Basel
Bei regionalen Politikern ist Vertrauen in Atomaufsicht auf «ziemlichem Tiefstand»

Ein Bericht der Atomaufsicht zur Trinkwasserversorgung bei einem Atomunfall sorgt für heftige Kritik. Anscheinend hat das Ensi grobe Fehler gemacht und zum Beispiel vergessen, dass Muttenz mit 17000 Einwohnern täglich mit Trinkwasser versorgt wird.

Daniel Haller
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Im September liess sich der japanische Premierminister Shinzo Abe (mit rotem Helm) in Fukushima vor Ort erklären, dass die Tanks für radioaktiv verseuchtes Wasser immer noch lecken. Keystone

Im September liess sich der japanische Premierminister Shinzo Abe (mit rotem Helm) in Fukushima vor Ort erklären, dass die Tanks für radioaktiv verseuchtes Wasser immer noch lecken. Keystone

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«Dem Ensi ist es wurscht, wenn wir hier verrecken», meint der Basler SP-Grossrat Ruedi Rechsteiner. Grund seiner Empörung über das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) ist dessen Bericht, wie radioaktiv verseuchtes Wasser aus einem havarierten Atomkraftwerk sich auf die Trinkwasserversorgung an Aare und Rhein auswirken würde. Rechsteiner ist nicht allein: Die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz listen eine Reihe von Kritikpunkten auf:

Ensi: «Für Notfälle sind die Kantone verantwortlich»

«Bei der Aktennotiz ‹Radiologische Schadstoffausbreitung in Fliessgewässern - mögliche Auswirkungen auf den Notfallschutz› stehen die Überwachung, Alarmierung und Entscheidungskriterien für erste Massnahmen im Zentrum,» erklärt Ensi-Sprecher Sebastian Hueber auf Anfrage. Verantwortlich für die Anordnung und den Vollzug der Notfallschutzmassnahmen seien die Kantone. Die Auflistung der Wasserversorgungen sei nicht abschliessend, kommentiert er das Fehlen von Muttenz. «Neben den genannten Wasserwerken existieren noch weitere.» Dies sei in der breit angelegten Vernehmlassung nicht bemängelt worden. Die Angaben zur Trinkwassermenge der IWB habe das Ensi der Website der IWB entnommen. Dazu stellen die IWB klar, dass im Schnitt 75 000 Kubikmeter Wasser verbraucht werde. Doch dafür müsse man aber dem Rhein 145 000 Kubikmeter entnehmen. Zur Dauer eines Verzichts auf Rheinwasser-Versickerung erklärt Hueber: «Verantwortlich für Anordnung und Vollzug der Notfallschutzmassnahmen sind die Kantone.
Die Qualität und der Betrieb der Trinkwasserversorgung ist nicht im Aufsichtsbereich des Ensi.» (dh)

  • Das Ensi rechnet mit einer kontaminierten Wassermenge, wie sie in der ersten Unfallwoche aus dem Block II des AKW Fukushima ausgetreten ist. Kritik: Dies berücksichtige nicht, dass seit zweieinhalb Jahren täglich mehrere Hundert Tonnen verstrahltes Wasser ins Meer fliessen.
  • Das Ensi habe die Gemeinde Muttenz, die 17'000 Einwohner täglich mit 6900 Kubikmeter Trinkwasser versorgt, «schlicht vergessen».
  • Das Ensi gehe davon aus, dass für die Versickerung im Hardwald und in den Langen Erlen täglich 75'000 Kubikmeter Wasser dem Rhein entnommen werde. Es seien aber 145'000 Kubikmeter.
  • Das Ensi rechnet damit, dass man in der Region Basel – vorausgesetzt man reduziert notfallmässig den täglichen Verbrauch von 375 auf 15 Liter pro Kopf – die Trinkwasserversorgung maximal 175 Tage lang ohne Wasser aus dem Rhein sicherstellen könne. Kritik: Dies berücksichtige nicht, dass man im Hardwald mit Rheinwasser einen Grundwasserberg erzeugt, um Schadstoffe aus den Muttenzer Deponien von den Trinkwasserbrunnen fernzuhalten. Ohne Rheinwasser könne die Verschmutzung nach zwei Wochen einsetzen, und nach 175 Tagen seien die Trinkwasserfassungen für 230'000 Menschen «wahrscheinlich zerstört».

Ensi bearbeitet vier Pakete

Rechsteiner hat aufgrund des im Oktober publizierten Ensi-Berichts eine Interpellation im Grossen Rat eingereicht. Die Basler Regierung antwortete in der vergangenen Woche, sie sei bereits mit dem ersten Atomunfall-Trinkwasserbericht des Ensi nicht zufrieden gewesen. Auch das aktuelle Papier – als «Aktennotiz» betitelt – sei nur als Zwischenbericht zu werten, «da er nur einen Teil der Problematik des Trinkwasserschutzes vor radioaktiver Verseuchung behandelt. Zudem ist auch dieser Teil noch nicht abgeschlossen.» Mängel sollten nun mit vier Arbeitspaketen behoben werden.

Drei Pakete betreffen Messungen und Alarmierung. «Als einzige Massnahme bei den AKW selber – die aber auch versagen kann, und davon geht der Bericht aus – stuft der Regierungsrat den Auftrag an die AKW ein, ein Konzept vorzulegen, wie grosse Mengen an kontaminiertem Wasser zurückgehalten werden können.» Dafür müssen sie dem Ensi bis Ende 2013 eine Analyse liefern. Bis Ende 2014 will das Ensi die Pakete bearbeiten.

«Damit legt die Regierung den Finger auf den kritischen Punkt», kommentiert Rechsteiner. «Das Ensi hat drei Jahre gebraucht, um den AKW-Betreibern einen Brief zu schreiben. Richtig wäre, das Ensi würde Bestimmungen zum Schutz der Bevölkerung erlassen, statt die AKW-Betreiber zu fragen.» Vordringlich sei, dass die Betreiber gezwungen würden, ausreichend grosse Wasser-Rückhaltebecken zu bauen.

«Zurzeit hat mein Vertrauen ins Ensi einen ziemlichen Tiefstand erreicht», kommentiert Grünen-Landrat Jürg Wiedemann die von den Ärzten für Umweltschutz geäusserte Kritik. «Derartige Fehler und Falschinformationen zeugen von unqualifizierter Arbeit oder von Überforderung, beides völlig inakzeptabel.» Das Ensi selbst weist die Kritik zurück (siehe Box).