Herzstück

«Bis in Himmel»

«Es macht mich wütend und ich werde trotzig, weil meine Freiheit eingeschränkt ist».

«Es macht mich wütend und ich werde trotzig, weil meine Freiheit eingeschränkt ist».

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer, Grossvater und gehört zur Risikogruppe. Wie seine Enkeltochter könnte auch er zurzeit manchmal laut «Nein» schreien.

Vorgestern kam meine zweieinhalbjährige Enkeltochter mit ihren Eltern zu Besuch. Wir haben einen Garten hinter dem Haus, in dem sie sich austoben kann. Sie rennt und giesst Blumen und sich selbst. Sie wirft einen Ball in die Luft, «bis in Himmel», wie sie lachend sagt. Ich verlasse kurz die Quarantäne und winke ihr von weitem zu. Sie hat inzwischen akzeptiert, dass ihr Grossvater sie seltsamerweise nicht mehr umarmt, durch die Luft wirbelt und mit ihr spielt.

Das Wort «Risikogruppe» sagt ihr natürlich nichts, aber irgendwie hat sie verstanden, dass ich «krank» bin und darum bald wieder im Haus verschwinde, um zu arbeiten. Ich kann auch damit leben. Meistens. Schwierig wurde es, als meine Tochter und ihr Mann sagten, es sei Zeit nach Hause zu gehen. Ich hörte sie schreien wie verzweifelt. «Nein», rief sie ein ums andere Mal, «will nicht heim». So lange habe ich sie noch nie so laut schreien gehört. Natürlich, sie kommt ins Trotzalter, will alles «selber». Das ist normal. Ich bin aber ziemlich sicher, dass sie merkt, dass nicht alles «normal» ist zur Zeit. Kinder spüren den Stress der Erwachsenen. Sie bekommen mit, wenn Eltern besorgt sind oder ausgelaugt.

Nichts ist mehr normal in dieser Zeit. Und ganz ehrlich: Ich könnte manchmal auch durch den Garten rennen und laut «Nein!» schreien, wenn ich wieder hinein muss. Es macht mich wütend und ich werde trotzig, weil meine Freiheit eingeschränkt ist. Ich kann den Menschen nicht nahe sein, die mir am meisten bedeuten. Ich kann meine Kinder nicht umarmen. Ich bin leicht genervt, wenn meine Frau (die ich liebe) etwas von mir will, das mir nicht einleuchtet. Möglicherweise bin ich das immer, aber im Moment merke ich es sogar.

Der Reiz dieser neuen Situation – falls es den je gegeben hat – ist definitiv vorbei. Aber dieser Ausnahmezustand ist noch lange nicht vorbei. Ich habe Arbeit. Das ist gut. Vieles läuft übers Internet. Ich habe meinen März-Lohn pünktlich überwiesen erhalten. Wir haben genug zu essen. Sogar das eine Medikament, das lange nicht mehr lieferbar war, habe ich wieder erhalten. Mir geht es rundum gut.

In anderen Ländern kämpfen Menschen ums nackte Überleben. Auch in unseren Spitälern und Altersheimen ringen Menschen mit dem Tod. Andere sind wirtschaftlich gefährdet, verlieren ihre Stelle. Ich bin privilegiert. Andere Väter haben schon lange keinen Kontakt mehr mit ihren Kindern, sind zerstritten oder desinteressiert. Ich erhalte kleine und grosse Zeichen von Freunden, die an mich denken.

Was mir fehlt, sind die Freunde selbst. Das lässt sich durch keinen Bildschirm ersetzen. Brauchte es wirklich diese Krise, damit ich spüre, wie sehr mir all diese Menschen fehlen? Ich vermute: Ein grosser Teil meiner Wut und meines Trotzes ist in Wirklichkeit Trauer. Ich kann den Verlust so schlecht akzeptieren. Ich verstehe meine Enkeltochter von ganzem Herzen. Ich hoffe, dass ich so alt werde, dass ich ihr das eines Tages erklären kann. Und dann werfen wir den Ball «bis in Himmel».

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel. Er lebt in Basel.

Meistgesehen

Artboard 1