Alltag in der Pandemie

Das Beste aus «Alltag in der Pandemie»: Speziell Betroffene erzählen, wie sich ihr Leben verändert hat

Alle sind sie speziell von der Pandemie betroffen: Die Protagonisten unserer Kolumne. (Symbolbild)

Alle sind sie speziell von der Pandemie betroffen: Die Protagonisten unserer Kolumne. (Symbolbild)

In der bz-Kolumnenreihe «Alltag in der Pandemie» erzählen Menschen, wie und wann sie speziell mit dem Coronavirus zu kämpfen haben. Allesamt sind sie persönlich oder beruflich speziell von der Pandemie betroffen. Teil 1-3 im kompakten Zusammenzug zum Nachlesen über das Osterwochenende.

Teil 1: Meine Generation kennt keine Grenzen

Die Grenzen zu allen Nachbarländern sind Geschlossen. Eine schwierige Situation für die vielen binationalen Paare.

Die Grenzen zu allen Nachbarländern sind Geschlossen. Eine schwierige Situation für die vielen binationalen Paare.

Der 24-jährige Gianluca berichtet bz-Autor Peter Schenk, wie die Schliessung der Grenzen sein Leben verändert haben. Denn seine Eltern und seine Freundin leben in Deutschland.

So richtig verstanden, was das Coronavirus bedeutet, habe ich, als Mitte März die Grenzen zugingen. Meine Freundin Hanna wohnt in Lörrach Stetten direkt an der schweizerischen Grenze und kann aus ihrem Fenster nach Riehen schauen. Jetzt sind da nur Bauzäune und Absperrungen. Da ich in Basel im St. Johann wohne, einen italienischen Pass habe und sie einen deutschen, werden wir uns auf unbestimmte Zeit nicht sehen. Man schläft jahrelang gemeinsam ein und wacht gemeinsam auf. Das ist jetzt nicht mehr möglich.

Ich bin wie Hanna 24 Jahre alt: Meine Generation kennt keine Grenzen. Ich bin noch nie mit meinem Pass in ein Land nicht reingekommen. Früher habe ich in Deutschland eingekauft, bin in Frankreich Café trinken gegangen und am Rhein entlang spaziert. Ich habe auf der Studenten-App Jodel und auf Instagram nach Lösungen gesucht, wie ich meine Freundin sehen kann. Ich wurde überhäuft von Rückmeldungen junger Menschen aus Basel, die das Gleiche wie ich erleben. Da gab es lustige Vorschläge, wie einen Tunnel zu bauen und mit dem Schlauchboot über die Wiese zu fahren, oder aber über die grüne Grenze zu gehen. Ich bin nicht der Typ, der illegale Sachen macht – einen Arzt- oder Gerichtstermin habe ich auch nicht. Ich habe versucht, ganz normal zur Grenze zu laufen. Da hiess es, ich sei kein deutscher Staatsbürger und humanitäre Gründe würden für mich nicht gelten.

Gemeinsames Weintrinken auf Facetime

Ich habe keine Angst vor dem Coronavirus, mache mir aber Sorgen um meine Eltern, die in der Nähe von Stuttgart leben. Ich bin jemand, der Licht am Ende des Tunnels braucht, das sehe ich im Moment nicht. Ich bin bereit, meinen Beitrag zu leisten, dass das Virus sich nicht ausbreitet, vermisse aber die körperliche Nähe zu meiner Freundin, zu meinen Eltern und zu Freunden. Wir sehen uns regelmässig über Facetime, aber das ist nicht das Gleiche. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Wir sind seit rund einem Jahr zusammen. Neulich haben wir mit meiner Freundin und ihrer Mitbewohnerin auf Facetime zusammen Wein getrunken und Stadt, Land, Fluss gespielt.

Ich arbeite als Sozialpädagoge in einer Baselbieter Gemeinde der Agglo mit Jugendlichen und Kindern – die Hälfte im Homeoffice. Vor Ort ist es nicht einfach, dass keine Gruppen über fünf Personen entstehen. Klar ist jetzt schon, dass ich frei bekomme, wenn wir das Virus überwunden haben. Das Erste, was ich mache, nachdem ich Hanna gesehen habe, ist, meine Eltern zu besuchen.

Aufgezeichnet von Redaktor Peter Schenk.

Teil 2: Isoliert zusammen mit meiner schwarzen Wolke

In Quarantäne mit den eigenen Gedanken.

In Quarantäne mit den eigenen Gedanken.

Die 30-jährige Sara berichtet bz-Autorin Lea Meister, wie die Pandemie ihr Leben verändert hat. Ein Leben, das seit langer Zeit von psychischen Problemen begleitet wird und durch Corona nicht einfacher geworden ist.

Ich öffne meine Augen. Ich bin Sara, 30 Jahre alt und psychisch krank. Normalerweise würde ich jetzt aufstehen, duschen, mich anziehen, schminken und das Haus verlassen. Die schwarze Wolke, die seit Jahren über meinem Kopf schwebt, bleibt dann oft an meinem Türrahmen hängen, denn nichts ist heilsamer für mich als Abwechslung und unter Menschen zu sein. «Normalerweise» gibt es im Moment aber nicht. Ich bleibe also liegen, meist bis 5-10 Minuten vor Arbeitsbeginn im Homeoffice.
 
Dann schaffe ich es irgendwie, mich aus dem Bett zu schälen und duschen zu gehen. Die schwarze Wolke ist wasserdicht. So begleitet sie mich in den Tag hinein. Gedanken, die ich sonst in den Hintergrund schieben kann, setzen sich jetzt in aller Ruhe neben mich und starren mich den ganzen Tag lang an. Seit Corona, seit dem Lockdown, seit Homeoffice bin ich ihnen ausgeliefert. Den ganzen Tag.

Wie ernst die Situation ist, wurde mir erstmals bewusst, als ich realisierte, dass ich als Asthmatikerin zur Risikogruppe gehöre. Ich soll also das Haus nicht mehr gross verlassen dürfen, dachte ich damals. Und dann klopfte sie an, die Angst. Isoliert sein zusammen mit meiner schwarzen Wolke? Eine Horrorvorstellung. Die ersten Tage im Homeoffice hatten noch etwas Aufregendes, etwas Neues an sich. Dann kam der grosse Einbruch. Feierabend. Was nun? Am meisten vermisse ich Umarmungen. Lange, intensive Umarmungen, die mich und meine Gedanken ins Leben zurückholen.

Flucht vor den eigenen Gedanken nicht mehr möglich

Normalerweise würde ich Menschen treffen, die mir guttun. Jetzt? Ich habe keine Ahnung. Ich hasse Telefonate. Ich lege mich wieder hin. Meine Wohnung, die mir bis anhin Sicherheit und Geborgenheit gab, ist zum Gefängnis geworden. Ich sitze in einer Doppelzelle mit meiner Psyche. Und ich will einfach nur weg. Flüchten vor meinen eigenen Gedanken, die mich mehr und mehr vereinnahmen. Jeden Tag muss die Routine aufrechterhalten werden. Für manche wohl ein Klacks, für mich eine Anstrengung sondergleichen. Eine Anstrengung, die dazu führt, dass ich am Abend zusammenbreche. Immer und immer wieder.

Hätte Die Coronakrise ein Ablaufdatum, es wäre nur halb so schlimm. Hat sie aber nicht. Und ich keinen Anhaltspunkt. Was mich über Wasser hält, sind die Therapiestunden, die ich über Facetime in Anspruch nehmen kann. Manchmal gehe ich «mit meiner Therapeutin in der Hand» auf dem Blumenfeld spazieren. So funktioniert das Telefonieren auch für mich irgendwie. Auch mein engstes Umfeld gibt mir wahnsinnig viel. Das wohl einzig Positive aus meiner Sicht: Ich sehe, wieviel ich meinen Liebsten wert bin. Etwas, das ich über die Krise hinaus mitnehmen möchte.

Aufgezeichnet von Redaktorin Lea Meister.

Teil 3: Von heute auf morgen ohne Einkommen

Hausangestellte wie etwa Putzfrauen sind laut Gewerkschaften wegen der Coronavirus-Krise in einer Notlage.

Hausangestellte wie etwa Putzfrauen sind laut Gewerkschaften wegen der Coronavirus-Krise in einer Notlage.

Gabriela erzählt bz-Autorin Ayse Turcan, wie es ist, vom einen auf den anderen Tag ohne Job und ohne Geld dazustehen.

Ich sass mit meinem Mann vor dem Fernseher, als ich das erste Mal von Corona hörte. Damals sagten wir uns noch: «China, das ist so weit weg». Ich dachte nicht, dass uns das betreffen würde. Wenige Wochen später hatte ich wegen Corona von einem Tag auf den anderen keine Arbeit mehr. Ich mache Maniküre und arbeite als Putzfrau. Normalerweise habe ich fast jeden Tag Aufträge und verdiene damit meistens genug Geld, um zu überleben. Ich hätte gerne einen festen Job, kann aber nur schwarz arbeiten, denn ich lebe seit zwölf Jahren als Sans-Papiers in der Schweiz.

Vor etwa vier Wochen begannen meine Kundinnen, denen ich normalerweise die Nägel mache, alle Termine abzusagen. Einige schrieben SMS, andere riefen an und sagten Dinge wie «weisst du, mein Mann und die Kinder sind zu Hause» und «es ist zu unserem Schutz, aber auch zu deinem». Ich mache mir auch Sorgen wegen Corona, aber noch viel mehr Sorgen mache ich mir, weil ich nicht weiss, wie ich jetzt die Rechnungen bezahlen soll.

«Sohn wird in der kleinen Wohnung fast verrückt»

Auch um meinen Sohn habe ich Angst. Er ist die ganze Zeit in dieser kleinen Wohnung eingesperrt und wird fast verrückt. Wir gehen jeden Tag maximal eine halbe Stunde mit ihm spazieren. Gestern wollte er den Weg zur Kita einschlagen, aber die Kita ist zu. Jeden Tag fragt er: «Mama, wann kann ich wieder in die Schule?» Er sieht ausser mir und meinem Mann kaum noch jemanden. Hier im Haus hat er keine Freunde, und wenn, dürfte er wohl nicht mit ihnen spielen.

Ich habe alle Leute, die ich kenne, gefragt, wie lange es noch dauert, bis wir wieder zur Normalität zurückkehren. Auch meine Kundinnen habe ich gefragt, aber niemand konnte mir ein genaues Datum sagen. Die aktuellen Massnahmen gelten bis zum 19. April, aber wie geht es danach weiter? Und wann werde ich wieder arbeiten können? Gestern habe ich gelesen, dass sie in Frankreich, sobald die Krise vorbei ist, alle Menschen ohne Papiere zurückschaffen wollen. Wird das auch hier passieren? Ich hoffe wirklich, es ist bald vorbei. Wir haben nicht einmal mehr genug zu Essen. Bisher unterstützt uns zum Glück die Anlaufstelle für Sans-Papiers.

Aufgezeichnet von Redaktorin Ayse Turcan.

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