Culturescapes

Bilder aus dem polarisierten Polen

Das Basler Festival Culturescapes zeigt Filme zur Befindlichkeit einer Nation. Das ist nicht immer schön, aber eindrücklich anzusehen.

Frau baut sich mit geballter Faust vor Mann auf: Das verspricht nichts Gutes. Doch dann zupft sie plötzlich eine knittrige Blume aus ihrem Ärmel. Die angespannte Miene des Mannes löst sich in Lachfalten auf: Alles nur Spass!

«Little Sunshine» heisst das Kinderspiel, das Joanna Piotrowska in ihrer Videoinstallation von Erwachsenen nachspielen lässt. Die Regeln sind einfach: Das Gegenüber muss zum Lachen gebracht werden, mit allen Mitteln. Womit noch nichts über die Qualität des Lachens gesagt ist, das heiter sein kann, verkrampft, verlegen. Oder auch nur Zähnefletschen.

«Für mich wirken die Personen manchmal wie eine fremde Spezies», erklärt Piotrowska, die im Rahmen von Culturescapes Polen in der Kunsthalle ausstellt. Sie interessiere sich dafür, wie Menschen ihre Umwelt und ihr Miteinander gestalten, ohne dabei anklagen oder politisch plump werden zu wollen. Ihre Meinung zur alten Heimat aber ist unverblümt: «Das ist kein Ort für mich», erklärt die in England lebende Künstlerin freimütig.

Ein Tattoo für den Holocaust-Überlebenden

Ihre Fotografien von jungen Frauen zeigen Details intimer Berührungen, die aber auch ein Handgemenge darstellen könnten, und tatsächlich stammen die Posen aus einer Anleitung zur Selbstverteidigung. In der Nahaufnahme fehlt der Kontext, das grössere Bild eines reaktionären Konservatismus, der polnische Frauen in die Enge treibt.

Davon erzählt auch der Kurzfilm «Three Conversations on Life», den das Neue Kino in seinem Culturescapes-Kurzfilmprogramm zeigt. Eine Tochter will ihrer strenggläubigen Mutter verständlich machen, warum sie ihren Kinderwunsch mittels künstlicher Befruchtung erfüllt hat. Und wirft der Mutter vor, sie nicht ausreichend unterstützt zu haben. «Warum?», entgegnet diese verständnislos. «Ich habe doch dafür gebetet, dass du schwanger wirst.»

Bleibt der Ton der beiden Frauen versöhnlich, wird er in der Retrospektive des polnischen Videokünstlers Artur Zmijewski schrill: «Abtreibungs-Holocaust!», skandieren Rechte und Frömmler während einer feministischen Kundgebung in Warschau. Hier manifestiert sich eine heillose Geschichtsvergessenheit, die das erfahrene Leid des Zweiten Weltkrieges zur Unkenntlichkeit verzerrt.

Welches Spiel wird in Polen gespielt? Auch Zmijewski stellt für seinen Kurzfilm «Them» (2007) Regeln auf. In einer Lagerhalle stellt er Bastelmaterial bereit und bittet junge Nationalisten, jüdisch-liberale Studenten, katholische Mütterchen und Linksaktivisten, ihre Vorstellungen von einem idealen Polen auf jeweils eigene Transparente zu malen. Es entsteht «Symbol»-Politik, mit martialischen Attributen, hebräischen Schriftzeichen, Regenbogenfahne und natürlich der Kirche.

In einem zweiten Schritt bittet der Regisseur die Teilnehmenden, die Transparente der anderen Gruppen zu überarbeiten. Erschreckend, wie schnell die Situation eskaliert: Sind beim ersten Treffen zumindest noch Hemmungen erkennbar («Das kannst du nicht machen»), wird bei den nächsten Treffen übermalt, zensiert, zerstört – selbst Handgreiflichkeiten scheinen nicht mehr ausgeschlossen. Zuletzt brennt sogar das Bild der Kirche, worauf dicker Qualm den Raum erfüllt und alles flüchtet. Dialog und Kompromiss? In Zmijewskis Experiment geht die Zivilgesellschaft in giftigem Rauch auf.

In seiner schonungslosen Bestandesaufnahme zur polnischen Gesellschaft geht der Videokünstler bis an die Grenzen, etwa wenn er einen 92-jährigen Holocaust-Überlebenden auffordert, seine Lagernummer beim Tätowierer aufzufrischen. Das geht unter die Haut.

Von solchen Provokationen ist in Piotrowskas «Stable Vices» auf den ersten Blick wenig zu erkennen. Aber die nationalen Traumata sind da, zum Beispiel auf den Fotografien vom Warschauer Zoo. Sie zeigen Leere, wo während des Zweiten Weltkrieges Juden in Tierkäfigen gehalten wurden – zu ihrem Schutz, aber eben auch auf die Existenz einer bedrohten Art herabgewürdigt. Vermisst Piotrowska nichts an ihrer Heimat? «Doch, die Sprache.»

Ihre Videoinstallation «Little Sunshine» kommt ohne Worte aus. Nur einmal gibt einer der Spieler tierische Laute von sich, die auf Befremden stossen: Was für eine seltsame Spezies der Mensch doch ist.

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