Fotografie

Bilderwelten aus Archiv und Netz

Ein Spatenstich mit Startschuss trifft auf «visuelles Grundrauschen» aus dem Internet.

Ein Spatenstich mit Startschuss trifft auf «visuelles Grundrauschen» aus dem Internet.

BelleVue zeigt Pressebilder von Hans Bertolf und künsterische Arbeiten von Thi My Lien Nguyen und Simon Tanner.

Ein Fackelzug für das Frauenstimmrecht und zugefrorene Bäche, Tiere aus dem Zolli und ein spektakulärer Tramunfall. Der erste Spatenstich zum Autobahnstück Schweizerhalle mit Pistolenschuss und die Besetzung des AKW-Geländes in Kaiseraugst – so manches lokale Motiv hatte der Basler Pressefotograf Hans Bertolf (1907–1976) über die Jahrzehnte für die damalige «National-Zeitung» abzulichten. In seinem Sucher fand sich auch scheinbar Nebensächliches und Alltägliches: ein Feuerwehrkonzert, badende Kinder, Diebesgut aus dem Lohnhof, ausgediente Militärbetten aus der Kaserne.

Wegen ihrer Grösse, Vielfalt und thematischen Breite, aber auch wegen ihrer hochstehenden Qualität gehören Bertolfs Reportagefotos zu den wichtigen visuellen Dokumenten aus Basels Zeitgeschichte. Sein Nachlass von rund 100000 Negativen liegt im Staatsarchiv Basel-Stadt, und über ein Zehntel davon ist digitalisiert und online zugänglich. Eine Auswahl von 69 vergrösserten Fotos dieses weitgehend vergessenen Bilderschatzes – mit den dazugehörigen Zeitungsartikeln und weiterem Material akribisch dokumentiert – ist nun im BelleVue ausgestellt. Man könnte sich in jedes einzelne Bild vertiefen.

Zehntausend Motive als mosaikartiger Bildteppich

An diesem besonderen «Ort für Fotografie» im Kleinbasel, der sich für zeitgenössisches Schaffen engagiert, finden sich die Bilder Bertolfs zusammen mit Arbeiten der Fotokünstlerin Thi My Lien Nguyen und des Fotokünstlers Simon Tanner. Ihre Umsetzungen beziehen sich direkt oder indirekt alle auf die Zeitungsreportagen. So bedeckt ein mosaikartiger Bildteppich aus Zehntausenden von Internetfotos den ganzen Boden der Ausstellung.

«Das visuelle Grundrauschen steht für die Milliarden ähnlicher Fotos im Netz», sagen sie. Man kann über sie hinweggehen – wer genau hinschaut, findet Muster und Parallelen zu Bertolfs Motiven.

Auf einem Bildschirm lassen Nguyen und Tanner die historischen Pressebilder in einer Internet-Bilddatenbank nach ähnlichen Fotos absuchen. Die Künstler spielen die neuen Bilder im Schnelldurchlauf ab, was oft zu überraschenden Resultaten und weiteren Mustern führt. An anderer Stelle kombinieren die beiden das Archivmaterial mit eigenen Bildern zu Collagen, die sie mit kurzen Texten ergänzen – wobei das Publikum eingeladen ist, solche «Memes» selber herzustellen. So schafft es die Ausstellung, die analoge Zeitungsfotografie mit der heutigen digitalen Bildproduktion spielerisch zu konfrontieren.

Fotografie ist längst Teil unserer Kultur geworden. Aber wie lesen und verstehen wir die Bilder? Wie gehen wir mit ihrer immensen Masse um, wenn heute an einem einzigen Tag mehr Bilder geschossen werden als im ganzen 20. Jahrhundert, wie es heisst? Und wie könnte ein Bildarchiv der Zukunft aussehen?

Ziel sei es, dass das Publikum über solche Fragen nachdenke, sagt Regine Flury von BelleVue. Gemeinsam mit dem Staatsarchiv plant man übrigens eine Fortsetzung: In weiteren thematischen Ausstellungen sollen bis 2023 historische Bilder aus den Archivschränken in ein aktuelles Licht gestellt werden.

«past & post – Fotografie in Archiv & Netz»: BelleVue, Basel. Bis 5. April. www.bellevue-fotografie.ch

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Autor

Christoph Dieffenbacher

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