Rückblick
Bierhallen in Basel: Mit dem «Braunen Mutz» ist die letzte ihrer Art in Gefahr

Der «Braune Mutz» steht ohne Pächter da. Die Bierhalle geht wohl den Weg, den alle andere gegangen sind – dabei hat das Lokal etliche Krisen überstanden.

Aimee Baumgartner
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Historisches Bild vom Braunen Mutz, Barfüsserplatz, Basel, ab 1914
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So sah der geöffnete "Mutz" in den letzten Jahren aus.
Das geschlossene Restaurant Zum Braunen Mutz, am Montag, 23. November 2020.
Ein Blick ins Innere der renovierten Bierhalle.
Für viele Gäste durften die Bierbrezel nicht fehlen.
Die Brasserie war auch unter den Fasnächtlern beliebt. Einige Cliquen nutzen den Braunen Mutz auch als Stammlokal.

Historisches Bild vom Braunen Mutz, Barfüsserplatz, Basel, ab 1914

Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1012 768 (Foto Alfred Kugler)

Krankheiten, das Alter der Inhaber, rote Zahlen. Gründe, weshalb die traditionellen Bierhallen aus Basel verschwinden, gibt es viele. Übrig geblieben ist nur die Brasserie «Brauner Mutz» am Barfüsserplatz. Doch deren Ende wird von Monat zu Monat ebenfalls denkbarer. Vor dem ersten Teil-Lockdown im März in Basel wurde das Lokal geschlossen. Aber schon vor Corona lief es finanziell schlecht, weshalb die Gastro-Firma Candrian den Pachtvertrag nicht verlängerte – er läuft im Oktober dieses Jahres aus. Noch besteht ein Funken Hoffnung, dass die letzte grosse Bierhalle Basel überlebt.

Es wäre eine lange Geschichte, die zu Ende gehen würde – eine Ära. Blicken wir auf die 1870er -Jahre zurück. Laut dem Basler Gastro-Historiker Mario Nanni produzierten damals 19 Brauereien Bier in Basel-Stadt, und es gab 403 Gaststätten. Es war eine aufregende Zeit. Die Stadt hatte sich baulich stark verändert – insbesondere auch das Gebiet rund um den Barfüsserplatz. Neben dem Stadttheater wurden auch die Kunsthalle und das Casino mit Musiksaal erbaut.

Das Bier wurde im Basel immer beliebter

Um die steigende Nachfrage nach Bier zu stillen und für Absatz zu sorgen, kauften die Brauereien verschiedene Beizen. Hinzu kam, dass die Brauereien eigene Bierhallen in der Stadt eröffneten. So wurde im Jahr 1880 die «Alte Bayrische Bierhalle» der Warteck Brauerei in der Steinenvorstadt errichtet. Heute befinden sich dort ein Neubau. 1902 folgte mit dem «Zum Paradies» an der Falknerstrasse das nächste Bierhaus. Derzeit ist in diesem Lokal das Restaurant Latini eingemietet. Viele Bierhallen folgten, die meisten davon verschwanden wieder.

Barfüsserplatz, Eckhaus Restaurant Farnsburg, heute McDonald's. Um 1903. Der Braune Mutz ist noch nicht gebaut. Bilder zur Verfügung gestellt von Mario Nanni, ehemaliger Gastronom, Basler Gastro-Historiker und Archivar des Wirteverbands Basel-Stadt.
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Alte Bayrische Bierhalle "Zum Franziskaner", Steinenvorstadt 1a. Später Restaurant Rapidor, dann Mister Wong. Heute abgerissen.
Alte Bayrische Bierhalle "Zum Franziskaner", unteres Lokal, Steinenvorstadt, um 1908, danach Mister Wong, später Abbruch.
Concerthalle Restaurant Cardinal, Freie Strasse 36, um 1910. Heute Zara.
Der ehemalige Bierkäller an der Ochsengasse, um 1962.
Beliebter Treffpunkt: Der Bierkäller an der Ochsengasse (1962).
Wintergarten im Hotel-Restaurant Storchen am Fischmarkt, um 1905.
Restaurant Zum Thoma, um 1912. Später Restaurant Aeschenplatz.
In den 1960er-Jahren führte das Restaurant Gambrinus an der Falknerstrasse eine "Quick Lunch Bar" ein.
Brötlibar am Barfüsserplatz um 1970: Die Canapés liegen noch offen auf der Theke. Das Konzept reicht mehr als hundert Jahre zurück.
Grosser Saal des Restaurants Gundeldinger-Casino, um 1903. Abgerissen.
Selbstkarikatur des Wirts des Restaurants Zum Tunnel, Pfeffingerstrasse 8, um 1907.
Das Restaurant Viadukt in den 1950er-Jahren. Später entstand hier die Diskothek Happy Night.
Bis heute beinahe unverändert: Der Gartensaal im Restaurant Schützenhaus, hier um 1925.
Gartenwirtschaft Zur Krone in Kleinhüningen, Dorfstrasse, um 1909. Heute: Neubau.

Barfüsserplatz, Eckhaus Restaurant Farnsburg, heute McDonald's. Um 1903. Der Braune Mutz ist noch nicht gebaut. Bilder zur Verfügung gestellt von Mario Nanni, ehemaliger Gastronom, Basler Gastro-Historiker und Archivar des Wirteverbands Basel-Stadt.

Mario Nanni/Archiv Wirteverband Basel-Stadt

Während in dieser Zeit in den Hallen nach deutschem Vorbild bereits fleissig Bier an die rund 130'000 Einwohner, die Basel damals zählte, ausgeschenkt wurde, gab es das heutige Gebäude des «Mutz» noch nicht. An seiner Stelle befand sich eine kleine Wein- und Speisewirtschaft, geführt von der Witwe Anna Maria Strub-Ruf, wie dem Buch «Syt 1915 am Barfi» zu entnehmen ist. Ihre Stammgäste: Männer, die ihren «Schoppen» tranken und bei Gelegenheit noch etwas assen. Viele Gäste waren es aber nicht. Die Wein- und Speisewirtschaft war nicht mehr gefragt. Die Leute zog es vermehrt in die «Brauerei Farnsburg» an der Ecke zum Kohlenberg oder in die Bierhallen. Strub-Ruf fasste den Entschluss, die Lokalität Ende Sommer zu verkaufen. Sie sei müde geworden und möge nicht mehr, sagte sie ihren Stammkunden.

Am 28. Oktober 1913 berichtete die «National-Zeitung»: «Eine der ältesten Weinwirtschaften am Barfüsserplatz (Anm. d. Red.: das «Zum Braunen Mutz») ist dieser Tage durch Kauf in den Besitz der Brauerei Feldschlösschen Rheinfelden übergegangen, welche an Stelle des alten Gebäudes einen modernen Bierpalast zu erstellen gedenkt.»

Inserat zur Eröffnung des Braunen Mutz am Barfüsserplatz, am Samstag, 7. November 1914

Inserat zur Eröffnung des Braunen Mutz am Barfüsserplatz, am Samstag, 7. November 1914

Schweizerisches Wirtschaftsarchiv SWA

Von da an ging es rasch voran. Ende November begannen die Abbrucharbeiten. Das Mauerwerk war schlecht, die Balken morsch.

Beim Bier und der Architektur waren die Deutschen Vorbild

Architekt Rudolf Sandreuter hat den Neubau im Geist des Jugendstils mit einer deutschen Prägung entworfen. Als Inspiration dürfte das Münchner Hofbräuhaus gedient haben. In der Dimension und der Ausstattung wurden neue Massstäbe für weitere Brauereigaststätten gesetzt. Der neue «Mutz» nahm den Betrieb auf und empfing am 7. November 1914 um 18 Uhr die ersten Gäste. In einer Anzeige in der «National-Zeitung» verkündete der Wirt, Friedrich Kirschenheiter-Gempp von Schweigen (Bayern), die feierliche Eröffnung. Es wurde gespiesen und getrunken, während rund um Europa der Erste Weltkrieg tobte. Die folgenden Jahre in Basel waren geprägt von Lebensmittel-Rationierungen, Armut und Hunger-Unruhen. Dies traf auch die Bierhäuser hart.

In den Goldenen Zwanzigern ging es für die Basler Gastronomie wieder bergauf. Von der neu erwachten Lebensfreude konnten auch die Gaststätten profitieren. Mit Pferdegespann wurden die Holzfässer, gefüllt mit 50 Litern Bier, zum «Mutz» transportiert. Über eine Rampe gelangten sie in den Keller, wo sie an die Zapfanlage angeschlossen wurden.

Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verstarb der Wirt des «Braunen Mutz» am 26. Oktober 1939. Noch wenige Monate zuvor wurde in seinem Lokal der erste Nordwestschweizer Fussballverband gegründet. Nach der Familie Kirschenheiter-Gempp folgten mehrere Wechsel – der Name des Brasserie blieb aber derselbe. Die Wirte und deren Mitarbeitende kochten und servierten in den darauffolgenden Jahrzehnten unzählige Gläser voll Bier sowie Teller mit Läberli und Rösti. Der «Braune Mutz» hat neben den treuen Stammkunden, Fasnächtlern und Touristen aus aller Welt auch viele Persönlichkeiten kommen und gehen sehen. Im Jahr 1969 war beispielsweise der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt zu Gast in der Brasserie am Barfüsserplatz. Dort soll er Berichten zufolge für seinen Hund «Sheriff» Schinken geschnetzelt haben.

Kurz vor dem 100-Jahr-Jubiläum stand der «Mutz» vor dem Ende

Der Vertrag der Pächterfamilie Rickhoff lief 2010 aus. Die Liegenschaft stand zum Verkauf, die Gerüchteküche in der Stadt brodelte. Von einer FastFood-Kette war die Rede, die liebend gerne eine Filiale eröffnet hätte, direkt neben ihrem ärgsten Konkurrenten. Aber es kam bekanntlich anders. Ausgerechnet eine Zürcher Gastro-Firma eilte dem Basler Traditionslokal zur Hilfe. Die Candrian Catering AG sanierte die Liegenschaft ein Jahr lang. Statt des traditionellen Feldschlösschens werden nun andere heimische und auswärtige Sorten ausgeschenkt. Die Menükarte wurde zwar angepasst, gestaltete sich aber weiterhin gutbürgerlich. Wer sich zwischen Gesprächen, Essen und Trinken umschaute, merkte, dass auch die Malereien und Sgraffiti vom Basler Dekorationsmaler Franz Baur wieder in ihrer alten Farbpracht erstrahlen.

Trotz der kostenintensiven Verschönerungskur fing es an zu kriseln. Die Gäste blieben aus, für Candrian ist der «Braune Mutz» nicht mehr lukrativ. Die Besitzerin der Liegenschaft am Barfüsserplatz 10, PSP Swiss Property, sucht deshalb zurzeit nach einem neuen Mieter. Bis jetzt habe man noch keinen Nachfolger gefunden, bestätigt die Liegenschaftsverwaltung auf Anfrage. Nach wie vor sei man aber auch offen für verschiedene Geschäftsmodelle. Kommt es tatsächlich zu einer Neunutzung, wäre das Schicksal des «Braunen Mutz» besiegelt – die Bierhalle wäre definitiv die letzte ihrer Art gewesen.