Interview

Bitch-Queens-Frontmann zu Punk und Lehrertum: «Die Schüler googeln mich sowieso»

Die Basler Band Bitch Queens veröffentlicht am Freitag ihre vierte Platte.

Die Basler Band Bitch Queens veröffentlicht am Freitag ihre vierte Platte.

Seit 2008 sorgen die Bitch Queens für Aufsehen. Das Basler Punkrock-Quartett steht für schweisstreibende Shows und provokante Videoclips. Frontmann Melchior Quitt (34) schafft zwischen Musikerdasein und Berufsalltag einen Spagat: Seit zehn Jahren ist er Primarlehrer am Gotthelf-Schulhaus.

Eine Zeile Ihres neuen Albums lautet «I don’t wanna study, I just wanna party». Wie reagiere Sie, wenn Ihnen Ihre Klasse diesen Slogan entgegenschmettert?

Melchior Quitt: Das wäre vollkommen legitim. Meine Schüler sind vielleicht noch etwas zu jung, aber auf Sek-Stufe ist es ein wichtiges Bedürfnis, Grenzen auszuloten. Ich hatte als Schüler auch nicht immer Bock auf Schule, entsprechend kann ich als Lehrer damit umgehen.

Haben Sie in Ihrer Klasse denn schon Rebellen?

Ja, jetzt auf der sechsten Stufe fängt es an. Wenn man fair ist und mit Humor vorgeht, kann man auch klare Grenzen setzen. Ich mache mit diesem Mittelweg gute Erfahrungen.

Hilft Ihr cooles Auftreten?

Wenn man als Lehrperson versucht, cool zu sein, dann hat man so oder so den Holzweg eingeschlagen. Ich trenne mein Musikerleben von meinem Beruf.

Ihr Äusseres bleibt aber mehr oder weniger das Gleiche.

Logisch. Ich bin im Klassenzimmer zwar nicht geschminkt, aber die langen Haare und die Tattoos bleiben natürlich.

Die Bitch Queens. (Archivbild)

Die Bitch Queens. (Archivbild)

Thematisieren Sie das, wenn Sie eine neue Klasse übernehmen?

Es kommt jeweils von den Schülern aus. Die haben mich ohnehin längst gegoogelt. Dann ergeben sich oft sehr spannende Gespräche. Wir thematisieren beispielsweise Rollenmuster und was es bedeutet, als Mann geschminkt zu sein. Wenn die Kiddies merken, dass es vollkommen ok ist, anders zu sein, dann habe ich etwas erreicht. Damit ist das Thema dann aber auch abgeschlossen, und meine Schüler sehen mich einfach als Lehrer.

Die Bitch Queens spielen gerne mit Rollen: Sie sind im Punkrock daheim, einer traditionell machoiden Musikrichtung, greifen aber auch zu Mascara.

Wir wollen bewusst Muster aufbrechen. 2019 kann man als Band nicht mehr ernsthaft in den alten Rollen verharren. Wenn wir auf einen Clip wie «Lick It Like You Like It» homophobe Reaktionen bekommen, dann lösen wir beim Zuschauer offenbar etwas aus.

Im Video sieht man Männer in Nahaufnahme an Glaces lecken. Wie haben Ihre Schüler reagiert?

Die haben mich gefragt, warum da so viel Glace gegessen wird. Alles andere passiert in den Köpfen der Erwachsenen.

Sie sagen, die Schüler seien sehr offen. Wie steht es mit Eltern und Schulleitung?

Ich hatte noch nie Probleme, auch wenn ich nach manchen Videoclips mit Reaktionen gerechnet hätte. Das liegt vielleicht daran, dass ich meinen Beruf als Lehrer sehr ernst nehme. Damit gebe ich allfälliger Kritik keinen Nährboden.

Werden Sie von Eltern auf Ihre Band angesprochen?

Einmal sagte mir eine Mutter, sie fände die Videos schon etwas eigenartig. Aber ihr sei es lieber, wenn sie wisse, was der Lehrer ihres Kindes in seiner Freizeit mache, als dass sie ihn nicht durchschauen könne.

Gab es Momente, in denen Sie sich zensiert haben?

Nein, ich mache mir die Gedanken immer erst im Nachhinein. Wir arbeiten ja meist sehr spontan. Zudem liegen die Skandalclips wie etwa «Gimme a Kiss» nun auch schon ein paar Jahre zurück. Damals hatte ich vielleicht eine etwas andere Leichtfüssigkeit.

Also täuscht der Eindruck nicht, dass die neueren Videos zahmer sind?

Man kann sich als Band nicht ewig beim Gleichen aufhalten. Wir wollen uns ja nicht bloss immer wieder toppen, das wäre dann auch aufgesetzt.

Auf der neuen Platte geht es dafür politischer zu. Warum?

In der heutigen Zeit finde ich es unverantwortlich, wenn man als Künstler nicht klar Stellung bezieht. Ich kann nicht mehr mit Schweizer Neutralität auf die Bühne stehen.

Und vor eine Schulklasse treten?

Meine Grundhaltung kann ich natürlich nicht komplett ausklammern, aber ich bringe meinen Schülerinnen und Schülern und ihrem jeweiligen Hintergrund eine grosse Toleranz entgegen. Bei mir im Klassenzimmer haben alle Meinungen Platz.

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