Eierbrötli gibt es keine mehr. Doch das ist kein Grund zur Panik. Ganz ist «Beschle» nicht gestorben. Das Interieur erinnert noch stark an die Confiserie und ihren Vorgänger «Frey». Ockerfarbene Decke, braune Bar, viereckige WC-Sitze. Und nicht zu vergessen das «Beschle»-Schild, wenn auch nicht mehr an der Fassade, sondern als Erinnerungsdekoration, quasi, im Innern.

Tja, die Zeiten ändern sich. Das Café am Bahnhof musste im Mai dichtmachen – zu wenig Umsatz. Möglich, dass daran auch die Eierbrötli schuld waren. Widmen wir uns zuerst aber eingelegten Gurken, Karotten und Pilzen. Von Weitem sieht der Inhalt der Gläser aus wie wenig Anmächeliges im Anatomischen Museum. Das passt zu allem hier. Zuerst «Oh Schreck», dann «Wow!». Für diesen Stimmungswandel braucht es keinen Wodka. Oder sagen wir: nicht unbedingt. Denn Wodka gehört hier zum Programm. Willkommen in Warschau!

Von wegen grau! Laut und farbig!

Auf dem Tresen steht ein Bügeleisen, daneben alte Apothekerflaschen, die als Vasen dienen werden. Am Boden Staubsauger, Ikea-Säcke, Werkzeug. In wenigen Stunden ist Eröffnung. Das Team ist zuversichtlich: «Wir schaffen das!» Es ist auch sonst zuversichtlich, dass die temporäre Bar-Beiz kein Schuss in den Ofen ist und der Frohsinn Florida GmbH kein Loch ins Portemonnaie reisst. 100 Tage hat die Gruppe um Jonas Gass, Thilo Mangold, Sabine Fischer und Thomas Keller Zeit. Dann ist Schluss mit «Warschau». Und die Anlagestiftung der UBS für Personalvorsorge kann das Lokal wieder für viel Geld vermieten. 100 zwischengenutzte Tage für ein Experiment, das mit einer Reise begann.

Das Team wusste nicht, wohin es fliegen wird. Faro, Edinburgh, Sofia. Alles wäre möglich gewesen. «Warschau war ein Glücksfall», sagt Thilo Mangold, «mein erster Gedanke war: grau, alles grau. Das ist die beste Ausgangslage.» In Polens Hauptstadt angekommen, merkte die Gruppe bald: Das sowjetische Grau existiert nur (noch) in ihren Köpfen. «Es war farbig, laut, geschmackvoll», schwärmt Mangold.

Mit vollgestopften Koffern und Köpfen kamen sie zurück nach Basel. Nun galt es, sich für das passende Lokal zu entscheiden. Ein Lokal, in dem die Fussball-Wimpel, die Keramik-Wodka-Fische, die Vorhänge und die braunen Lampen vom Warschauer Flohmi zu neuen Ehren kommen würden; wo Koch Sebastian Länzlinger seine kulinarischen Eindrücke verarbeiten kann und es sich lohnt, ein wenig umzubauen, das Lichtkonzept zu ändern, auch wenn es nur für 100 Tage sein würde.

Eierbrötli in konspirativer Ecke 

Von Anfang an war klar: «Wir machen das Pop-up-Projekt um die Adventszeit», sagt Mangold. In der Hoffnung auf Weihnachtsessen, Bankette und schlechtes Wetter. Wer will schon im Sommer an der Ex-«Beschle»-Schneckenbar im hinteren Teil sitzen und nicht mal aus dem Fenster schauen können, weil es keines gibt?

Bernhard Heusler wollte. Der ehemalige FCB-Präsident schlug Thilo Mangold vor gut einem Jahr vor, das Interview für Mangolds FCB-Buch im «Beschle» zu machen. In der konspirativen Ecke, wo vor Heusler schon andere wichtige Männer (und Frauen) zusammenkamen. Und Eierbrötli assen. Eierbrötli, die beim legendären «Frey» eckig waren. Und die «Beschle» bei der Übernahme vor sechs Jahren mir nichts, dir nichts in runde Brötli umwandelte.

Für die Stammgäste waren solche Einschnitte damals schwer zu verkraften. Auch der neue Kaffee, die kleineren Wassergläser. Tja, die Zeiten ändern sich. Jetzt also «Warschau». Eingemachtes, Wodka, Randen-Variationen. Pastinake, Morcheln, Kalb. Und zum Dessert Apfelkuchen statt «Beschle»-Ring. Aber den Kaffee, den gibts noch in der «Beschle»-Tasse. Für Mangold ist klar: Die Mariage Warschau-Beschle, die ist top. Wenn auch nur für 100 Tage.