Mehr Gewalt
Beschimpft, bedroht, angespuckt und geschlagen

Chauffeure von Basler Trams und Bussen leben immer gefährlicher: Sie müssen sich oftmals mit handgreiflichen Passagieren beschäftigen. Heute klagt ein Chauffeur vor Gericht.

Andreas Maurer
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Vor allem nachts wird es am Steuer ungemütlich: Die Hemmschwelle der Fahrgäste sinkt. ZVG/Archiv BVB

Vor allem nachts wird es am Steuer ungemütlich: Die Hemmschwelle der Fahrgäste sinkt. ZVG/Archiv BVB

Es passierte an der Station Bruderholzstrasse. Das ist jene, die kürzlich durch den Ziegelwerfer landesweit Bekanntheit erlangt hat. Der Fall, den das Strafgericht heute behandelt, hat aber nichts damit zu tun: Kurz vor der Haltestelle fährt ein dunkler BMW auf die Tramgleise.

Der Tramführer bremst sofort, doch der Autofahrer gibt die Strecke nicht frei. Stattdessen steigt er langsam aus dem Auto, steigt auf den Stossbalken des Trams, beugt sich durch das Führerstandsfenster und boxt mehrmals in Richtung Kopf des Chauffeurs. Dieser kann ausweichen und betätigt den Notknopf. Darauf entfernt sich der Angreifer betont gemächlich.

Der Tramführer ist geschockt. «Dass ein Angreifer via Stossbalken und via Führerstandsfenster eingreifen und Gewalt ausüben würde, ist ein bisher völlig unbekanntes Phänomen», schreibt er in der Anzeige. Das Gefühl für Rückzug und Sicherheit, den die Kabine dem Personal vermittle, stuft der Kläger als psychologisch sehr wichtig ein. Er spricht deshalb von einem Tabubruch, der unbedingt geahndet werden müsse.

«Ich wurde an der Gurgel gepackt»

Offenbar ist das aber kein Einzelfall. Andere Tram- und Buschauffeure berichten Ähnliches. «Früher genoss ein Tramführer ein Ansehen wie ein Polizist. Heute ist die Hemmschwelle sehr klein», sagt Josua Studer.

Der BVB-Chauffeur und Allschwiler SD-Politiker erlebt oft, dass Leute in seine Kabine spucken, etwa wenn er die Türe aus ihrer Sicht zu früh schliesst. «Es kommt auch immer wieder vor, dass ich durch das offene Fenster an der Gurgel gepackt werde, wenn jemand eine Haltestelle verpasst.»

Im städtischen Nahverkehr hätten Aggressionen enorm zugenommen, bestätigt Matthias Scheurer, Regionalsekretär der Gewerkschaft VPOD. Es verlange von den Chauffeuren viel Mut, sich öffentlich zu wehren: «Da alle angeschrieben sind, ist die Furcht vor Racheakten gross.» Die Gewerkschaft ermutigt ihre Mitglieder daher, mit traumatischen Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen.

BVB-Personal besucht Gewaltkurse

BVB-Sprecherin Dagmar Jenny beobachtet den besorgniserregenden Trend ebenfalls: «Bedrohungen kommen jede Woche vor.» Die Gewalt gegen das Personal trete wellenartig auf. Die Basler Verkehrs-Betriebe haben reagiert: In regelmässigen Weiterbildungen werden Kontrolleure und Chauffeure im Umgang mit aggressiven Fahrgästen geschult. Sie lernen dabei vor allem, sich defensiv und deeskalierend zu verhalten.

Auch der Gesetzgeber hat Massnahmen getroffen: Seit 2009 gelten strafbare Handlungen gegen Angestellte von Eisenbahnunternehmen als Offizialdelikte. Das bedeutet, dass die Staatsanwaltschaft wie zum Beispiel bei einer Vergewaltigung bei jedem Fall von sich aus aktiv werden muss. «Das ist ein wichtiges Signal für unsere Mitarbeiter: Wir lassen sie nicht im Stich», betont Jenny.

Kriminalkommissär Peter Gill beobachtet ebenfalls, dass die Respektlosigkeit gegenüber Beamten stetig steigt. In der aktuellen Kriminalstatistik schlägt sich das aber nicht nieder. Die Gewalt gegen Beamte ist in Basel zwischen 2008 und 2009 von 128 auf 143 Fälle angestiegen. Letztes Jahr ist sie aber wieder auf 103 Fälle gesunken. Besteht also Hoffnung auf Besserung? Gill ist vorsichtig: «Ob das ein Langzeittrend wird, ist unklar.»