Regierungsfotos

Bitte einmal locker machen: Wie das Regierungsfoto von der Pflichtübung zum PR-Instrument wurde

Man könnte das offizielle Regierungsfoto als eine der unbedeutendsten Handlungen in der Karriere der Magistraten abtun. Doch an diesem Detail lässt sich der Wandel der Politik auf lokaler Ebene gut beobachten: Die Regierungen von Stadt und Land sind im Instagram-Zeitalter angekommen.

So ganz genau wussten weder Carlo Conti noch Ralph Lewin oder Christoph Eymann, weshalb sie sich dicht zusammen vor das Rathaus drängten und säuerlich bis sympathisch den Fotografen anstarrten. Das war 2008 und das Regierungsfoto war nicht mehr als eine lästige Pflicht, erinnern sich die drei ehemaligen Magistraten.

Das Regierungsfoto ist eine politische Petitesse, über die sich die Medien gerne das Maul zerreissen. So geschehen diese Woche. Teilweise so vernichtend fiel das Urteil der Presse über das jüngste Shooting der basel-städtischen Regierung aus, dass einzelne Exekutivmitglieder mit einem anderen Bild aus der Serie konterten. Das zweite Foto zeigt die Basler Magistraten von einer ungewohnt lockeren Art. Auf Facebook und Twitter ernteten sie dafür grosses Lob. Das offizielle Foto der Regierung steht aber sowohl in Stadt als auch Land exemplarisch für einen Wandel der Politik. Eine Politik, in der die Selbstvermarktung wichtiger geworden ist, in der Ecken und Kanten weichgezeichnet werden und der Photoshop der Imagepflege dient.

Klare Aufstellung, um Knatsch zu vermeiden

Das war früher nicht so. «Wir konnten uns alle nicht wirklich für diesen Termin erwärmen. Wir empfanden es als Pflichtprogramm und wussten eigentlich nicht, wozu dieses Foto diente», sagt Conti. «Meine Geduld war limitiert», pflichtet ihm Ralph Lewin bei. «Es musste schnell gehen, am besten in einer Pause der Regierungssitzung. Deswegen entstanden die meisten Fotos damals direkt vor dem Rathaus. Ein paar Mal abdrücken, fertig.»

Wenn eine Gruppe von Menschen gleichzeitig in eine Kamera blickt, sehen selten alle auf Anhieb gut aus. Entsprechend brauchte es meist viele Anläufe, bis der Fotograf zufrieden war. Damit auch sonst keine regierungsrätlichen Gefühle verletzt werden, folgen solche Shootings einem strengen Programm. Für Basel-Stadt heisst das noch heute: In der Mitte steht die Präsidentin, zu ihrer Rechten der Vize. Links neben ihr hat das dienstälteste Mitglied zu stehen; auch ansonsten gilt das Anciennitätsprinzip. Für den Betrachter rechts aussen steht das jüngste Mitglied, links die Staatsschreiberin. So lassen sich Diskussionen vermeiden. Für erheblichen Protest habe es auch gesorgt, als sich die Herren Regierungsräte das erste Mal für das Foto schminken sollten, erinnert sich Eymann.

Im Baselbiet bestimmt jeweils der Regierungspräsident das Foto

Ein Unterschied zwischen Stadt und Land: Da im Baselbiet das Regierungspräsidium jährlich wechselt, darf immer ein neues Mitglied über das Regierungsfoto bestimmen. Heute ist das spontane Prozedere einer Inszenierung gewichen. Früher noch hemdsärmelig und in schlechtem Licht in Liestal («eine Übung auf tiefem Niveau», so der frühere Bildungsdirektor Urs Wüthrich), wird seit einigen Jahren deutlich mehr Wert auf eine hübsche Kulisse gelegt – der französische Garten im Schloss Wildenstein, der neue FHNW-Campus oder eine moderne Kunstinstallation. «Anfangs sind wir nur kurz hingestanden. Später haben wir uns mehr überlegt», sagt Sabine Pegoraro, die 16 Jahre lang Baselbieter Regierungsrätin war. In Erinnerung geblieben ist ihr das Fotoshooting in der Aescher Klus. Nach einer Rückenoperation und wochenlanger Rekonvaleszenz ihr erster Termin ausser Haus.

Mehr und mehr ziert das Foto offizielle Unterlagen, online wie Print. Analog dazu Basel-Stadt: Gemäss der Staatskanzlei besteht eine immer höhere Nachfrage nach diesem Bild. 

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