Herr Thommen, wie verbringen Sie den 25. Dezember?

Zur Person

Peter Thommen kam 1970, mit 20 Jahren nach Basel und hatte hier sein Coming-out. Schnell begann er sich für die Politik zu interessieren und kämpfte an vorderster Front für die Rechte von Schwulen in der Gesellschaft. 1977 eröffnete er Arcados, den ersten schwulen Buchladen Basels. Elf Jahre später kandidierte auf der von ihm gegründeten Homosexuellen Liste Basel für den Grossen Rat. Heute ist der 65-Jährige Herausgeber des schwulen Gassenblatts und äussert sich im Blog «Thommen-Senf» zu aktuellen Themen rund um die Schwulenbewegung.

Peter Thommen: Der Weihnachtstag ist für mich ein Sonntag wie alle anderen. Die Schenkerei wäre ja sowieso erst später, am Tag der drei Magier. Denn Könige waren das ja auch nicht, wer läuft schon als König durch die Wüste ohne Armee? Es gibt ja noch Pfingsten und Ostern, da habe ich jeweils Kuchen gebacken und in das Schwulenlokal in der Rebgasse gebracht. Da hatte es immer Leute, schon nachmittags. Es ist ja bei einigen Familien so, dass sie bei diesen Festtagen nicht unbedingt einen schwulen Partner willkommen heissen. Daraus hat sich entwickelt, dass an allen hohen christlichen Feiertagen Basler Schwulenlokale geöffnet haben durften. Das ist ein uralter Brauch, wohl aus den 1960er-Jahren.

Waren Sie denn auch am Tuntenball im Hirscheneck anzutreffen?

Ja klar, ich war an fast allen dabei. Der Tuntenball war früher die Alternative zur familiären Weihnacht. Dort traf man die andere Familie.

Gibt es dieses Bedürfnis noch?

Weniger. Es ist nur noch Spass. Und er ist völlig überlaufen. Da kommen auch viele Heteros, die familiäre Atmosphäre ist weg.

Was bedeutet dieses Ende nun für Sie?

Es ist noch kein Ende, es ist eine Kreativpause. Der Organisator will offenbar wieder mehr auf die schwule Familie setzen. Die Schwulenszene hatte immer auch einen selbstdarstellerischen Charakter. Da gabs nicht nur schüchterne Schwestern, sondern sehr auffällige Leute, die die Szene aufgemuntert haben. Das kam bei den bürgerlichen Schwulen aber nicht gut an.

Ist Schwulsein heute im Mainstream angekommen?

Das ist eine total falsche Frage. Schwulsein, daran ist der Kopf beteiligt. Das ist ein Lebensmodell, wie wenn einer eine Familie gründet. Homosexualität hingegen ist etwas anderes. Dieser sexuelle Akt ist auch bei den Heteros sehr verbreitet, das hat schon der Kinsey-Report belegt. Gelegentlicher Sex mit Gleichgeschlechtlichen ist bis zu 30 Prozent unter den Männern verbreitet. Ich hatte mit vielen Heteros Sex. Ein Mann wird nicht homosexuell, wenn er Sex mit einem anderen Mann hat. Und ein Schwuler wird auch nicht bisexuell, wenn er eine Frau küsst.

Aber gibt es nicht Charakteristika der Schwulenbewegung?

Das Charakteristische der Schwulenbewegung war der öffentliche Dialog. Früher, in den 1970ern, da hat man noch über alles geredet, auch an Demos. Ich erlebe mit 45-jähriger Verspätung wieder die gleiche Heimlichtuerei. Bischof Huonder mit seinen Äusserungen wird verklagt und die Schwulen tun wie aufgeschreckte Hühner.

Um was geht es denn konkret?

Es geht um den Akt der Penetration selbst: Wer penetriert, ist nicht schwul, wer penetriert wird hingegen schon. Das ist das Bild unserer Kultur von der Homosexualität. Dies geht auch Frauen so, darum dürfen sie keine sakralen Handlungen vornehmen. Diese Auseinandersetzung stammt aus der Schwulenbewegung – und jetzt wird wieder darüber geschwiegen.

Worüber müsste man denn reden?

Die Gleichwertigkeit. Man müsste sagen: Frauen sind anders als Männer und dennoch gleichwertig. Genauso bei Schwulen. Anders, aber als Menschen gleichwertig. Dafür gibt es immer noch zu viele Gebilde in den Köpfen. Ich meine auch nicht die Gleichbehandlung: Frauen sollen anders behandelt werden als Männer, Schwule auch. Aber als Gleichwertige.

Sie sagten schon vor einiger Zeit, die Schwulenbewegung sei tot. Warum aber, wenn die Gleichwertigkeit nicht hergestellt ist?

Niemand redet mehr öffentlich über unsere Sicht der Dinge. Heute wollen einfach alle heiraten, fertig. Die Heirat ist nicht die Lösung. Wir sind ja nicht mal so weit, dass ein heterosexueller Mann sich öffentlich stark machen kann für Schwulenrechte, ohne dass er gleich als schwul gilt.

Wie ist es mit dem Stigma von Ausdrücken wie: «So schwul!»?

Damit habe ich kein Problem. Ich sage beispielsweise auch: «Das ist jetzt aber heterosexuell.» In Kombination mit dem Präfix Sau- hingegen ist es nicht mehr akzeptabel.

Die Gefahr des Missbrauchs bleibt aber.

Dieses Risiko muss eine Demokratie eingehen.

Sind Sie gegen das Recht der Ehe von Homosexuellen?

Ach, die sollen machen, was sie wollen. Ich will nur etwas mit auf den Weg geben: Für die Probleme zwischen Hetero-Ehepartnern gibt es dutzende Beratungsstellen. Ob die dann in der Lage sind, sich auch um Schwule zu kümmern, da bin ich mal gespannt. Es ist nicht das gleiche Verhältnis.

Sie sagen, auch heute noch sei die Diskriminierung von Homosexuellen aktuell, auch bei Jugendlichen. Dennoch ist der Tuntenball überlaufen, durchaus auch von Heteros. Wie passt das zusammen?

Es ist eine oberflächliche Solidarisierung. Man schmückt sich mit Toleranz. Dennoch ist es dort auch immer wieder zu homophoben Äusserungen gekommen, was ja mit ein Grund ist für die diesjährige Pause. Toleranz – ein grauenhaftes Wort – vielmehr sollte man sagen: Ich nehme Dich so, wie Du bist. Aber oft ist es doch so, dass man die eigene Meinung dreht, je nachdem, in welcher Situation man sich gerade befindet.

Sie waren Aktivist der ersten Stunde. Wie hat sich die Bedeutung der Stadt Basel für die Schwulen verändert?

Basel war immer sehr international. An den Partys war stets klar: Es gibt ein bisschen französisches Parfum und Bier aus Deutschland. Ganz anders als in Bern oder Zürich. Das geht übrigens schon aus den Akten im letzten Jahrhundert hervor, die Polizeikontrollen bestätigten das. Diese Internationalität ist heute noch grösser.

Sie besitzen das Arcados, den schwulen Buchladen Basels. Wofür braucht es diesen heute noch?

Es braucht ihn gar nicht mehr. Es kommen noch hin und wieder Leute, die sagen «Hier hatte ich damals mein Coming-out». Aber mehr als Nostalgie ist es nicht mehr. 2017 werde ich ihn schliessen, nach 40 Jahren. Ich habe noch ein Archiv. Dieses umfasst Korrespondenzen mit der Polizei, Zeitungsartikel, Broschüren, Dokumente aus aller Welt und Radioaufnahmen. Dieses will ich noch ordnen.

Wie ist es mit anderen klassischen Schwulen-Treffs, beispielsweise das L-39. Gehen Junge dort noch hin?

Ja klar, vor allem an Partys. Vieles läuft auch über digitale Medien. Früher kam man in die Szene, lernte Leute persönlich kennen, war Teil der Familie und lernte wichtige Umgangsformen kennen. Heute ist alles sprunghafter. Das birgt viele Gefahren. Alleine Safer Sex: Das wird heutzutage gar nicht mehr so thematisiert. In unserer Generation war das sehr aktuell, ich habe viele Freunde wegen HIV und Aids verloren, sie fehlen heute in der Szene.