Herr Zeuggin, könnten Sie es sich als gebürtiger Kleinbasler vorstellen, im Grossbasel zu leben?

Benny Zeuggin: Das ist doch eine Hassliebe zwischen Gross- und Kleinbaslern. Wie zwischen Basel und Zürich. Einige Leute sagen, den Unterschied zwischen Gross- und Kleinbasler sieht man in der Beiz: Der Grossbasler sitzt an einen leeren Tisch – der Kleinbasler setzt sich an den vollen Stammtisch dazu.

Als IGK-Geschäftsführer vertreten Sie das Kleinbasler Gewerbe. Wie steht es darum?

Das Gewerbe im Kleinbasel sitzt im gleichen Boot wie das Gewerbe und der Detaillist im Grossbasel. Der grosse Unterschied: Im Kleinbasel gibt es wenige grosse Player, die alle anderen anstossen. Ich denke an die Messe, die Chemie oder an die Grossverteiler. Die anderen Mitglieder der Interessengemeinschaft Kleinbasel (IGK) profitieren als Lieferanten oder Auftragsnehmer von der wirtschaftlichen Ausstrahlung der grossen.

Was fehlt im Kleinbasel?

Wir müssen uns noch besser darstellen. Wir haben zum Beispiel in der Clarastrasse sehr viele Billigläden. Meine Vision ist: Zwischen Mittlerer Brücke und Messe eine interessante, vielseitige Einkaufsmeile zu haben. Das würde Messebesucher, Touristen und Anwohner als Kunden anziehen und ins ganze Quartier ausstrahlen.

Wie kann die Aufwertung gelingen, ohne dass eine auswechselbare Einkaufsmeile entsteht wie etwa in der Freien Strasse?

Das ist die Gretchenfrage. Fachhändler müssen wir anlocken, damit wir das bieten können, was in der Freien Strasse verloren gegangen ist. Dort gibt es ja nur noch Filialen von internationalen Einkaufsketten. Ein kleines Sportgeschäft, einen Sattler, einen Schuhmacher, eine besondere Gastroszene, heimelige Bars, das braucht es. Eben keinen Einheitsbrei, sondern Lokales, Typisches.

Innovative Kleingewerbler als Spezialität des Kleinbasel – wie an der Feldbergstrasse?

Genau. Dort gibt es einen irakischen Schneider, der Massanzüge anfertigt. Aber auch Galerien, Ateliers, Lebensmittelläden, die das multikulturelle Leben im Kleinbasel widerspiegeln. Diese zu fördern oder Räume zu vermitteln, könnte ich mir vorstellen.

Welche Rahmenbedingungen sind dazu nötig?

Ein grosses Handicap ist, dass es in der Clarastrasse keine einheitliche Baulinie gibt. Die Läden sind alle nach vorne und hinten versetzt. Das lässt sich nicht so schnell beheben. Es braucht auch Vermieter, die nicht nur auf den kurzfristigen Profit aus sind und die genannte Vision unterstützen.

Um diese Meile zu realisieren, würde eine autofreie Mittlere Brücke Sinn machen. Die IGK bekämpft diese aber mit einem Referendum.

Alles, was mit Passantengeschäften zu tun hat, profitiert von einer Fussgänger- oder Begegnungszone. Für Gewerbetreibende wäre eine verkehrsfreie Mittlere Brücke hingegen nicht so gut – ja in einigen Fällen sogar existenzgefährdend. Ein Beispiel: Mitten in der Kleinbasler Altstadt existiert ein über hundertjähriger Sanitär- und Spenglerbetrieb. Dieser arbeitet aus der Innenstadt für Betriebe in der Kernzone oder an deren Rand. Dieser Betrieb muss mit den Monteurfahrzeugen Werkzeuge oder Material aus der Werkstatt holen oder bringen können. Das wäre schwierig in einer Fussgängerzone.

Haben Sie mit dem Kanton über diese Probleme geredet?

Wir stehen zusammen mit der Vereinigung Pro Innerstadt und dem Gewerbeverband in Verhandlungen. Es gibt auch Härtefälle in der Grossbasler Innenstadt, die auf Sonderbewilligungen angewiesen sind. Die verkehrsfreie Innenstadt, das heisst die Umsetzung im Bewilligungswesen, ist derzeit das brisanteste Thema für uns.

Die Initiative für eine offene Mittlere Brücke verlangt, dass Autos diese weiterhin benützen dürfen. Was halten Sie davon?

Es geht nicht nur um die Mittlere Brücke. Die Sache ist komplexer. Diese Initiative ist ein politisches Pfand. Die verkehrsfreie Mittlere Brücke ist verbunden mit dem Bau des Parkings beim Kunstmuseum. Nur wenn die Mittlere Brücke verkehrsfrei wird, kann dieses Parking gebaut werden. Die IGK unterstützt diese Initiative, denn wenn die verkehrsfreie Innenstadt rigoros umgesetzt wird, sind IGK-Betriebe existenziell gefährdet. Wenn das Gewerbe aber schnell und günstig zu Sonderbewilligungen kommt, hat diese Initiative an der Urne eine geringe Chance. Wir unterstützen die Unterschriftensammlung, um politisch Druck zu machen.

Sie können kein Interesse daran haben, das Parking zu verhindern.

Nein. Uns geht es um die Sonderbewilligungen für das Gewerbe. Wir wollen, dass der Kanton kulant ist und auf das Gewerbe eingeht. Im Moment sieht es gut aus. Bei der Polizei und dem Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) hat man offenbar gemerkt, was auf dem Spiel steht. Hier im Kleinbasel herrscht einfach Angst vor Behördenwillkür.

Ist diese Angst berechtigt?

Wenn der Bewilligungsbeamte buchstabengetreu umsetzen würde, was in diesem Gesetz steht, dann gefährdet es einzelne Gewerbetreibende. Es darf nicht sein, dass Traditionsbetriebe an den Stadtrand oder sogar in Nachbarkantone gedrängt werden.

Wie stehen Sie zum Claraturm?

Die IGK ist klar für den Bau des Claraturms. Es gibt nebst Gastrobetrieben und Büros 170 Wohnungen im mittleren Segment (Text unten, d. Red.). Klar, die neue Gastromeile würde die alte ersetzen. Das tut weh. Aber wenn wir ehrlich sind, gibt es dort ja bis auf den Schalander-Saal im Restaurant Altes Warteck nicht viel, was man aus bauhistorischer Sicht erhalten müsste. Nach dem Messeplatz wird sich die Clarastrasse stadteinwärts verändern. Nicht alles, was neu ist, ist per se schlecht. Dieser Veränderungsprozess wird in alle Richtungen wirtschaftlich und gesellschaftlich ausstrahlen.

Was soll man aus dem Claraplatz machen? Ihn aufwerten?

Schon. Die Clarakirche ist allerdings ein städtebauliches Hindernis. Die Claraplatz-Bauten sind rund um die Kirche entstanden und da gibt es kaum Spielraum, den Platz zu verändern. Damit lebt es sich aber gut.

Sie sagen, Sie waren ein Banker der alten Schule. Zählen im Kleinbasel die alten Werte noch?

Das ist schon so. Der Kleinbasler pflegt Traditionen. Das zeigt sich an den drei Ehrengesellschaften mit dem Vogel Gryff, den zahlreichen Fasnächtlern und den vielen alten Familienbetrieben. Gleichzeitig sind wir aber offen für Neues.

Kann man im Kleinbasel etwas bewirken, ohne zu diesem kleinen Zirkel zu gehören?

Das Kleinbasel ist ein Dorf in der Stadt. Das hat gute Seiten. Aber ja, es mag schwer sein für Aussenstehende, hinein zu kommen. Aber der Kleinbasler musste lernen, zum Beispiel mit Migranten umzugehen. Meine Töchter hatten kaum Schweizer Klassenkamerädli.

Ist es für eine durchschnittliche Schweizer Familie attraktiv, im Kleinbasel zu wohnen?

Überall auf der Welt verwässern sich Sprachen und Kulturen. Das ist im Kleinbasel extrem. Multikulturalität ist gut. Aber wenn in einer Klasse mehr als die Hälfte der Kinder aus demselben fremden Kulturkreis stammt, ist es nicht mehr gut. Im Moment stimmt der Mix nicht überall.

Im Kleinbasel redet man von Gentrifizierung. Der Wohnraum wird teurer. Kann sich eine Mittelstandsfamilie das Kleinbasel noch leisten?

Meine Beobachtung ist, dass junge Familien aus zwei Gründen wegziehen: Erstens wegen der Schulen, zweitens wegen der Steuern und Krankenkassenprämien. Die Mieten sind im Kleinbasel nicht ein Problem – noch nicht.