Film

Blaue Bohnen für Corona: Basels berühmteste Ganoven sind zurück

Unheimlich gute Freunde: Sandweg (Helmut Förnbacher, Mitte) und Velte (William Berger) mit Gangsterliebchen (Giorgia Moll) in «Sommersprossen».

Unheimlich gute Freunde: Sandweg (Helmut Förnbacher, Mitte) und Velte (William Berger) mit Gangsterliebchen (Giorgia Moll) in «Sommersprossen».

Die Helmut Förnbacher Theater Company leidet wie alle Schauspielbühnen unter der Pandemie. Jetzt schickt der Direktor zwei Killer los.

Ein Bankschalter, zwei Männer mit dunklen Sonnenbrillen, ein Räuspern. «Meine Herren, es handelt sich hier um einen kleinen Überfall.» Trotz der höflichen Aufforderung, keine Dummheiten zu machen, zeigen sich die Basler Beamten unverständig. Schüsse fallen, Kunstblut spritzt. Minuten ­später flüchten Kurt Sandweg und Waldemar Velte mit 228 Schweizer Franken, 119 Reichsmark und 103 französischen Francs. Sowie zwei Toten mehr auf ihrem Konto.

«Sommersprossen» heisst der Spielfilm aus dem Jahr 1968, der vom Leben und ­Sterben der berüchtigsten Kriminellen handelt, die das Rheinknie je zum Schlottern brachten. Erzählt wird die ­Geschichte zweier deutscher Ingenieure, die sich in den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts aus dem mörderischen Nazideutschland freizuschiessen versuchten, in Basel aus Liebe zu einer Schallplattenverkäuferin hängen blieben und im Margarethenpark, von der Polizei eingekesselt, den Freitod wählten.

52 Jahre nach der Uraufführung von «Sommersprossen» plagen Kurt-Sandweg-Darsteller und Regisseur Helmut Förnbacher existenzielle Sorgen: Wie und wann es mit seiner Theater Company weitergehe, wisse er nicht. Eben erst hat der Direktor einen Grossversand gestartet und das Programm für die zweite Spielhälfte verschickt – umsonst. «Alleine die Briefmarken für den Grossversand kosten 10000 Franken.» Und das sei nur ein Bruchteil der Kosten, die wegen der Pandemie anfielen. «Von den fehlenden Einnahmen ganz zu schweigen.»

Förnbacher hatte auf eine klare Ansage gehofft, wann er seine Theater Company wieder öffnen kann. Da der Bundesrat aber erst Ende Mai entscheiden will, wann die grossen und kleinen Bühnen des Landes ihren Betrieb wieder aufnehmen können, geht das Bangen weiter. «Jetzt müssen wir halt wieder warten», stellt Förnbacher am Telefon ernüchtert fest. «Für nicht staatlich subventionierte Kultur fehlt in Bern leider die nötige Lobby.»

Grossvaters Kino über den Haufen geschossen

Stattdessen schickt der Theatermacher jetzt noch einmal sein Ganoven-Duo auf Tour, als digitalen Gruss aus der Zwangspause sozusagen: Der vom Schweizer Fernsehen ­restaurierte Film ist aktuell auf der Seite der Helmut Förnbacher Theater Company als Download-Link verfügbar – je nach Qualität für einen Betrag von 20 oder 25 Franken (Hier geht es zur Seite). «Ich weiss, dass viele Menschen diesen Film gerne (wieder-)gesehen hätten», schreibt Förnbacher in einer Rundmail an sein Publikum und die Medien. «Jetzt ist das – endlich! – wieder möglich.»

Die blutrünstige Geschichte der beiden Bankräuber beschäftigt Helmut Förnbacher seit seiner Kindheit. Im Rahmen eines Schulprojektes hatte er als Bub das Polizeimuseum besucht, wo ihm ein älterer Polizist die Mordgeschichte erzählte. «Er zeigte mir die originalen Revolver der beiden – und das faszinierende Tagebuch, das Velte bis zum bitteren Ende im ­Margarethenpark geschrieben hatte.» Obwohl Förnbacher die beiden kritisch sieht («das ­waren keine Wohltäter»), hegt er zumindest für ­die Filmfiguren eine gewisse Sympathie: «Sie waren nicht einfach böse. Es war ein Befreiungsversuch zweier junger Menschen, der schiefgelaufen ist.»

Dass sich diese Ereignisse sozusagen filmreif vor der eigenen Haustüre abgespielt hatten, liess Förnbacher nie mehr los. «Es war mir schon immer klar, dass ich das einmal verfilmen werde.» Zweieinhalb Jahrzehnte später war es so weit: Förnbacher hatte den Beruf des Schauspielers aufgenommen und erste Regieerfahrung gesammelt. Die Jugend gärte, Grossvaters behäbiges Kino geriet unter Druck, das Fernsehen lief den Schauspielhäusern den Rang ab. «Ein Saal nach dem anderen musste schliessen», erinnert sich Förnbacher. Doch während die Schweiz und Deutschland den Anschluss an den Zeitgeist zu verpassen drohten, fand in Frankreich eine filmische Revolution statt. An ihrer Spitze: ausgerechnet ein Schweizer!

Mit dem Gangsterfilm «À bout de souffle» (1960) hatte der Waadtländer Jean-Luc Godard die experimentierfreudige Nouvelle Vague ins Rollen ­gebracht, der gesellschaftskritische Ansatz und die Lust an ­unkonventionellen Geschichten schwappte bald in die USA über. Dort leitete ebenfalls ein Gaunerstück die Erneuerung des ­alten Hollywood-Studiosystems ein: «Bonnie and Clyde» (1967) erzählt die – ebenfalls auf wahren Begebenheiten basierende – Geschichte eines Paares, das in den Dreissigerjahren auf eine mörderische Spritztour geht und zuletzt im Kugelhagel der Polizei stirbt.

Liess sich Förnbacher vom US-Antihelden-Kino anstecken? «Das Erstaunliche an der Sache war, dass ‹Sommersprossen› und ‹Bonnie and Clyde› parallel entstanden sind und wohl auch aus einem ähnlichen Gefühl heraus», erwidert Förnbacher. «Ich wusste von dem amerikanischen Film nichts, als wir drehten – und Internet gab es ja noch nicht.» Sehr wohl habe der Erfolg von «Bonnie and Clyde» aber dabei geholfen, weltweit Verleiher für den Film zu finden: Auch in den USA war «Sommersprossen» zu sehen, unter dem Titel «What a Way To Die».

Ein Raubmörder aus dem ­Spaghettiwestern

«‹Sommersprossen› war mein erster eigener Spielfilm», erzählt Förnbacher. «Es herrschte Aufbruchstimmung, man konnte sich viel freier bewegen, gerade auch die Frauen: Das war vorher unvorstellbar.» Alle wollten etwas Neues ausprobieren, nur habe sich in der Schweiz niemand getraut. «Ich hatte vor meinem Regiedebüt eine Rolle in dem ebenfalls in Basel gedrehten Film ‹Rosen auf Pump›. Als er im Basler Kino Eldorado Premiere hatte, stürmte die Polizei den Saal, weil im Schaukasten eine weibliche Brust im Ansatz zu sehen war. So prüde war es damals in der Schweiz!»

Diese Biederkeit sieht man der Stadt Basel, in der «Sommersprossen» hauptsächlich gedreht wurde, an: abgestandene Gassen, altertümelnde Lokale, manches davon verschwunden. So spannend der Film als Zeitdokument ist, so überraschend sind seine verwegenen Bildeinfälle und Kameraeinstellungen, bei denen die Welt auch einmal kopfsteht. Neben Förn­bacher als Sandweg spielte William Berger den zweiten Bankräuber, Waldemar Velte. Förnbacher hatte ihn in Italien kennengelernt, wo er sich regelmässig mit jungen Cineasten traf und austauschte.

«Berger war ein Amerikaner, der in Italien hängenblieben war und in Spaghettiwestern als ­Bösewicht auftrat», erklärt Förnbacher. Der in Österreich geborene Berger war auch Mitglied des anarcho-pazifistischen «Living Theatre», das Europa zum Zittern brachte. «Das ganze Ensemble spielte nackt. Es war eine Art Gruppentherapie, die etwas Faszinierendes ausstrahlte.» Zum internationalen Cast der deutsch-schweizerisch-italienischen Koproduktion gehörte auch Giorgia Moll, die als Gaunerliebchen blankzog. Die Stunts, zu denen Autounfälle und Explosionen zählen, wurden ebenfalls von einer italienischen Crew orchestriert.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Daneben kamen aber auch zahlreiche Schweizer Volksschauspieler zu ihrem – teils letzten – Auftritt in «Sommersprossen». Der Solothurner Ruedi Walter hat im Bergrestaurant Gempen eine Kurzauftritt als Denunziant, Schaggi Streuli («Polizischt Wäggerli») spielt den ermittelnden Basler Kommissar, Margrit Rainer («Hinter den sieben Gleisen») eine Pensionsbesitzerin. Förnbacher hatte sie bereits in jungen Jahren kennen und schätzen gelernt. «Die alten Schweizer Filme waren ja nicht nur schlecht – es gab schon immer sehr gute Regisseure und Schauspieler, die ich bei mir noch einmal auftreten liess.»

Liegt es bei dem filmischen Know-how, das Förnbacher gesammelt hat, nicht auf der Hand, seine Stücke aufzuzeichnen? Der Direktor verneint. «Theater und Film sind grundverschieden, sie unterliegen anderen Gesetzmässigkeiten.» Je besser eine Inszenierung auf der Bühne, desto schlechter sei in der Regel die Aufzeichnung. Von den Kosten ganz zu schweigen.

Förnbacher mag nicht schwarzmalen, irgendwann werde alles wieder gut. «Aber für die Theaterkompanie ist es eine Katastrophe. Die Schauspieler leben für die Bühne, die verzweifeln zu Hause.» Man lese überall, dass der Bund 20 Millionen für die Kunst bereitstelle. «Aber wie? Mit einem Überbrückungskredit würde ich Schulden auf Schulden laden. Und unbürokratisch ist die Sache schon gar nicht, selbst Fachleute verzweifeln daran.»

Sandweg und Velte hätten sich zu helfen gewusst.

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