Fondation Beyeler

Bilder, die wie Einladungen zu verstehen sind

Rudolf Stingels Blumen-Tryptichon («Untitled», 2018) betört durch seine Samtheit.

Rudolf Stingels Blumen-Tryptichon («Untitled», 2018) betört durch seine Samtheit.

Sie wollen so richtig in Kunst eintauchen? Besuchen Sie Rudolf Stingel in der Fondation Beyeler.

Malerei? Leinwand, Farbe, fertig. Was aber, wenn statt einer Leinwand ein Teppich hängt? Ein riesiger, der die ganze Wand ausfüllt, in schwer erträglichem 70er-Jahre-Orange? Und nicht einmal schön glatt ist er, sondern voller «Tööpe» von Besuchern, die nicht verstanden haben, dass man Kunst nicht anzufassen hat? Die Herzen und Peace-Zeichen und Penisse hinterlassen haben? Das alles lässt sie verwirrt zurück – und aufgewühlt.

Eigentlich würden auch Sie gerne den Teppich berühren. Aber er befindet sich hier in der Fondation Beyeler, nur ein paar Meter neben Monets Seerosenbild und den Räumen mit Picasso. Hier hängt die Crème de la Crème, da kann man doch nicht einfach hin und antatschen? Oder. Oder?

Genau so fühlt es sich an, einen Rudolf Stingel zu betrachten. Die Kunst des italienischen Malers, 1956 in Meran (Südtirol) geboren, ist keine Malerei, wie man sie kennt. Und sie folgt auch nicht immer den Gesetzen gehobener Konzeptkunst. Obwohl sie zweifellos als solche bezeichnet wird. Wer sie geniessen will, tut sich gut daran, Alteingeprägtes beiseite zu schieben. Vergessen Sie also, was Sie über Malerei oder konzeptuelle Kunst wissen. Schauen Sie hin. Und folgen Sie Ihrem Instinkt.

Beim Teppich heisst das: Den dürfen Sie gerne anfassen. Und ja, er ist keine traditionelle Malerei, obwohl Rudolf Stingel immer wieder explizit als Maler aufgeführt wird und sich selbst auch so versteht. Wieso? Weil Malerei eben nicht immer nur Farbe auf Leinwand sein muss. Malerei ist das Spiel mit Textur, das Erschaffen von Raum auf Oberfläche. Malerei muss nicht immer Form sein – bei Stingel ist es Haltung. Und in Stingels Haltung ist ein Element ganz besonders wichtig: der Betrachter. Keines der hier ausgestellten Bilder steht abgegrenzt von derjenigen, die es anschaut. Jedes zieht einen magisch in sich hinein.

Der Rothko-Effekt

Kennen Sie das Gefühl, vor einem Mark Rothko zu stehen – und förmlich in die Farbe hineingesogen zu werden? Ähnliches passiert bei Rudolf Stingel. Nur ohne Sublimität. Stingels Malerei ist nicht erhaben, sie vereinnahmt den Betrachter nicht so, dass er als kleines Wesen vor einer Naturgewalt zu stehen meint. Stingels Malerei ist auf einen mündigen Betrachter ausgelegt, der aktiv auf das Werk reagieren kann. Beim Blumen-Tryptichon etwa: Ein herrliches dreiteiliges Bild mit Blumenmotiv, an das man sofort herantreten – und sich wieder entfernen muss. Die Blumen haben eine so betörende Samtheit, dass man gar nicht anders kann, als sie schauend in sich aufnehmen zu wollen.

Allerdings ist es genau dieses Schauen, das Stingel einem erschwert: Die Blumen sind seltsam unscharf, als hätte jemand den Fokus einer auf sie gerichteten Linse falsch eingestellt. Als könne man seinem eigenen Blick nicht mehr trauen. Man bewegt sich vor und zurück, und irgendwas ist immer nicht ganz richtig. Aber man kriegt seinen Blick einfach nicht los davon.

Raue Reliefs

Ähnlich unwiderstehlich sind Stingels eigens für die Ausstellung konzipierte Bilder aus Ölfarbe und Emaille. In Silber-, Rosa- und Purpurtönen flüstern sie Einem Einladungen zu: Komm, schau mich an, woraus bin ich gemacht? Wie zerknüllter Stoff sehen sie aus, aber auch wie zerklüftete Felswände, raue Reliefs. Stingel arbeitet oft mit Textilien, die er als Druckwerkzeug nutzt oder mit einer Spritzpistole bearbeitet, sodass sich ihr Muster in die Leinwand einschreibt. Ihm ist wichtig, Elemente des Unkontrollierbaren, Zufälligen in seine Werke einzubauen, oft tragen sie Spuren seiner Fussabdrücke oder Farbspritzer aus dem Atelier.

Manchmal sind es die Spuren der Besucher, die sich im Kunstwerk verewigen wollten. Manchmal die Spuren seines Pinsels, die bei näherer Betrachtung seine fotorealistischen Bilder entlarven. Sie alle tragen Fehler in sich, sie alle sagen: Ich bin wie du.

Ein Geflecht aus Zufälligkeiten, so unvollkommen schön, dass du in mir dein Menschsein erkennst.

 

Fondation Beyeler, Riehen. 26.5. bis 6.10.2019.
Artist Talk: Sonntag, 26. Mai, 18.30 Uhr.

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