Primarschüler rennen Pierre Felder auf der Treppe des Bläsischulhauses fast um. Er verlangsamt sein Tempo, lacht herzlich: «Da geht etwas!» Es ist einer seiner letzten Arbeitstage im Erziehungsdepartement, am 31. Dezember geht er in Pension. Für die bz blickt er zurück auf 13 Jahre, die durch Reformen geprägt sind.

Herr Felder, was verbinden Sie mit dem Bläsischulhaus?

Pierre Felder: Das Bläsi ist aus der Gründerzeit. Es wurde 1882 gebaut. Es symbolisiert Konstanz und Wandel unserer Schule. Seit 130 Jahren gehen Kinder aus dem Quartier hier in die Primar. Auch die Grundlagen der Volksschule stammen aus der Zeit, als dieser Schulpalast gebaut wurde. Gleichzeitig sind aber Veränderungen nötig. Das Gebäude wurde eben im Zuge der Schulreformen saniert.

Reformen waren in Ihrer Zeit als Leiter der Basler Volksschulen ein prägendes Thema.

Als ich vor rund 13 Jahren ins Erziehungsdepartement gewechselt habe, gab es die Volksschulen als Organisationseinheit nicht. Jede Schulstufe hatte ein Rektorat. Zuerst mussten die Volksschulen als Gesamtorganismus zusammengefügt werden.

Die erste Reform war also, Ihre Berufsbezeichnung einzuführen?

Der Begriff Volksschulen kam tatsächlich erst 2008 im Rahmen der heftig bekämpften Leitungsreform ins Schulgesetz.

Volksschule und Leitungsreform sind zwei der unzähligen Reformen. Integrative Schule, Harmonisierung, Lehrplan 21 – sind Sie der Reformator der Basler Schulen?

(lacht) Der grosse Reformator wäre Departementsvorsteher Christoph Eymann. Er ist der Generalunternehmer. Ich gehöre zum Architekten-Team. Der Bauherr, das sind Politik und Gesellschaft. Das Neue muss einfach und verständlich sein. Bis der Bau steht, braucht es Ausdauer und einen guten Orientierungssinn.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit in diesem Schulumbau-Team?

Ausgezeichnet. Wir trafen ein äusserst günstiges Zeitfenster. Das gibt es selten. Die Basler Volksschule wurde 1875 bis 1880 mit einem riesigen Krach aus der Taufe gehoben. Auch um die OS-Reform 1988 hat die Politik Jahrzehnte lang gestritten. Am Schluss entstand ein Produkt, mit dem niemand richtig glücklich wurde.

Warum nicht?

Die OS-Reform hat Basel zur Schulinsel gemacht. Das hat den wirtschaftlichen und den gesellschaftlichen Verflechtungen im Raum Basel immer weniger entsprochen. Es braucht für wenige Quadratkilometer eine eigene Lehrerausbildung, eigene Lehrmittel. Die WBS als Stiefkind war an die OS als Wunschkind gekettet. Das hat viele Schwierigkeiten verursacht – die Berufsbildung war gegenüber dem Gymnasium benachteiligt. Die in der Bundesverfassung verlangte Harmonisierung der Schulen hat darum im Liliputstaat Basel sofort eingeleuchtet. Die Reformen ermöglichen den Anschluss an die übrige Schweiz. Der Zeitpunkt war perfekt, weil die Ressourcen vorhanden waren und weil in der Regierung, in Politik und Wirtschaft aber auch bei den Lehrpersonen insgesamt eine hohe Zustimmung bestand.

Streit gab es auch bei diesen Reformen. Gegen die Schulleitungsreform wurde das Referendum ergriffen.

Die Kampfansage gegen die teilautonomen Schulen kam von einer kleinen Gruppe. Es bestand die Befürchtung, es sei ein erster Schritt in Richtung Privatisierung und die Schulen würden auseinanderdriften. Unser Ziel war aber, den Schulen und den einzelnen Lehrpersonen möglichst viel Autonomie zu geben und gleichzeitig die Zusammengehörigkeit der Volksschule zu stärken. Es ist gut, dass wir mit der Schulleitungsreform begonnen haben. Ohne die Schulleitungen wäre die Harmonisierung unmöglich.

An Harmos gibt es wenig Kritik. Aber der Lehrplan 21 ist nicht beliebt. Ist es schlicht zu viel, in 13 Jahren den Laden komplett umzukrempeln?

Von aussen betrachtet ist das wirklich schwer verständlich. Auf der anderen Seite war wichtig, dass kein Flickwerk entsteht. Beim Lehrplan mussten wir ein Produkt übernehmen, das zu Beginn übers Ziel geschossen hat. Wir haben Wasser in den Wein gegossen. Die Kompetenzorientierung deuten wir so, dass sie als Fortsetzung der heutigen Unterrichtspraxis verstanden wird. Bei historischen Ereignissen zum Beispiel geht es nicht um den Erwerb von Kompetenzen, sondern um kulturelles Wissen.

Bei den Reformen gibt es weitere Stiefkinder. Stichwort integrative Schule.

Sie ist die logische Antwort auf die Heterogenität in unseren Klassen. Diese lässt sich mit einem Rangierbahnhof mit hoch spezialisierten Klassen nicht bewältigen. Das Ziel ist vielmehr, die Regelschule so zu stärken, dass sie möglichst viele Kinder aufnehmen kann. Es gibt zur integrativen Schule kein Gegenkonzept.

Es wurde ein grosser Stützapparat aufgebaut mit Logopädie, Psychomotorik, Heilpädagogik, Krisenintervention…

Die Investition dient den Kindern. Das komplexe System ist vielleicht aus einer gewissen Hilflosigkeit entstanden. Unser Ziel ist, dass die Regelschule ihr Förderangebot selber bedürfnisgerecht organisieren kann.

Der Effort für gute Schulen ist enorm. Warum schneiden Basler Schülerinnen und Schüler in Leistungsvergleichen im Schnitt trotzdem schlecht ab?

Gehen wir zurück in die Zeit, als das Bläsischulhaus gebaut wurde. Damals gab es die Rekrutenprüfungen, in denen das Allgemeinwissen der jungen Männer getestet wurde. Dort rangierte Basel auf Platz eins, das Oberwallis am Schluss. Heute ist es in der Tendenz umgekehrt. Das liegt in beiden Fällen an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Basel ist es als Stadtkanton sehr früh gelungen, die Schulpflicht umzusetzen. In den Tälern im Wallis dauerte es viel länger. Heute besteht die Herausforderung in der Heterogenität. Diese ist im Stadtkanton viel ausgeprägter als in den anderen Kantonen. Dem Wallis ist es gelungen, vom letzten auf einen der ersten Plätze zu kommen. Wir versuchen mit der Reform, die Schule für heterogene Klassen tauglich zu machen. Vielleicht sind wir dann die Pioniere, die zeigen, wie’s geht. Ich habe vor den Lehrpersonen sehr viel Respekt. Sie haben die Schule vorwärts gebracht.

Sie haben regelmässig Schulen besucht. Sehen Sie den Wandel in den Klassenzimmern?

Ja, den sieht und spürt man. Die Kollegien und die Schulleitungen sind innovativ, sie konzipieren sich immer stärker als eigenständige Schulgemeinschaften. Früher waren die Schulen geprägt vom Einzelkämpfertum der Lehrpersonen.

Wie war Ihre eigene Schulzeit?

Ich war im Gotthelf in der Primar. Wir waren 36 Schüler mit einer Lehrerin. Von den 36 schlossen später nur drei oder vier mit der Matur ab. Wir hatten in der Klasse auch Kinder, die eine Klasse wiederholt haben. Heute würde man sagen, das sind Kinder mit besonderem Bildungsbedarf. Da gab es aber kein Förderangebot in der Schule, im schlimmsten Fall kam es zur Versetzung in die Rheinschule.

Haben Sie an die Schule gute Erinnerungen?

Unterschiedlich. In der Primarschule hat die Lehrerin über Wochen thematische Schwerpunkte gesetzt, etwa die Indianer oder Robinson. Selbstverständlich habe ich den Lederstrumpf und Robinson Crusoe. Den Unterricht so zu organisieren, ist noch heute zeitgemäss. Auffällig war die evangelische Leitkultur, die ich als Kind aus katholischer Familie wahrnahm. Als ich in den Kindergarten kam, habe ich Französisch gesprochen. Das war in einer einsprachigen Umgebung schwierig. Französisch war etwas Fremdes.

Warum wurden Sie Lehrer?

Ich habe meine Lieblingsfächer studiert. Dann habe ich mit Stellvertretungen angefangen. Ich mag Jugendliche. Begonnen habe mit unreflektiertem Unterricht, wie ich ihn erlebt habe. An einer Fernuni habe ich neben dem Regelstudium Erziehungswissenschaften studiert und immer mehr Freude am Unterrichten bekommen.

Haben Sie nach dem Wechsel ins Amt den Unterricht vermisst?

Ich habe sehr gerne unterrichtet. Und es ist mir lange passiert, dass ich beim Zeitunglesen Seiten herausgerissen habe mit dem Gedanken, ich könnte das für den Unterricht brauchen. Bis mir dann einfiel, dass ich ja gar nicht mehr unterrichtete.

Nun kommt wieder ein Umdenken. Ihr letzter Arbeitstag.

Ich werde noch meinen Nachfolger einarbeiten. Der Wechsel kommt zum richtigen Zeitpunkt, nächstes Jahr beginnt die neue Sekundarschule.

Haben Sie Pläne?

Durch die Reformagenda hatte ich keine Zeit, zu planen. Mit dem Lehrplan 21 war ich fast bis zum Schluss beschäftigt, dann gab es noch vier Elternabende zur neuen Sekundarschule. Jetzt bin ich offen und gespannt, was auf mich zukommt. Ich werde vermehrt ins Theater gehen und mich wieder mit Geschichte beschäftigen.

Werden Sie die Basler Schulgeschichte aufarbeiten?

(lächelt vielsagend) Unmöglich ist nichts.