Gaby Rechsteiner steht in der Eingangstür zur Sonderausstellung «Flickwerk zur Erleuchtung». In ihrer rechten Hand hält sie Jeffrey Johnson. Er ist ihr fast immer einen halben Meter voraus, seine Kugelspitze zeigen ihr Hindernisse an. Jeffrey Johnson – so nennt Gaby Rechsteiner ihren Blindenstock.

Zwischen den ausgestellten Mönchsgewändern im Museum der Kulturen rollt seine Kugel entlang der silbrigen Markierungen am Boden. «Dank den Leitlinien finde ich mich im Raum selber zurecht», sagt die 29-Jährige.

Hören, tasten, riechen

Über die ausgestellten Textilien weiss sie schon Bescheid. Sie hat das Museum der Kulturen beraten, wie dieses die Ausstellung für sehbehinderte Menschen erfahrbar machen kann. «Ein Museum ist ein öffentlicher Raum und sollte deshalb für alle Menschen zugänglich sein», betont Anna Schmid, Direktorin des Museums der Kulturen. «Mit dem Neubau ist das Museum für gehbehinderte Menschen problemlos erschliessbar. Jetzt wollen wir die nächsten Vermittlungsangebote angehen.»

Deshalb hat das Museum für die Sonderausstellung «Flickwerk zur Erleuchtung» Gaby Rechsteiner hinzugezogen. Die Psychologiestudentin erfuhr als 14-Jährige von ihrer degenerativen Augenerkrankung. Heute kann sie noch Umrisse und Schattierungen wahrnehmen.

Die junge Frau engagiert sich bei Procap, dem schweizweit grössten Mitgliederverband von und für Menschen mit Behinderung. «Bei Procap haben wir gemerkt, dass auch bei Museen viele Fragen und Unsicherheiten im Raum stehen.»

In Zusammenarbeit mit dem Szenografen entstand dadurch das Konzept der Bodenmarkierungen in der Ausstellung. Ein Katalog in Brailleschrift liefert Informationen zu den ausgestellten Objekten.

Zudem gibt es eine Station, die speziell für die Bedürfnisse von seh- oder hörbehinderten Besuchern entwickelt wurde. Dort liegen Stoffe, die – entgegen der anderen ausgestellten Textilien – angefasst werden dürfen.

Damit sehbehinderte Menschen erfahren, wie Mönche ihre Gewänder tragen, stehen zwei Skulpturen bereit. Daneben zeigt ein Mann in einem Video, wie eine solche «kesa» angezogen wird. Sehbehinderte Menschen können über einen Kopfhörer den vertonten Anleitungen und Erklärungen folgen.

Sehende können Sinne schärfen

«Es gibt die Technik, um Inhalte für verschiedenste Menschen zugänglich zu machen», sagt Gaby Rechsteiner. Die von ihr mitentwickelte Station für Seh- und Hörbehinderte fällt dabei in der Ausstellung als solche nicht auf. Vielmehr erscheint sie wie ein Zusatzangebot, das für alle Besucher einen Mehrwert bietet.

So auch die Geruchsprobe, wo Besucher schnuppern können, wie Sandelholz riecht. «Tasten, riechen, hören – das ist beispielsweise auch für Kinder spannend», sagt Gaby Rechsteiner. Auch die Direktorin des Museums der Kulturen, Anna Schmid, sieht im neuen Vermittlungsformat viel Potenzial: «Unsere Wahrnehmung ist viel zu eingeschränkt. Mit einem solchen Angebot können wir die Sinne aller schärfen.»

Das Museum der Kulturen bietet für die Sonderausstellung auch spezielle Führungen für Sehbehinderte an. Für hörbehinderte Menschen werden Führungen in Gebärdensprache organisiert.