Kadiatou Keita beobachtete den Militärputsch und das darauffolgende Chaos in Mali aus direkter Nähe — sie lebt in der Hauptstadt Bamako. Ihr ist bewusst, dass sich das Land nicht so schnell erholen kann, wie es sich viele ihrer Landsleute wünschen: «Die Menschen sind ungeduldig. Vor einem Jahr war das Land noch in einem totalen Chaos, es gab vieles, was nicht mehr funktionierte und in dieser kurzen Zeit kann man das nicht alles ordnen.» Keita arbeitet für die Entwicklungsorganisation «Iamaneh Schweiz» als Projekt-Koordinatorin vor Ort. Sie besucht regelmässig die Projekte in Burkina Faso, Senegal, Togo und ihrem Heimatland Mali. Dieses gehört zu den ärmsten Ländern und seine Bevölkerung— mit einer Zunahme von drei Prozent im Jahr — ist eine der am schnellsten wachsenden der Welt. Themen wie Mädchenbeschneidung, Kindersterblichkeit, Bildung oder häusliche Gewalt stehen im Zentrum der Projektarbeit. Der Informationsaustausch zwischen den lokalen Partnerorganisationen und «Iamaneh Schweiz» ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Im September war die Malierin deshalb auf Besuch in Basel.

Sechs Kinder sind Durchschnitt

Noch immer ist in der ehemaligen französischen Kolonie eine starke Militärpräsenz spürbar. In der Hauptstadt Bamako begegnet Keita den Soldaten verschiedenster Nationalitäten an jeder Ecke. Ihre Präsenz gäbe der Bevölkerung einerseits ein Sicherheitsgefühl, aber «auf der anderen Seite fragen sich die Menschen, wie lange die Soldaten noch bleiben.» Im Volk sei nach der Wahl des neuen Präsidenten zwar etwas Ruhe eingekehrt, doch die Probleme seien längst nicht gelöst: Im Alltagsleben der Menschen hat sich nichts verbessert, Armut und Frustration lösen sich gegenseitig ab. In den vergangenen Monaten kam es deshalb oft zu Streiks: Die Bevölkerung fordert bessere Löhne.

Eine Forderung, die in diesem Land viel mit der Familiensituation zu tun hat: «Die Familien in Mali umfassen normalerweise um die zehn Personen. Unter diesen zehn hat es meistens nur ein bis zwei Personen, die arbeiten. Sie müssen mit ihrem Lohn die ganze Familie ernähren», erklärt Keita, selbst Mutter einer Tochter. Mit nur einem Kind ist sie in Mali eine Ausnahme. Dort bringt eine Frau durchschnittlich sechs Kinder zur Welt. Familienplanung ist diesbezüglich das Zauberwort, mit dem bekanntlich auch die «Ecopop»-Initianten hantieren. Mali ist nicht nur ein Schwerpunktland von «Iamaneh Schweiz», sondern auch eines der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Schweizer Projekte in Mali könnten von der Forderung der Initiative, zehn Prozent der Ausgaben in der Entwicklungszusammenarbeit für «freiwillige Familienplanung» auszugeben, also betroffen sein. Doch wie sieht das Keita, die tagtäglich genau mit diesem Thema zu tun hat?

Nur Bildung bringt Veränderung

Keita begrüsst die Idee von mehr Projekten, die sich mit dem Thema Familienplanung befassen. Doch was sie noch wichtiger findet: um wirklich längerfristige Veränderungen herbeizuführen, müssten die Projekte tiefer gehen, das Problem also bei der Wurzel anpacken. «Früher brauchte man so viele Kinder, damit sie auf dem Feld arbeiten. Wenige Kinder zu haben hiess damals, wenige Felder bewirtschaften zu können», erinnert sie sich. «Doch jetzt verlassen die Jugendlichen die Dörfer und gehen in die Stadt auf Arbeitssuche.» Um zu verhindern, dass Frauen mit zwanzig Jahren bereits ihr viertes Kind zur Welt bringen, gibt es für Keita vor allem einen nachhaltigen Ansatz: Bildung und Aufklärung. «Massnahmen zur Vermeidung von Teenagerschwangerschaften müssen auf verschiedenen Ebenen ansetzen. So ist die Ausbildung von Mädchen ein Grundstein für soziale und ökonomische Selbstbestimmung. Gleichzeitig braucht es Sensibilisierungsarbeit in der Bevölkerung.»

Aufklärung beginnt bei der Frau

Früher konnten Frauen ohne die Zustimmung ihrer Männer nicht verhüten, das habe sich bereits geändert. Doch in der Praxis komme es immer wieder zu Situationen, in denen den Frauen die Verhütung verwehrt würde. Manchmal hätten sie in den Dörfern einfach keinen Zugang oder es gäbe Probleme mit dem Nachschub. «Wir hatten in einem Dorf kürzlich die Situation, dass eine Frau sagte, sie sei nicht zufrieden mit der Pille, weil sie trotzdem schwanger wurde. Wir haben ihr erklärt, dass das nicht möglich ist und gefragt, wo sie die Pille gekauft hat. Sie meinte daraufhin, nicht sie, sondern ihr Mann habe sie besorgt. Es hat sich herausgestellt, dass sie jeden Tag Schmerzmittel genommen hat und dachte, es sei die Pille.» Um solche Situationen zu verhindern, müsse der Zugang von Mädchen und Frauen zu Bildung und einkommensfördernder Massnahmen gestärkt werden. Ein anderer Grund für das Bevölkerungswachstum sei die Kindersterblichkeit. «Es gibt Eltern, die ihre hohe Anzahl Kinder damit rechtfertigen. Von anfangs zehn hätten sie dann wenigsten noch fünf Kinder.» Die Projekt-Koordinatorin ist überzeugt: «Eine Frau aufzuklären, ist wie die ganze Familie aufzuklären, die ganze Gemeinschaft und schliesslich das ganze Land.» Die Probleme, mit denen Mali zu kämpfen hat, sind unterschiedlicher Natur. Noch immer herrscht im Norden des Landes Gewalt, der neue Präsident konnte noch keine Ordnung schaffen. Keita sieht ungewiss in die Zukunft ihres Landes, doch davon lässt sie sich nicht beirren: «Ich sage, die Veränderung kann nicht alleine vom Präsidenten kommen. Auch die Leute müssen bereit sein, sich zu verändern.» Durch ihre Arbeit in den Projekten ist Kadiatou Keita dort, wo diese Veränderung langsam heranwächst. Unterstützt wird sie dabei aus dem 6000 Kilometer entfernten Basel.