergutmachung geben. Aber im Artikel 56 des Strafgesetzbuches richten sich diese Eingriffe ins Persönlichkeitsrecht des Täters auch nach der Gefahr von zukünftigen strafbaren Handlungen und nicht nur nach dem, was er schon angestellt hat. Die Fälle Carlos, der Amoklauf von Basel und der Mord in Genf zeigen Schwächen im System auf, nicht der Gesetzgebung. Wir haben hier in Basel mit einem externen Audit unser System untersucht und optimiert. Das war schmerzhaft, ist aber wichtig.

Welche Rolle spielt die Therapie künftig?

Das kommt vor allem auf das Alter des Täters an. Wenn therapieren, dann früh. Jeder Franken, den man in der Jugendforensik ausgibt, den spart man mehrfach in der Erwachsenenforensik. Frühintervention, Sozialarbeiter an der Schule, eine frühe Sexualerziehung der Kinder, solche Dinge sind viel günstiger als spätere Haftstrafen. Eine reine «Law and Order»-Politik hilft nicht weiter. Das tut im Moment gut, bringt aber wenig. Das zeigt das Beispiel USA: Obwohl da proportional mehr als zehnmal mehr Menschen im Gefängnis sind, haben die Amerikaner eine mehr als zehnmal höhere Rate von Gewaltdelikten. Es wäre verfehlt, eine solche Politik anzunehmen. Umgekehrt gibt es Täter, bei denen wir feststellen müssen, dass wir nichts mehr machen können. Ich sistiere jedes Jahr an unserer Klinik, drei bis fünf Therapien, weil man nichts mehr machen kann. Solche Menschen werden verwahrt. Da gibt es keinen Therapie-Optimismus.

Gutachter exponieren sich vor allem dann, wenn sie beim Freilassen Fehler machen. Fehler, die sie beim Einsperren machen, treten nicht zutage. Besteht die Gefahr, dass der öffentliche Druck auf die Gutachter eine Wirkung hat?

Das ist so. Im Fall Marie waren am Tag nach dem Tötungsdelikt die Namen der Gutachter in den Medien. Die Strafverteidiger werfen uns vor, dass wir nicht mehr neutral sind. Deshalb dürfen sich Gutachter nie äussern zur Gefährlichkeit oder zu Massnahmen. Ein Mediziner ist dafür weder ausgebildet noch legitimiert. Das ist Aufgabe des Gerichts. Der Gutachter darf nur Risiken und Chancen formulieren.

Gibt es eine Therapieimmunität? Stimmt es, dass Täter mit langer Therapiegeschichte lernen, Therapeuten etwas vorzuspielen?

Das gibt es. Das kann bei intelligenten Menschen schnell gehen. Es gibt Menschen, welche die Mimik und Gestik der Therapeuten lesen können und sich rasch anpassen. Erfahrene Therapeuten wissen das und können damit umgehen.

Welches Risiko gehen Ihre Mitarbeiter im Umgang mit Täterpatienten ein?

Wir haben bei uns in der forensischen Psychiatrie ein niedrigeres Risiko körperlicher Angriffe als man das auf einer allgemeinen Psychiatrie oder auf einer Notfallstation hat. Da hat es häufig narkotisierte oder alkoholisierte Patienten. Wir erhalten unsere Patienten von der Polizei gesichert und entwaffnet, da haben wir kein Problem. In den Gefängnissen sieht es etwas anders aus. Da kann es schon gefährlich werden.

Zurzeit sind über 200 Personen in der Schweiz verwahrt. Jedes Jahr kommen rund 15 neue Verwahrungen dazu, aber nur eine Entlassung. Wohin führt das?

Es führt dazu, dass wir immer mehr immer ältere Gefangene haben. In der Verwahrung sterben mehr Menschen als entlassen werden. Das führt dazu, dass wir eine Altersforensik brauchen, die beurteilen kann, ab welchem Alter und ab welchem Gesundheitszustand ein Mensch nicht mehr gefährlich ist. Auch das ist eine schwierige Frage. Verwahrte haben ihre Strafe abgesessen und ihre Schuld getilgt. Sie werden zu unserer Sicherheit weggesperrt. Irgendwann müssen sie an ein Pflegeheim oder an ein Spital übergeben werden.