Gentechnik
Biologin Florianne Koechlin: «Die 68er haben mich sehr geprägt»

Florianne Koechlin spielte im Kampf gegen die Gentechnik eine wichtige Rolle. Heute setzt sie sich für mehr Respekt gegenüber Pflanzen ein.

Olivia Meier
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Florianne Koechlin hat im Kapf gegen Gentechnik eine grosse Rolle gespielt. Heute setzt sie sich für den Respekt gegenüber Pflanzen ein.

Florianne Koechlin hat im Kapf gegen Gentechnik eine grosse Rolle gespielt. Heute setzt sie sich für den Respekt gegenüber Pflanzen ein.

Kenneth Nars

Sie trägt eine weisse Jacke mit blauen Streifen. «Diese behalte ich auf dem Foto an.» Florianne Koechlin weiss, dass es eigentlich viel zu heiss dafür ist. Die 70-Jährige weiss aber auch, dass sie in diesem Mantel in der Zeitung erscheinen möchte. Stur würden sie einige nennen, eine ältere Frau, die schon ihr ganzes Leben gegen die «Grossen» kämpft und einfach nur ihren eigenen Willen durchbringen möchte. Das ist einfach zu sagen. Ihre Vision von sich ist eine andere.

Florianne Koechlin wird 1948 in Amerika geboren. Als «ganz kleines Buschi» kommt sie nach Basel. Der Onkel Konzernchef bei Ciba-Geigy, der Vater Abteilungsleiter im selben Betrieb. Ihre Kindheit verbringt sie in Basel, später kehrt sie in die USA zurück, um Biologie und Chemie zu studieren. Danach macht sie das Oberlehrerdiplom, erneut in Basel. An der hiesigen Diplommittelschule unterrichtet sie Biologie, Chemie und Mathematik.

In den 68ern

Zum ersten Mal ins Auge der Öffentlichkeit gerät sie 1979. Während fünf Jahren vertritt sie die POCH im Landrat. Dazu ist sie stark am Protest gegen das Atomkraftwerk in Kaiseraugst beteiligt. «Wir haben nächtelang diskutiert. Zum Protest liefen wir von Basel nach Kaiseraugst.» Sie schaut nachdenklich weg, als würde sie überlegen, warum sie das getan hat.

«Ja, die 68er haben mich sehr geprägt. Diese Solidarität, die ganzen Diskussionen und ein grosser Teil einer Generation, die gegen gesellschaftliche Normen kämpft.» Das Atomkraftwerk wird wegen der Proteste nicht gebaut. Ein Riesenerfolg für Koechlin. Zu dieser Zeit lernt sie auch ihren Mann kennen. «Die Geschichte ist fast ein wenig kitschig», sagt sie. Ein Lächeln auf den Lippen, das sagen will: Ich stehe eigentlich nicht auf diese normalen Liebesgeschichten. Gemeinsam protestieren sie gegen das AKW. Er ist ausserdem auch bei der POCH engagiert.

171⁄2 Jahre warten sie, bis sie heiraten. Heute leben sie in getrennten Häusern. «Es gibt kein grundsätzliches Rezept für eine funktionierende Liebe. Wir haben unser Eigenes gefunden.» Ihr Ehemann unterstützt Koechlin, holt sie zurück auf den Boden. Er gibt ihr aber auch die Freiheiten, die sie braucht. «Ich bin oft lieber alleine, als unter Menschen.»

Die Politik und das Unterrichten gibt Koechlin schliesslich auf. «Ich wollte mich in etwas reinwerfen und mich nur auf eine Sache konzentrieren.» Das tut sie. Die nächsten Jahre führt sie einen Kampf gegen die Gentechnik. Sie ist Gründungsmitglied des «Basler Appells gegen Gentechnologie» und der «Schweizerischen Arbeitsgruppe Gentechnologie». Sie hält diverse Vorträge und führt Proteste an. Zum Beispiel gegen ein geplantes Biotechnikum der Ciba-Geigy in Basel.

1998 kommt es zum Wendepunkt in Koechlins Leben. Die Genschutzinitiative wird mit 66,7 Prozent der Stimmen klar abgelehnt. Koechlin, die im Initiativkomitee war, fällt in eine Depression. «Ich wurde damals krank und habe viel geschlafen.» Nach dem Abstimmungsverlust beschliesst sie, etwas zu ändern. «Wir haben gegen etwas gekämpft, aber haben kaum Gegenvorschläge gebracht.» Ihr wird klar: So geht das nicht. Heute sagt sie: «Früher wusste ich, was richtig und was falsch war, heute nicht mehr so genau.» Ob sie altersmilde ist? «Vielleicht ein wenig.» Doch ihre Arbeit weglegen würde sie nie.

Respekt für Pflanzen

Heute beschäftigt sich Koechlin vor allem mit dem Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft – und mit der Kommunikation der Pflanzen. Eine Forscherin sei sie nicht. «Ich gehe zu Philosophen, Bauern oder Wissenschaftern und spreche mit ihnen.» Aus diesen Gesprächen entstehen Bücher. «Pflanzen Palaver», «Jenseits der Blattränder» oder «Zellgeflüster» und weitere publizierte die Biologin in den letzten zehn Jahren. «Es ist wichtig, dass die Menschen Respekt vor Pflanzen haben. Die sind nämlich nicht nur Bioautomaten.» 1999 gründete sie das Blauen-Institut. Die selbsterkorene Hauptaufgabe: Wissenschaftliche Ergebnisse so zu übersetzen, dass jede und jeder sie versteht. Bis heute ist sie Geschäftsführerin.

Mit ihren Ansichten stösst sie auf Kritik, wird als Esoterikerin bezeichnet. Andere nenne sie hämisch «Pflanzenflüsterin». Sie hat durch die Jahre eine «dicke Haut entwickelt» und sieht das anders: «Wenn ich durch den Wald laufe, sehe ich das ganze System. Alles flüstert und die Pflanzen kommunizieren mit Duftstoffen miteinander.» Auch wenn sie eine Schreibblockade hat, hilft ihr ein Waldspaziergang.

Unlängst hat sie angefangen zu malen. Mit ihrem Skizzenblock spaziert sie durch den Wald und erlebt ihn. «Ich fühle mich den Pflanzen am nächsten, wenn ich male.»
Historisches Museum Ab heute ist im Historischen Museum eine Vitrine zu
Florianne Koechlin und ihrem Schaffen zu sehen.