Herr Huggel, Sie trainieren eine Junioren-Mannschaft. Ein Knochenjob. Wären Sie finanziell nicht in der Lage, sich nach Ihrer Profi-Karriere ein schönes Leben zu machen?

Benjamin Huggel: Ob ich dazu in der Lage wäre, spielt gar keine Rolle. Ich will das nicht. Schauen Sie: In der Schweiz gibt es viele vermögende Leute, die finanziell nicht auf eine berufliche oder politische Tätigkeit angewiesen sind. Und doch arbeiten sie wie die Verrückten. Ich habe nun die Möglichkeit, selber eine Mannschaft zu formen und zu trainieren. Das ist für mich eine sehr reizvolle Herausforderung.

Spüren Sie umgekehrt Existenzängste? Fragen Sie sich, wie Sie die nächsten Jahre finanziell über die Runde kommen sollen?

Existenzängste nicht gerade, aber Zukunftsängste – ja. Dass ich Ihnen hier ein Interview geben darf, hat vor allem mit meiner Vergangenheit zu tun. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich muss mir aber überlegen, mit welcher Tätigkeit ich meine Familie in der Zukunft finanziell durchbringen und mich selber glücklich machen kann. Ich habe angefangen mit den Trainerausbildungen und das macht mir Spass. Der Fussball ist ein unwägbares Business. Letztlich weiss ich derzeit nicht, ob mir dieser Sprung in die Trainergilde auch wirklich gelingt.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, das aufregende Leben des Profi-Fussballers hinter sich zu lassen?

Bei mir war der Übergang in diesen Lebensabschnitt zum Glück sanft. Der Bruch, den vielleicht andere Spieler am Ende ihrer Profikarriere spüren, hat bei mir so nicht stattgefunden. Auch dank meines Engagements beim Fernsehen. Ich habe mich während meiner Profi-Zeit nie darüber definiert, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Ich habe mir als Kind nicht ausgemalt, wie es sein könnte, berühmt zu sein. Aber ich träumte davon, in einem Stadion ein Tor zu schiessen.

Wenn ein Fussballer jahrelang hört, was für ein cooler Typ er sei, und das spielt dann von heute auf morgen keine Rolle mehr: Das ist schwierig, oder?

Sehr schwierig. Für die Tätigkeit, die ein Spieler am besten kann, für die er über Jahre bezahlt und bewundert wurde - diese Tätigkeit ist von einem Tag auf den anderen Vergangenheit. Und das nicht mit 65, sondern mitten im Leben mit 35. Das ist ein schwieriger Prozess für jeden Leistungssportler. Der Rollenwechsel war auch für mich nicht ohne: Weg von der ersten Mannschaft, wo auf dem Platz Leadership gefragt war, hin in die Nachwuchsabteilung, wo ich selber Lehrling war. Ironischerweise gibt es hunderte Karrierepläne, wie ein junger Sportler eine Profikarriere lancieren kann. Es gibt aber kaum Pläne für die zweite Karriere.

Wo möchten Sie als Trainer in fünf Jahren stehen?

Mit dem Start der Trainerausbildungen habe ich mich auf einen langen Weg begeben. Für mich ist klar, dass ich ganz nach oben kommen möchte.

Das heisst?

In der Schweiz heisst ganz nach oben naturgemäss Super-League-Trainer. Ich muss aber aufpassen, welche Ziele ich hier öffentlich formuliere. In der Schweiz sind Neid und Schadenfreude weitverbreitet. Leider.

Mit welchen Augen schauen Sie sich heute ein FCB-Spiel an?

Mit verschiedenen – je nach Spiel. Mal mit den Augen des Ex-Spielers, der mit diesem Verein sehr vieles erleben durfte. Mal schaue ich ein Spiel mit dem Trainer-Auge und frage mich: Wie spielen sie heute? Wie sind sie taktisch aufgestellt? Auch verfolge ich die Spiele mit dem Auge eines Freundes: Mein bester Freund Marco Streller spielt beim FCB – noch. Ich kenne Philipp Degen und Fabian Frei sehr gut und habe mit beiden viel Zeit verbracht. Natürlich hoffe ich auch, dass es diesen Spielern persönlich gut läuft.

Wie oft sieht man Sie im Joggeli?

Ich besuche im Schnitt etwa jedes dritte FCB-Spiel live.

Sehen Sie sich als FCB-Fan?

Nein, ein Fan bin ich nicht. Ich bin ein Sympathisant. Ich durfte selber Teil dieses Vereins und seiner Geschichte sein. Ich leide allerdings nicht so mit, wie das ein Fan tut. Deshalb wäre es vermessen, mich als Fan zu bezeichnen.

Ihnen wurde zu Beginn Ihrer Co-Kommentatoren-Tätigkeit beim Fernsehen vorgeworfen, Sie würden die Spiele des FCB wie ein Fan beurteilen.

Diese Parteilichkeit wurde angedichtet. Das ist ein alter Hut. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Trotz dieser Kritik wird Ihnen Talent zum TV-Experten attestiert.

Ich finde es super, dass ich die Erfahrungen, die ich als Fussballer gemacht habe, via TV einer breiten Öffentlichkeit vermitteln darf. Das ist hervorragend. Die Experten-Tätigkeit ist für mich auch eine gute Plattform. Diese auszubauen, würde allerdings dem nun eingeschlagenen Weg widersprechen. Ich möchte Trainer werden. Ich bin ja kein Journalist.

Können Sie sich vorstellen, je wieder in Ihren angestammten Beruf Landschaftsgärtner zurückzukehren?

Das lassen schon meine Knie nicht zu.

Welchen Bezug haben Sie zu Münchenstein, wo Sie aufgewachsen sind?

Münchenstein ist meine Heimat. Die Huggels leben seit Jahrhunderten hier. Ich kenne fast alle Strassen in der Gemeinde. Ich habe als Kind Zeitungen in die Briefkästen verteilt. Wenn irgendwo ein Haus abgerissen oder neu wird, fällt mir das auch heute noch sofort auf.

Münchenstein gilt als etwas gesichtlos – auch weil es kein klares Zentrum hat.

Das ist schon so. Münchenstein ist etwas zerschnitten. Und trotzdem gefällt es mir. Ich bin im Heiligholz-Quartier aufgewachsen. Eine gute Wohngegend, nahe an der Stadt, trotzdem etwas im Grünen, nahe am Wald. Ich bin früher oft auch Richtung Bruderholz gegangen. Dort ist der Landschaftscharakter sehr offen. Richtung Rütihard und Gempenplateau ist Münchenstein ebenfalls sehr idyllisch.

Sind Sie ein Stadt- oder Landmensch?

Eher ein Stadtmensch. Da spielt das Leben, das hat mich immer interessiert.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Es geht. Ich verfolge, was in der Politik geht. Ich gehe abstimmen. Mich aktiv politisch zu engagieren habe ich nicht vor.

Ihre Mutter politisiert für die SP im Landrat. Am Mittagstisch der Huggels wurde früher sicher viel politisiert.

Das war so und ist auch heute noch so, wenn die Familie zusammenkommt. Ich wusste dadurch als Jugendlicher mehr über Politik als meine Mitschüler. Die Haltung meiner Eltern hat mich geprägt.

Was ist aus Ihrer Sicht das grösste politische Problem der Schweiz?

Ich bin nicht Politiker, ich möchte Ihnen eine Antwort geben, die meine Sicht auf die Gesellschaft widerspiegelt: Die Schere geht immer weiter auseinander. Wir müssen darauf achten, dass es in der Schweiz keine Hoffnungslosen gibt. Wäre dies der Fall, dann würde es schwierig. Dann könnten wir vielleicht nicht mehr gemütlich hier sitzen mit den Smartphones auf dem Tisch, frei von der Sorge, dass jemand uns bedrohen könnte.

In der Schweiz hat der Rechtsstaat bisher gut funktioniert. Auch der gesellschaftliche Zusammenhalt war stark. Ist das in Gefahr?

Ich will nicht schwarzmalen. Aber mich beschäftigt die Frage, wie wir diese Errungenschaften bewahren können. Menschen, die keine Top-Ausbildung haben, finden in der Schweiz immer schwieriger einen Job, der ihnen garantiert, ihre Familie zu ernähren. Das war vor 20, 30 Jahren noch anders. Um heute ihre Familie durchzubringen, müssen Väter oder Mütter teilweise zwei Jobs annehmen, oder beide Elternteile müssen arbeiten. Darunter leidet der familiäre Zusammenhalt, die Erziehung. Wie sich dieses Problem lösen lässt, kann ich nicht sagen.

Sie können das Problem wohl nicht selber lösen, aber als Trainer einen kleinen Beitrag leisten.

Als Juniorentrainer versuche ich, den Jungen Umgangsformen und gegenseitigen Respekt beizubringen. Für Jugendliche ist es sehr wichtig, dass man sie respektiert. Ich frage meine Spieler: «Was ist für euch Respekt?». Viele sagen: «Dass man sich nicht über mich lustig macht.» Ich frage: «Machst Du Dich über andere lustig?» - «Ist auch schon vorgekommen». Solche Gedankengänge möchte ich den Jungen bewusst machen.

Wie steht es um unsere Jugend?

Ich kann die Klagen nicht hören. Nehmen wir die Jugendkriminalität: Da hat meines Erachtens vor allem eines zugenommen – die Sensibilität der Öffentlichkeit. Wir haben früher viel Seich gemacht. Es wurde auch viel Alkohol getrunken, vermutlich mehr als heute. Uns hat man einiges durchgehen lassen. Oder das Gejammer über die Ghetto-Sprache. Wenn in meiner Kindheit in der Schule jemand «geil» sagte, dann kriegten die Lehrer einen roten Kopf. Heute hören Sie «geil» im Radio und Fernsehen. Was ich sagen will: Worüber sich heute die Erwachsenen in der Sprache aufregen, gehört in 15 Jahren zum allgemeinen Sprachgebrauch. Was ich aber auch beobachte: Die Gesellschaft ist viel heterogener geworden. Es ist schwieriger geworden, den Jugendlichen allgemeingültige Werte zu vermitteln.

Und der Egoismus? Hat dieser zugenommen unter den Jungen?

Ja, das finde ich. Der zunehmende Egoismus ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung: «Broadcast yourself». Den Jungen wird heute ja auch als Tugend vermittelt, sich selber darzustellen. Die Bereitschaft, in die Gemeinschaft, ins Team zu investieren, hat abgenommen. Vor allem, wenn jemand nicht weiss, ob irgendwann mal etwas zurückkommt. Die Frage: «Was springt für mich dabei heraus?» schwingt immer mit.

Nennen Sie uns die drei wichtigsten Tugenden, die Sie Ihren Spielern mitgeben.

Tugend Nummer eins: Ihr müsst laufen, kämpfen, beissen. Nummer zwei: Vergesst nie die Freude am Spiel. Schliesslich: keine Ausreden. «Der Platz ist schlecht», «der Schiri hat...» – das geht nicht.