Basel Stadt
Bettinger Gemeindepräsident Patrick Götsch über Vernachlässigung: «Wir werden von Basel oft vergessen»

Der Bettinger Gemeindepräsident Patrick Götsch spricht über den Zwilling Riehen, den Vater Basel – und die nie gebaute Zahnradbahn.

Benjamin Wieland
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Patrick Götsch zieht aus dem Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» den Begriff «vernachlässigt».

Patrick Götsch zieht aus dem Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» den Begriff «vernachlässigt».

niz (Bettingen, 21. Januar 2021

Patrick Götsch, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Patrick Götsch: Vernachlässigt!

Kennen Sie Bielefeld?

Kennen wäre zu viel gesagt. Ich weiss, dass das eine Stadt in Deutschland ist.

Es gibt eine nicht ganz ernst gemeinte Verschwörungstheorie. Sie besagt, Bielefeld gebe es gar nicht, die Stadt sei lediglich eine grosse Täuschung. Für viele Stadtbasler existiert Bettingen nicht. Fühlen Sie sich manchmal wie der Bürgermeister von Bielefeld?

Wenn ich mich hier bei uns oben umschaue, kommt mir alles ziemlich real vor. Aber im Ernst: Der Begriff «vernachlässigt» trifft es nicht ganz, was die Beziehung zum Kanton betrifft. Ich würde eher «vergessen» sagen.

Das ist wörtlich zu verstehen! Von Ihnen ist überliefert, dass Sie bei den Grossratswahlen 2012 extra mit den beiden Kandidaten aus Bettingen zum Wahlforum ins Kongresszentrum gepilgert sind – nur um festzustellen, dass auf der offiziellen Tabelle Bettingen fehlte. War das tatsächlich so?

Ja. Wir waren im Kongresszentrum, dann wurden die Resultate der Wahlkreise verlesen: Grossbasel-Ost, Grossbasel-West, Kleinbasel, Riehen... Schluss! Den Verantwortlichen war es etwas peinlich. 2011, als ich frisch Gemeindepräsident wurde, habe ich mir etwas vorgenommen: Jedes Basler Regierungsmitglied sollte mindestens einmal bei uns an einer Gemeindeversammlung gewesen sein. Das Ziel habe ich erreicht, zumindest bei der alten Zusammensetzung des Regierungsrats, mittlerweile sind ja wieder neue dabei.

Und, wie war dieser Ausflug für die Regierungsrätinnen und Regierungsräte?

Für die meisten war es wohl eine erfrischende Erfahrung. Einmal war Christoph Brutschin hier. Es ging um den Vertrag zwischen Bettingen und dem Kanton, wonach wir uns an den Asylkosten beteiligen sollten. Nach der Abstimmung sagte Brutschin: «Du, so was habe ich noch nie erlebt!»

Was war so besonders?

Wir hatten eine Zustimmung von 100 Prozent – alle sagten Ja. Das ist eben speziell bei uns in Bettingen. Man kennt sich, man vertraut sich. Wenn wir vom Gemeinderat ein Geschäft vorstellen und sagen, das sei aus unserer Sicht gut so, dann glaubt man uns. So kam der einstimmige Entscheid zu Stande. Dazu muss man wissen: Die Bettingerinnen und Bettinger sind ein sehr interessiertes und politisches Völkchen. Wir haben regelmässig Stimm- und Wahlbeteiligungen von 65 Prozent und mehr. Das mit dem Vertrauen hat wieder mit der Vernachlässigung zu tun: Die Beziehungen zum Dorf, zu den Menschen will ich nicht vernachlässigen.

Trotzdem sollte Basel seine zweite Landgemeinde nicht vergessen: Ihr gehört seit bald 508 Jahren zur Stadt, 2013 waren es 500 Jahre. Wie ging Bettingen mit dem Jubiläum um?

Am 2. März 1513 kaufte uns die Stadt, damals hiessen wir noch Beticken. 2013 feierten wir das 500-Jahr-Jubiläum mit einem grossen Fest.

Kein Groll? Will Bettingen nicht zum Kanton Baselland?

Nein, wie gesagt: Uns geht es ganz gut im Kanton Basel-Stadt. Wir profitieren von einer professionellen Verwaltung mit guten Dienstleistungen – innerhalb des Rahmens, den wir autonom gestalten dürfen, geniessen wir grösstmögliche Freiheiten. Das mit dem gelegentlichen Vergessengehen kommt auch von daher, dass wir keine Probleme machen. Und es hat auch seine positive Seite, wenn man unter dem Radar fliegt: Man wird in Ruhe gelassen!

Bettingen sagte 2014, wie der ganze Kanton, Ja zur Prüfung der Fusion beider Basel. Waren Sie auch dafür?

Ja. Ich habe damals auch Werbung gemacht für ein Zusammengehen, habe im Oberbaselbiet erzählt, wie es uns so geht mit Basel in einem Kanton. Ich wollte aufzeigen, dass wir viel Souveränität geniessen. Da ging es aber wohl weniger um Fakten, eher um Emotionen. In diesem Zusammenhang ist auch eine Freundschaft zur heutigen Baselbieter Ständerätin Maya Graf entstanden. Sie erzählte mir, sie dürfe in Sissach als Frau nicht an den Banntag gehen. Da lud ich sie und ihren Mann zu uns an den Banntag ein.

Wie war das für die Grafs, im unbekannten Bettingen?

Sie genossen es. Sie sagten mir: «Eigentlich ist das wie bei uns!» Ich erhielt dann eine Gegeneinladung und war 2018 Festredner am Sissacher Banntag.

Riehen, die andere Basler Landgemeinde, beklagt sich, es werde zwar nicht vergessen, aber häufig übergangen. Wie versteht sich Bettingen mit dem grossen Zwilling?

Da muss ich lachen. Wir gehen manchmal auch in Riehen vergessen. Aber unser Verhältnis ist sehr gut.

Bettingen ist mit seinen 1200 Einwohnern ein Zwerg im Vergleich zu Riehen mit 21000 und zur Stadt Basel mit 180000 Einwohnern. Gab es nie die Idee, sich Riehen anzuschliessen?

Davon wüsste ich nichts. Und das wäre schade. Basel-Stadt hat eine maximale Vielfalt auf minimalem Raum, nur schon politisch: Wir haben die Gemeindeversammlung, Riehen den Einwohnerrat und Basel den Grossen Rat – das ist einmalig. Wenn Riehen und Bettingen etwas nicht passt, können wir beim Kanton anklopfen und werden gehört. Wenn es zwei Landgemeinden gibt statt nur eine, so hat das mehr Gewicht, nur schon symbolisch.

Bettingen könnte ein Touristenmagnet sein mit seiner Superlative: Der Fernsehturm St.Chrischona ist mit 251 Metern das höchste freistehende Bauwerk der Schweiz. Doch man hat auf ein Restaurant verzichtet – wieso diese Bescheidenheit?

Um 1910 herum war mal eine Zahnradbahn auf die Chrischona geplant. Die Bergstation wurde sogar gebaut, das Restaurant Waldrain. Schauen Sie es sich mal genau an: Es ist der Bergstation der Rigi-Zahnradbahn nachempfunden.

Warum holen Sie die Pläne nicht wieder hervor?

Das ginge nicht mehr, schon nur wegen der Streckenführung: Die Talstation wäre dort, wo jetzt der Friedhof Hörnli liegt. Und wir brauchen die Bahn gar nicht. Als es stark schneite letzte Woche, wurden wir regelrecht überrannt von Schlittlern. Das zeigt: Wir sind gut erschlossen – und man kennt uns halt doch.