Politik-Macht-Gesetz versucht Jugendlichen Politik näherzubringen. Mit dem Ansatz eines Simulationsspiels lädt es die Teilnehmer ein, in die politischen Abläufe einzutauchen und diese hautnah mitzuerleben und mitzugestalten. Dies zeigt Erfolg, sagt Monika Waldis im Interview, im Hinblick auf eine Veranstaltung im Basler Rathaus. Waldis ist Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz und leitet dort den Schwerpunkt Politische Bildung und Geschichtsdidaktik am Zentrum für Demokratie Aarau, an dem das Spiel entwickelt wurde.

Frau Waldis, sie setzen sich mit der politischen Bildung von Jugendlichen auseinander. Wie steht es denn um diese heutzutage in der Schweiz?

Monika Waldis: Politische Bildung ist kein eigenes Fach in den Lehrplänen der Volksschulen, sondern nur ein Thema. Dabei ist nicht ganz klar, in welchen Fächern und in welchem Rahmen dieses behandelt wird. Daher besteht die Gefahr, dass die politische Bildung liegen bleibt. Laut der International Civic and Citizenship-Studie ist der Wissensstand bei den Schweizer Jugendlichen tatsächlich nur mittelmässig und stark vom sozio-ökonomischen Status des Elternhauses abhängig. Dies bedeutet, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten weniger wissen. Es ist wahrscheinlich, dass diese zu Hause weniger häufig mit Politik in Kontakt kommen. Daher muss eine gewisse Grundausbildung für alle von der Schule gewährleistet werden.

Besteht da nicht die Gefahr der politischen Beeinflussung durch die Lehrerinnen und Lehrer?

Die Lehrperson darf und kann zu seiner oder ihrer Meinung stehen. Problematisch wird es dann, wenn ein starkes Werben für die eigene Meinung entsteht. Es soll aber in erster Linie um das Verstehen des Systems und der Prozesse, und um die Möglichkeiten der Teilnahme gehen.

Dort setzt Politik – Macht – Gesetz an. Inwiefern sind diese Ansätze im Planspiel verankert?

Einerseits wird den Teilnehmenden ein lebensweltlicher Zugang zur Politik gewährt. Durch das Rollenspiel werden die politischen Abläufe und der Diskurs für die Teilnehmer erlebbar gemacht. Dies ist ein ganz wichtiges Ziel. Denn so partizipieren die Jugendlichen bereits am Geschehen und erhalten dadurch einen Einblick in die Aushandlungsprozesse im Parlament.

Die Vorbereitung und die Durchführung tönen sehr anspruchsvoll und aufwendig. Wird die Simulation von den Jugendlichen denn ernstgenommen?

Ich kann mir schon vorstellen, dass die Jugendlichen am Anfang eher skeptisch sind. Aber im Laufe der Simulation werden sie vom Spiel gepackt. Durch laufende Erfolge, wie beispielsweise gute Argumente, werden die Jugendlichen zudem weiter motiviert.

Dennoch ist das ganze Spiel auf sehr hohem Niveau. Die Gesetzgebungsprozesse sind vielen Bürgern unbekannt und werden meist erst an weiterführenden Schulen diskutiert. Wie können die Jugendlichen mit dem hohen Niveau umgehen?

Ich denke, dies ist immer eine Herausforderung, sobald man Spiele als Lernform einsetzt. Man bewegt sich auf zwei separaten Ebenen. In der ersten Ebene agiert man als Spieler. Dies kann ein tolles Erlebnis sein, und es sind auch emotionale Erfahrungen damit verbunden. Lernwirksam wird das Spiel aber erst, wenn auch die zweite Ebene beachtet wird: die Reflexion der Prozesse. Die Schüler sollten sich mit Fragen wie ‹Was ist passiert› ‹Welche Aktion war zielführend?› oder ‹Was hat nicht funktioniert?› beschäftigen. Es geht darum, sich mit dem Gesetzgebungsprozess auseinandersetzen und diesen zu verstehen. Durch die reflexive Auseinandersetzung kann das Erlebte aus einer anderen Sichtweise betrachtet und das Erlernte gefestigt werden.

Und diese Auseinandersetzung soll in der Schule erfolgen?

Gerade bei komplexeren Problemen in unstrukturiertem oder unbekanntem Umfeld, ist der Austausch mit anderen zentral. Da das politische Gebiet für viele, wenn nicht alle, Schüler Neuland ist, denke ich, dass die Vor- und Nachbereitung im Klassenverband gewinnbringend ist. Zudem lässt sich das Erlebnis so mit Anschlussaktivitäten verknüpfen.

Sie finden also, dass sich grundsätzlich ganze Klassen anmelden sollten?

Ja. So besteht auch die Möglichkeit, Kinder zu erreichen, die in einem weniger politikinteressierten Elternhaus aufwachsen. Natürlich ist die Simulation dennoch sehr sprachbasiert. Sprachliche Nachteile wirken sich demnach dennoch negativ aus. Doch selbst wenn nicht alle Prozesse transparent werden, so bekommen die Teilnehmer zumindest einen Einblick in die Komplexität des Geschehens. Dies bringt das politische Geschehen näher an die Jugendlichen und trägt dazu bei, sie zu informierten Bürgern auszubilden.