Reanimierte Stilrichtung
Beim Cabaret Bizarre sind der Dekadenz keine Grenzen gesetzt

Im Sud lassen Künstler mit dem Cabaret Bizarre das vergessene Varietétheater wieder aufleben. Die Zuschauer waren von der abwechslungsreichen Darstellung begeistert.

Muriel Mercier
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Der Magier Christopher Wonder aus den USA praktiziert wahre schwarze und weisse Magie.

Der Magier Christopher Wonder aus den USA praktiziert wahre schwarze und weisse Magie.

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Im Theatersaal ist es stockdunkel, die Atmosphäre zwischen schauerlich und prickelnd. Ein Lichtkegel erscheint auf der Bühne und eine stark geschminkte Dame erscheint. Sie trägt ein kurzes Top aus Latex, einen kurzen schwarzen Mini und Netzstrümpfe. In der Hand hält die Künstlerin einen Kegel, den sie im Verlaufe ihres Auftritts anzündet, in ihren Rachen hält und Feuer speit. Es folgt ein Fakir, der sich oben ohne auf Nägel legt, eine zweite dunkle Person stellt sich auf ihn drauf.

So oder ähnlich wird wohl die Stimmung sein, wenn die Schauspieler des Cabaret Bizarre am Samstagabend im Basler Sud ihr Können präsentieren. Neben Feuerspeiern befreit sich ein Entfesslungskünstler kopfüber hängend aus einer Zwangsjacke oder es werden Schwerte geschluckt. Wichtiges Merkmal des Londoner Neo-Cabarets: Grenzen sind da, um überschritten zu werden. Fabrizio Plozner, neben Thomas Kaufmann der zweite Cabaret-Bizarre-Produzent, sagt kurz und bündig: «Unsere Show ist dekadent. Es gibt keine Regeln, an die man sich halten muss.»

Unkonventionelles wird gefeiert

Das aufkeimende Cabaret Bizarre wird am Samstag zum achten Mal in der Schweiz gezeigt. Vor einigen Jahren erlebte die europäische Kunstform in London eine Auferstehung – in Cabaret Clubs und an Festivals wird jetzt das zeitweise vergessene Theatergenre in die heutige Zeit transportiert. Die reanimierte Stilrichtung feiere das Unkonventionelle, erklärt Plozner, der sich seit sechs Jahren dieser jahrhundertealten Tradition von Schaustellerei, Zirkus und Varieté widmet.

Das Kuriositätenkabinett oder der dekadente Maskenball, wie man die Vorstellung auch nennen kann, orientiert sich an den Pariser und Berliner Varietétheatern der goldenen 20er-Jahre – an der Zeit der Weimarer Republik also. Zum ersten Mal waren Autoren damals von der Zensur befreit und schrieben politisch-satirisches Cabaret. Doch als die Nazis Anfang der 30er-Jahre die Macht übernahmen, wurden die Autoren gezwungen, brisante politische Themen auszuklammern. Das Varietétheater verschwand definitiv – bis vor ein paar Jahren zumindest. Aufgetaucht ist das Varietétheater im Film Cabaret aus dem Jahr 1972, mit Liza Minelli und Michael York in den Hauptrollen.

Bernerin gestaltet ihre Show selbst

Für die Bernerin Zora Vipera kommt kein anderer Job als den der Künstlerin in der Neo-Kabaretts-Szene infrage. «Ich kann mich als Darstellerin in einer solchen Vorstellung frei gestalten.» Solche Shows gebe es auf der Welt viel zu wenige. «Andere Programme sind immer zusammengestellt.» Vipera hat schon als Kind Zirkus gemacht, seit sieben Jahren ist sie bei Cabaret Bizarre dabei und ist vor allem vom Feuer speien angetan. Dieses könne man in Europa nirgends lernen, sagt sie: «Ich habe mir diese Kunst selber beigebracht.» Die 26-Jährige sowie auch Fabrizio Plozner sind überzeugt, dass das beim Publikum wachsende Interesse am auferstandenen Varietétheater mit dem Ausbrechen aus der Masse zu tun habe. «Die Grenzenlosigkeit bei Cabaret Bizarre lässt keine Kompromisse zu und lässt jeden Einzelnen individuell auftreten», sagt Plozner.

Im Cabaret Bizarre verschmelzen Elemente wie Musik, Tanz, Komödie, Zauberei oder Striptease ineinander. Das Publikum wird in die Show einbezogen. Es soll sich passend kleiden: Burlesque, Fetisch und Baroque treffen auf Dragqueens, Clowns und Freaks. Die Musik reicht vom 20er-Jahre-Swing über bodenständigen Rock’n’Roll bis hin zu dunkler Elektronik. Wie gesagt: fernab des Konventionellen.