Bankratspräsidium
BKB: Die Vorbehalte gegen Andreas Sturm werden lauter

Der designierte Bankratspräsident Andreas Sturm hat seine Wahl alles andere als auf sicher. In den Parteien mehren sich kritische Stimmen. Sein Entscheid zur Vorwärtsverteidigung scheint keine Früchte zu tragen. Die Vorbehalte werden immer lauter.

Christian Mensch und Valentin Kressler
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Licht und viel Schatten bei der «fair banking»-Bank BKB.

Licht und viel Schatten bei der «fair banking»-Bank BKB.

Kenneth Nars

Andreas Sturm, grünliberaler Grossrat, hatte eigentlich keine Chance, je Verwaltungsratspräsident der Basler Kantonalbank (BKB) zu werden. Dazu trug er das falsche Parteibuch. Eine Kaskade von Fehlleistungen kostete den amtierenden Bankratspräsidenten Andreas Albrecht (LDP) jedoch den Job und Sturm wusste die Lücke zu nutzen, die sich unverhofft auftat.

Er habe die volle Unterstützung der Bankräte, begründete Sturm seinen Anspruch, vom Grossen Rat im Januar auch offiziell zum BKB-Präsidenten gewählt zu werden. Doch die Einheit täuscht: Kaum von Albrecht als dessen Nachfolger inthronisiert, kolportierten überrumpelte Bankräte Sturms Achillesferse: Er habe sich vor wenigen Monaten den Auftrag gemischelt, über seine Kommunikationsagentur Phorbis den BKB-Jahresbericht schreiben zu dürfen. Sturm entgingen die Gerüchte nicht und er reagierte: Im Interview mit der «Basler Zeitung» legte er die Verbindung ungefragt offen und erklärte gleichzeitig, er habe dieses Mandat bereits wieder zurückgegeben und dafür auch kein Geld erhalten. Ein meisterliches Werk an öffentlicher Irreführung.

Albrecht zelebrierte sein Amt zuletzt als sündiger Büsser, Sturm versucht sich nun als rigider Exekutor strengster Corporate-Governance-Regeln. Alles wird offengelegt, zumindest wenn die Gefahr besteht, dass es ohnehin an die Öffentlichkeit kommt. Mit der prophylaktischen Offenlegung seines Phorbis-Mandats hat er allerdings den Geist aus der Flasche gelassen: Wie steht es um die Selbstbedienungshaltung der anderen Bankräte? Das war nun die Frage.

Auf das entsprechende Nachhaken der «Schweiz am Sonntag» vom Mittwoch benötigte die BKB-Pressestelle Zeit bis Freitagmittag, um dann verschiedenen Medien eine Zusammenstellung zukommen zu lassen und diese gleichzeitig, wenn auch versteckt, auf der BKBHomepage zu publizieren. Der PR-Effekt der Botschaft: Sturms Bezüge, die er als Berater der BKB-Tochter Bank Coop in den Jahren 2009 bis 2011 erwirtschaftet hatte, relativieren sich angesichts der Geldsummen, die vor allem in die Kanzlei Vischer seines Amtsvorgängers Albrecht und zum Versicherungsbroker und CVP-Bankrat Markus Lehmann flossen. Da selbst der unscheinbare Berater Helmut Hersberger (FDP) zweimal für insgesamt 28 000 Franken bedient wurde und auch der überkorrekte Anwalt Jan Goepfert (SP) in den vergangenen fünf Jahren für eine juristische Stellungnahme einmal 1100 Franken in Rechnung stellte, sitzen nun praktisch alle Parteien im Boot der Ertappten.

Skandalträchtig sind vor allem die Bezüge des Nationalrates Markus Lehmann. Der Verwaltungsrat der BKB wie der Bank Coop verkauft seit 2009 der Bank Coop Versicherungen, wofür er jährlich rund 30 000 Franken an Maklerprovision erhält. Seit vergangenem Jahr gehört auch die BKB zu seinen Kunden, wofür er mit weiteren 30 000 Franken garniert wird. Alle Bankräte haben dies gewusst, erklärt die BKB-Pressestelle auf Anfrage. Ein Fehlerbewusstsein hat Lehmann folgerichtig keines. Er wirft sich gegenüber der «bz Basel» vielmehr als BKB-Wohltäter in die Brust: Die Bank habe von ihm profitiert, da er einen Kick-back von 25 Prozent rückerstattete – wobei solche Gewinnaufteilungen im Versicherungsgeschäft nicht unüblich sind.

Wenn korrekt ist, was kolportiert wird, dass sich Lehmann in der entscheidenden Bankratssitzung kritisch zum unerwarteten Aufstieg von Sturm an die Bank-Spitze geäussert hatte, so ist diesem mit Lehmanns Blossstellung die Revanche gänzlich geglückt. Doch Sturm bringt auch seinen Mentor und Vischer-Anwalt Albrecht in die Bredouille.

Rund 225 000 Franken im Jahresdurchschnitt erzielte die Anwaltskanzlei Vischer an Honorarvolumen seit 2009; weiter in die Vergangenheit reicht die Transparenz-Offensive der BKB nicht. Der Vischer-Anteil an den gesamten Anwaltskosten des BKB-Konzerns sank allerdings nur deshalb auf durchschnittliche drei Prozent, weil dieser Kostenblock dank USA- und ASE-Skandal und den entsprechenden Rechnungen der Zürcher Kanzlei Homburger auf über zehn Millionen Franken im laufenden Jahr explodierte.

Explosiv ist allerdings, dass die Kanzlei Vischer gemäss zwei unabhängigen Quellen auch die Akquisition der AAM Privatbank für angeblich 60 Millionen Franken durch die BKB organisierte. Ungefragt verschickte der frühere BKB-Präsident Willi Gerster (SP) diese Woche ein Rundmail an einen ausgewählten Adressatenkreis, in dem er betont, daran nicht beteiligt gewesen zu sein: «Der Kauf der AAM-Privatbank und deren missglückte Integration ins Private Banking Zürich erfolgte im Herbst 2009.» Was bedeutet: Kaum war Albrecht im Amt als Bankratspräsident, wickelte seine Kanzlei einen Zukauf ab, der sich als Flop erwies. BKB-Sprecher Michael Buess bestätigt den Zeitpunkt und die Verantwortlichkeiten für die Akquisition. Zur Rolle der Kanzlei Vischer sagt er nichts, da die «BKB über einzelne Mandate keine Auskunft erteilt».

Andreas Sturm hat mit seiner Vorwärtsstrategie einen Polit-Tsunami ausgelöst, wobei fraglich ist, ob ihn die Welle tatsächlich zum dauerhaften BKB-Präsidium trägt und er zum Retter einer delierenden Bank aufsteigt oder ob ihn die Welle nicht vielmehr unter sich begräbt.

In den politischen Parteien mehren sich die Vorbehalte. An den Fraktionssitzungen von morgen Montagabend könnten bereits Gegenkandidaturen lanciert werden. SP-Grossrätin Dominique König fragt: «Ist es richtig, dass ein bisheriger Bankrat gewählt wird, nach allem, was passiert ist?» FDP-Präsident Daniel Stolz kritisiert das Verfahren: «Es ist nicht gut, wenn der Grosse Rat vor vollendete Tatsachen gestellt wird.» SVP-Sprecher Joël Thüring weiss schon heute: «Ich werde ihn nicht wählen.» Sein Fraktionskollege Patrick Hafner, Präsident der Finanzkommission, sagt jedoch: «Wer sonst?»

Sturms Vorpreschen bringt die Basler Politik in arge Bedrängnis. Unter den Parteien herrsche zum Thema BKB aber weiterhin eine «Omertà», sagt ein Insider, der sich selbst auch nicht getraut, das Schweigegelöbnis offen zu durchbrechen. Doch mitgehangen, mitgefangen wird die Mitverantwortung der Basler Politik an den verstrickten BKB-Verhältnissen immer offenkundiger. Die Geschäftsprüfungskommission will die Vorgänge nun zwar überprüfen. Präsident Tobit Schäfer (SP) sagt: «Die Kommission muss Verfehlungen und Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden, aufarbeiten, damit sie in Zukunft unter einem neuen BKB-Gesetz verhindert werden können.» Doch Schäfer hat das Geschäft zur Chefsache erklärt und gleichzeitig allen Kommissionsmitgliedern erhöhte Geheimhaltung abverlangt.

Viel Zeit bleibt den Politikern nicht, um Alternativen zu Andreas Sturm zu finden. Grossratspräsident und Albrecht-Kanzleikollege Conradin Cramer (LDP) bestätigt auf Anfrage: «Die Wahl zum Bankratspräsidenten findet am Vormittag des 8. Januar statt.» Voraussetzung ist allerdings, dass Albrecht seinem angekündigten Rücktritt auch ein offizielles Rücktrittsschreiben folgen lässt. Ein solches steht noch aus. Formell ist damit Sturm auch nicht BKB-Präsident, nicht einmal ad interim.