Die Ankündigung, dass alt Bundesrat Christoph Blocher die Basler Zeitung Medien beraten soll, hat am Rheinknie ein mittleres Erdbeben ausgelöst: Auf www.bazonline.ch wurden bis gestern Abend um 19 Uhr über 400 Kommentare zur Meldung vom Sonntag registriert; davon äusserten sich geschätzte zehn Prozent positiv zum Engagement von Blochers Firma Robinvest bei der BaZ.

Auf dem Internet finden sich neue Facebook-Gruppen mit vielsagenden Namen wie «‹BaZ›-Abo künden» oder «Eine neue Zeitung für Basel – ohne Tettamanti, Wagner, Somm und Blocher»; sie generierten innert weniger Stunden mehrere hundert neue Freunde.

Die jüngsten Entwicklungen haben die «BaZ»-Redaktion auf den Plan gerufen: «Wir sind in grösster Sorge. Wir befürchten einen riesigen Imageverlust für unsere Zeitung», sagt Basel-Redaktor Patrick Künzle gegenüber der Basellandschaftlichen Zeitung. Jedes Redaktionsmitglied könne mindestens zehn Personen aus seinem Bekanntenkreis aufzählen, die in letzter Zeit ihr Zeitungsabo gekündet hätten, berichtet der Sprecher der Redaktionskommission.

Letztere hat gestern einen offenen Brief an Verleger Martin Wagner veröffentlicht. Dieser wurde von den rund 70 anwesenden Redaktions-Mitarbeitenden (samt Ressortleitern) einstimmig verabschiedet; einzig die dreiköpfige Chefredaktion war nicht involviert. Im Brief wird Wagner aufgefordert, jegliche politische Einflussnahme auf die «BaZ» zu stoppen.

Misstrauensvotum gegen Somm

Im Februar 2010 hat das Gespann Tito Tettamanti und Martin Wagner die «BaZ» von der Verlegerfamilie Hagemann übernommen. Seit Ende August der frühere «Weltwoche»-Vizechef und Blocher-Biograf Markus Somm als Chefredaktor installiert worden ist, sei ein schleichender Kurswechsel zu beobachten, ist aus der «BaZ»-Redaktion zu hören.

«Wir dürfen grundsätzlich schreiben, was wir wollen», stellt Künzle klar. Bei der Auswahl der Themen, der Kolumnisten und Gastautoren sei indes eine politische Einflussnahme zumindest nicht zu verneinen. Ob Zufall oder nicht: Am Samstag schrieb Blocher auf der Kultur-Titelseite der «BaZ» einen Seiten füllenden Artikel unter dem Titel: «Die Schweiz in Europa. Insel der Glückseligen.» Vor dem Hintergrund des Kurswechsels fordert die Redaktion den Verleger auf, die Zusammenarbeit mit Somm nach zweieinhalb Monaten zu überprüfen.

«Das Vertrauensverhältnis mit Herrn Somm ist gestört», sagt Künzle dazu. Die Redaktion kritisiert schliesslich die Informationspolitik des Gesamtunternehmens: «Es ist suboptimal, wenn wir über wichtige Unternehmensentscheide – wie jüngst die Verlegung des Holding-Sitzes – aus anderen Zeitungen erfahren», sagt Künzle. Die Redaktion fordert denn auch, dass der Verleger seine Verantwortung wieder aktiv wahrnehme und die wahren Besitz- und Interessenverhältnisse offenlege.

Letzteres fordert auch die grösste Basler Partei, die SP: «Es wäre eine vertrauensbildende Massnahme, dies gegenüber der Öffentlichkeit transparent zu machen», sagt SP-Präsident Martin Lüchinger. Er befürchtet, dass in Basel Arbeitsplätze in Gefahr sind. Darauf lasse der Bericht in der «NZZ am Sonntag» schliessen, wonach hinter den Kulissen die Zerschlagung des Unternehmens in seine Einzelteile vorbereitet werde.

Keine Einflussnahme auf Redaktion

Für mehr Transparenz plädiert auch Handelskammer-Direktor Andreas Burckhardt. «Die Öffentlichkeit weiss seit der Übernahme durch die Herren Wagner und Tettamanti nicht, wie die Eigentumsverhältnisse wirklich sind.» In Bezug auf Blochers Mandat plädiert Burckhardt indes für etwas mehr Gelassenheit: «Wir sollten unaufgeregt analysieren, was wirklich passiert ist.»

Weder Somm noch Wagner waren gestern für die Basellandschaftliche Zeitung zu erreichen. Bei Telebasel verteidigte sich Somm: «Es gibt keine politische Einflussnahme auf die Redaktion.» Dass das Vertrauensverhältnis zur Redaktion zerrüttet sein soll, stellte Somm in Abrede; ebenso, dass er in der Redaktion als verlängerter Arm Blochers fungiere. Martin Wagner will heute Morgen um 9 Uhr der Redaktion Rede und Antwort stehen.